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Rechtsextremismus: Eine Website gegen die Angst

Vor vier Jahren half der stern der Amadeu Antonio Stiftung, die Website mut-gegen-rechte-gewalt.de zu gründen. Das Projekt dient als Informations-, Beratungs- und Ermutigungsportal. Wolfgang Thierse, Vizepräsident des Bundestags, drückt nun den Startknopf zum Relaunch.

Von Holger Kulick

Redaktion oder Servicebüro? Die Frage stellen wir uns immer häufiger. Später Freitag letzter Woche, überall ist Feierabend. In der MUT-Redaktion noch nicht. Das Telefon. Eine aufgeregte Frau meldet sich aus der Gegend von Osnabrück. "Ich habe Angst", sagt Brigitte F. aus der Gegend von Osnabrück, "hören die Nazis ihre Telefone ab?" "Keine Sorge", sage ich. "Um was geht es denn?"

Am 17. November wollen Neonazis erstmals im Nachbarort Georgsmarienhütte aufmarschieren. Zaghaft formiere sich nun Bürgerwiderstand, quer durch die demokratischen Parteien, Schulen und mehr. "Aber wie macht so was das allererste Mal? Gibt es da Anleitung? Gibt es Transparente zu kaufen?"

Transparente? "Besser selber machen", empfehle ich. "Authentische überzeugen besser als eingekaufte". Und empfehle ihr doch ein Plakat. Darauf abgebildet: Naziglatzen von hinten und der Spruch obendrüber: "Oh Herr, wirf Hirn vom Himmel". Das Motiv des Grafikers Klaus Staeck ist allerdings veraltet, es gibt immer mehr Nazis ohne Glatze, durchaus mit Hirn, aber den Verstand weiterhin auf Einbahnstraße getrimmt. Der neue Chef der NPD-Jugendorganisation JN etwa studiert angeblich Politikwissenschaft.

Regelmäßig werden in solchen gebildeteren Neonazikreisen Argumentationsworkshops veranstaltet. Dann landen auch schubweise E-Mails im MUT-Briefkasten mit auffallend gleichlautender Argumentation, jedoch unterschiedlichen Absendern. Eine der Standardformeln: "Was haben Sie eigentlich gegen rechte Gewalt? Meine Freundin ist Deutsche, lebt in Neukölln und kann da nicht mehr auf die Straße gehen, warum machen Sie nicht besser eine Website gegen türkische Gewalt?" Erstaunlich, wie viele Neonazis aus ganz Deutschland eine feste Freundin in Neukölln haben. Wie geht man mit solchen Strategen um? Auch solche Fragen werden ständig laut.

Auf Rechte hinweisen

Das nächste Telefonat. Ein Galerist in Weimar möchte Themenwochen durchführen, die sich mit Toleranz und Intoleranz "in der Provinz" auseinandersetzen. Auf Neonazis, die solche Veranstaltungen gerne sprengen oder umfunktionieren, hat er aber keine Lust. Was tun? Wir empfehlen ihm, eine Zeile unter sein Tagesprogramm zu setzen, die sein Hausrecht unterstreicht. Jetzt steht da:

"Entsprechend § 6 Abs. 1 VersG sind Personen, die rechtsextremen Parteien oder Organisationen angehören, der rechtsextremen Szene zuzuordnen sind oder bereits in der Vergangenheit durch rassistische, nationalistische, antisemitische oder sonstige menschenverachtende Äußerungen in Erscheinung getreten sind, von den Versammlungen ausgeschlossen."

Längst könnten wir rund um die Uhr Ratgeber spielen und das Schreiben einstellen. Dabei ist das MUT-Portal eigentlich nur eine ganz einfache 1 1/2-Personen-Redaktion, mit stern-Hilfe vor vier Jahren unter dem Dach der Berliner Amadeu-Antonio-Stiftung eingerichtet, die kleine Initiativen gegen Fremdenhass, Antisemitismus und Rechtsextremismus berät und fördert.

Damals verübten Neonazis mehrere besonders brutale Gewaltaten und die stern-Redaktion regte an, künftig nicht nur über derlei zu berichten, sondern auch praktisch etwas zu tun. Seitdem werden Spenden für Gegeninitiativen gesammelt. Eine Frucht davon ist die Internet-Plattform gegen Rechtsextremismus www.mut-gegen-rechte-gewalt.de. Seit April 2003 wird hier tagesaktuell über das Ausmaß und die Hintergründe von Rechtsextremismus in Deutschland berichtet.

Aber nicht nur das. Vor allem geht es um Ermutigung. Vorbildliche Einzelpersonen und Initiativen gegen Rechtsextremismus werden vorgestellt, die kreativ und friedlich Neonazis entgegentreten und präventiv tätig sind. Mut macht Mut.

"We know you, we kill you!"

Denn die mächtigste Waffe von Neonazis ist Angstmache, ist Einschüchterung. Auch in unserem Briefkasten landet regelmäßig solche Post. Mal wird ein MUT-Autoren-Foto aus dem Internet gefischt und mit der Unterzeile versehen "We know you, we kill you!" oder es hagelt Mails mit der pauschalen Mitteilung: "An die Judas-Redaktion, wir kennen Euch, wir kriegen Euch ...." Solche Schreiben landen in der Regel im Papierkorb oder an der Pinwand, machen sie doch deutlich, wie wichtig unsere Arbeit ist.

Samstag, 16 Uhr. Erneut klingelt das Telefon. Eine junge Frau aus Jena hat auf dem Weg zu ihrer Wohnung eine Neonaziparty auf einem Freigelände beobachtet, reichsverherrlichende Lieder werden zur Bratwurst geträllert und 60 Jahre Bundesrepublik werden verdammt. Sie fragt nach, was sie jetzt tun solle. Der Polizei Bescheid geben? "Oder rächen sich Neonazis dann an einem?"

Sie entscheidet sich, 110 anzurufen, meldet sich aber zwei Stunden später nochmals. Die Polizei habe inzwischen vor Ort ermittelt und sie gebeten, ihre Zeugenaussage im Präsidium zu Protokoll zu geben. Denn das Propaganda-Grillen werde tatsächlich juristische Folgen für die Beteiligten haben. Jetzt aber potenziert sich die Angst der jungen Frau: "Dann stehe ich doch mit meiner Anschrift in den Akten?". Wir reden lange über das, was Zivilcourage ausmacht. Danach geht sie ermutigt zur Polizei.

Solche Anfragen kommen aus allen Richtungen der Republik, zunehmend aus Westen. Im Westerwald beobachtet eine Mutter junge Leute, die den Hitlergruß auf der Tanzfläche zeigen. Sie habe einem davon eine Ohrfeige verpasst und nun ein schlechtes Gewissen. "Darf ich das? Oder was hätte ich sonst tun sollen?" Aus Bremen meldet sich der Besucher einer Fußballkneipe. Ein Zuschauer saß im Publikum, mit 88 auf dem Rücken, dem Nazikürzel für HH, Heil Hitler. "Kann ich verlangen, dass der Kneipier den vor die Türe setzt?" Na klar, aber erstmal mit ihm reden, nur die gelbe Karte zeigen. Wenn er sich nicht umzieht: Rot.

Auch Eltern suchen Hilfe

Ein anderes Mal sucht ein Opfer von Neonazigewalt Rat, oder Alltagsprobleme mit Rechtsaußen werden erörtert. Wie soll mit einem Nachbarn umgegangen werden, der regelmäßig laut das Horst-Wessel-Lied hört, fragt ein Leser aus Frankfurt/Oder.

Mal bitten Eltern um Tipps, wie sie mit ihren Kindern umgehen sollen, die in die rechtsextreme Szene abdriften, mal sind es Schulsprecher, die wissen wollen, welche guten Referenten wir für einen Aktionstag gegen Extremismus empfehlen, Lokaljournalisten suchen Fachinformationen oder es meldet sich ein Landratsmitarbeiter, der vertraulich um Hinweise bittet, wie mit einem NPD-Aufmarsch oder -Anwesen umgegangen werden kann.

Doch auch das gehört zu den Fragestellungen: In Köln will eine Schulklasse Abitur in einer namhaften Disco feiern, in die Ausländer jedoch keinen Zutritt haben, folglich droht auch den Zuwandererkindern aus ihrem Jahrgang Einlassverbot. "Was sollen wir tun, dürfen wir die anzeigen"? Unbedingt in der Lokalpresse öffentlich machen, raten wir. Nichts fürchten solche Discobetreiber mit oft rassistischen Türstehern mehr, als öffentlichen Druck.

Längst ist MUT-Portal also auch zu einer Ratgeber-Redaktion geworden, nur ein Bruchteil davon wird veröffentlicht, denn Vertraulichkeit geht vor. Manchmal entstehen auch Kontakte daraus. Als eine 15-jährige aus Leipzig, die im Alter von zwölf Jahren an eine recht brutale rechtsextreme Clique geriet, von einem aus ihrer Gruppe schwanger wird, will sie raus, die rechte Gang lässt sie aber nicht und droht ihr. "Ich krieg dich du Sau du hast unsere Gruppe verraden!" leitet sie uns eine SMS weiter, die sie von ihren braunen Kumpels erhalten hat. Sie ist daraufhin durchs Internet gesurft um Ansprechpartner zu finden, dabei stieß sie auf MUT. Direkte Hilfe von Lehrern, Jugendamt oder ihrem Vater hat sie bislang abgelehnt, wir fahren nach Leipzig und versuchen vor Ort Hilfe zu vermitteln, kein leichter Fall.

Technisch und inhaltlich neu

All dies soll künftig einen festen Platz auf MUT erhalten. Technisch war ein Relaunch bitter notwendig geworden, jetzt folgt zugleich eine inhaltliche Neuausrichtung. Und zum fünften MUT-Geburtstag im nächsten Jahr soll zusätzlich ein kleines Taschenbuch entstehen, ein MUT-Handbuch für Zivilcourage, das derzeit Schüler für Schüler gemeinsam mit der MUT-Redaktion erarbeiten.

Den Vorläufer, eine eigene Jugendzeitung, gibt es bereits als Download im Netz: "extrem*" . Die Zeitung haben jugendliche Redakteure preisgekrönter Schülerzeitungen verfasst und in der MUT-Redaktion zusammengestellt.

Jährlich vergibt die Amadeu Antonio Stiftung in Zusammenarbeit mit der Jugendpresse Deutschland einen Preis für besonders engagierte Schülerzeitungen zum Thema Rassismus und Fremdenfeindlichkeit, für "junge Medien mit Mut". Künftig werden alle dafür eingereichten Texte auch auf MUT veröffentlicht. Das soll anspornen, sich mit diesem Thema auseinander zu setzen, was sich viele Nachwuchsjournalisten selten trauen. Aber MUT macht ja Mut. Dazu sind wir da.