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Maja Göpel "Es geht nicht um einen Verteilungskampf, sondern darum, dass gemischte Teams erfolgreicher sind"

Politökonomin Maja Göpel sieht in der Frauenquote nicht nur die Chance auf mehr Diversität, sondern vor allem auf größeren Erfolg. 

"Es gab mal einen wissenschaftlichen Workshop, in dem ich die einzige Frau war. In dieser Runde aus Ökonomen wurde unheimlich viel Name-Dropping betrieben; die Teilnehmer verwiesen auf Schlagworte und Konzepte, ohne deren Inhalte zu nennen. Ich hatte das Gefühl, dass wir so inhaltlich gar nicht weiterkommen. Und dann habe ich gesagt: ,Könnten wir nicht darüber sprechen, was die Aussagen hinter all diesen Namen sind?' Denn dann könnten wir anfangen, einander zu verstehen, anstatt uns nur zu beeindrucken. Von diesem Moment an richteten alle nach jedem Statement das Wort an mich: Ach, Frau Göpel, Larry Summers ist übrigens der Kollege gewesen, der über säkulare Stagnation bla bla bla... Da bin ich geplatzt und habe gesagt: 'Jetzt reicht's mir. Ich habe versucht, unseren Diskurs in eine vernünftige Richtung zu drehen und nun behandeln Sie mich so, als wäre ich das dumme kleine Mädchen in dieser Runde. Soll ich jetzt auch mit imposanten Namen und Schlagworten aus meiner Subdisziplin kontern? Was Sie hier machen, würden Sie niemals mit einem Mann machen.' Betretenes Schweigen.

Mir war das extrem unangenehm. Der Chef der Stiftung, der das Meeting angesetzt hat, war peinlich berührt. Das stimmt ja gar nicht, ließ er verlauten. Ich war der Störfaktor. Man merkte das auch in den Pausen: Alle versammelten sich an diversen Stehtischen, nur ich redete erst mit dem Assistenten des Stiftungsleiters – der hatte mir schon in der Situation unterstützende Blicke zugeworfen – und ging dann raus zum Telefonieren. 

© Susanne Baumann

Genau deshalb brauchen wir Regeln wie die Quote, damit Andersartigkeit nicht als anstrengende Abweichung von der Norm wahrgenommen wird. Die Quote würde eine bestimmte Zahl Andersartige – nämlich Frauen – ins System bringen und damit die Selbstverständlichkeit der bisherigen Routinen und Kultur aufmischen. Ein Beispiel: Frauen wird oft geraten, ein Stimmtraining zu machen, um tiefer und damit überzeugender zu klingen. Ja, wer setzt denn den Standard, wie man zu sprechen hat? Der Standard ist der männliche und er wird nicht in Frage gestellt. Ein anderes Beispiel: MeToo-Fälle kommen typischerweise in Unternehmen vor, wo sich männliche Macht konzentriert und nicht hinterfragt wird. Der abgetauchte Wirecard-Chef ließ sich sein Sushi angeblich am liebsten auf nackten Frauen servieren. Das Stichwort von der 'toxischen Männlichkeit' trifft hier zu.

"Es geht darum, dass gemischte Teams erfolgreicher sind"

Da können vereinzelte Personen nicht viel ausrichten, solange wir diese strukturelle Kodierung nicht offen in ihren Facetten benennen. Idealerweise, ohne dass sich jemand schämen muss. Weder die Frau, die es auf den Tisch bringt, noch die Männer, die so was vielleicht zum ersten Mal hören und einige der normalen Abläufe noch nie aus dieser Perspektive hinterfragt haben. Das wird in der Regel sogar vereinfacht, wenn ein Mann das übernimmt. Wenn Revolutionen gelungen sind, hat man eine alte, dysfunktionale Struktur und Kultur überwunden. Wenn Revolutionen gescheitert sind, hat man die Personen in der gleichbleibenden Struktur ausgetauscht.

Es ist längst nicht in allen Unternehmen und Organisationen angekommen, dass es hier nicht um einen Verteilungskampf geht, nach dem Motto: Männer sollen Macht abgeben, damit Frauen auch mitspielen können. Darum geht es nicht. Sondern darum, dass gemischte Teams erfolgreicher sind. Eben weil die Perspektiven, Kommunikationsformen und Verhaltensweisen dann diverser sind. Die enorm komplexen Probleme, die in Zukunft zu lösen sind, können aus meiner Sicht nur mit solchen Teams bewältigt werden. Und mit einem neuen Führungsideal, in dem das Wir hochgehalten wird. Spannend wäre z.B. als Auswahlkriterium für Finanzvorstände, ein soziales Jahr gemacht oder ein Kind selbst versorgt zu haben. Um die Erfahrung mitzubringen, was es bedeutet, Bedürfnisse von Schwächeren zu erfüllen.

"Den Versuch ist es wert"

Im ersten Moment hat die normale Frau nichts davon, wenn ein paar mehr Damen in die Vorstände einziehen. Auf mittlere Sicht lässt die Sozialforschung vermuten, dass Unternehmen mit einem höheren Frauen-Anteil eben nicht nur auf Finanzzahlen schauen, sondern auch auf Nachhaltigkeit, Mitarbeiterbindung und gesellschaftliche Verantwortung. Ob die Quote das richtige Mittel dafür ist, ob Frauen diese Ziele wirklich umsetzen oder eher nach den alten Regeln spielen werden, wissen wir natürlich vorher nicht. Aber den Versuch ist es doch wert.

Schauen Sie sich die Führungsfiguren an, die momentan nur sich selbst und ihre Macht sehen und nicht das große Ganze – Donald Trump, Recep Erdogan, Wladimir Putin, Jair Bolsonaro. Mir fallen keine Frauen ein. Welche Strukturen haben ein solches Verhalten so belohnt, dass sie es ganz nach oben geschafft haben? Demgegenüber denke ich an die Regierungschefinnen Jacinda Ardern, Nicola Sturgeon, Katrin Jakobsdóttir, Sanna Marin, Tsai Ing-wen. Sie verkörpern für mich feminine Formen der Führung: Sie erklären, was sie tun und wer was beigetragen hat. Sie machen die Aktivitäten und Personen hinter dem Resultat stark, Empathie spielt eine Rolle – sich selbst stellen sie als einen Teil des Ganzen dar. Diese Attribute sind natürlich nicht auf Frauen beschränkt, auch Männer können sie leben.

Und dennoch: Männer und Frauen sind unterschiedlich, allein durch die Physis. Ich habe viel mixed Handball und Fußball gespielt. Wenn du mit Jungs zusammenstößt, fliegst du durch die Gegend und schneller sind die meisten auch. Frauentore haben auf Turnieren dafür doppelt gezählt. Das hat im Team dazu geführt, dass wir sehr taktisch gespielt haben, anstatt dass einfach die Starken versuchen, durchzubrechen. Daher fand ich das auch nicht beleidigend: Es hat die Varianten der Zielerreichung erhöht. Es geht also nicht um Gleichmachung, sondern um gleiche Wertschätzung für die Fähigkeiten, die wir einbringen können – gerade wenn wir sehen, dass die bisherigen Spielregeln noch nicht zu den Ergebnissen führen, die wir uns gesellschaftlich vorgenommen haben."

Uns interessieren auch Ihre Erfahrungen und Ihre Meinung. Wie sieht es in Ihrem Job aus? Könnten Sie mehr Frauen oder Männer gebrauchen? Schreiben Sie uns unter quotenfrau@stern.de


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