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Der Killer auf dem Fahrrad: Geheimdienst-Operation mitten in Berlin? Die Indizien verdichten sich

20 Jahre nachdem Zelimkhan K. im Tschetschenienkrieg gegen Russland gekämpft hat, fiel er im Berliner Tiergarten einem Mord zum Opfer. Die Bundesanwaltschaft in Berlin vermutet dahinter eine russische Agenten-Operation. Die Indizienlage. 

Berlin: Beamte der Spurensicherung sichern die Spuren im Tiergarten,

Berlin: Beamte der Spurensicherung sichern die Spuren im Tiergarten, nachdem dort der Georgier Zelimkhan K. erschossen worden ist

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Es war am 23. August 2019 kurz vor Mittag, als sich im Berliner Tiergarten ein Unbekannter Zelimkhan K. von hinten näherte. Von seinem schwarzen Mountainbike feuerte der unauffällige Mann drei Mal auf den Georgier. Zwei Kugeln trafen ihn in den Kopf, eine in die Schulter. Zelimkhan K. starb.

Sein Tod hat einen diplomatischen Konflikt ausgelöst - zwischen Deutschland und Russland. Die Bundesregierung erhebt schwere Vorwürfe. Die Generalbundesanwalt habe "zureichende tatsächliche Anhaltspunkte", die dafür sprechen, dass "die Tötung entweder im Auftrag von staatlichen Stellen der Russischen Föderation oder solchen der Autonomen Tschetschenischen Republik als Teil der Russischen Föderation erfolgt ist", erklärte eine Sprecherin des Auswärtigen Amts am Donnerstag. Die russische Regierung soll also direkt oder indirekt  dafür verantwortlich sein, dass auf deutschem Territorium ein Auftragsmord begangen wird.

Aber warum? Die Antwort liefert ein Rückblick in die Geschichte. Vor genau 25 Jahren begann der blutige Konflikt zwischen Russland und Tschetschenien. Die autonome Teilrepublik wollte die Unabhängigkeit, Russland wollte diese um jeden Preis verhindern. Mindestens 80.000 Menschen kostete der zweijährige Krieg das Leben. Dem Ersten Tschetschenienkrieg folgte 1999 der zweite - nicht minder grausam und blutrünstig. In Russland spricht kaum jemand das Wort Tschetschenien aus, ohne Angst und Schrecken vor Augen zu haben. Auch wenn der Krieg 2009 offiziell beendet wurde, ging die Gewalt weiter. 

Die verbliebenen tschetschenischen Verbände und Dschihad-Kämpfer tauchten in den Untergrund ab und gingen zu einer Guerilla-Taktik über. Es folgten Selbstmordattentate, Bombenanschläge und Geiselnahmen, die vor allem zivile Opfer forderten. 2003 setzten auch die USA tschetschenische Rebellengruppen auf ihre Liste terroristischer Organisationen. Zu den Terroristen gehörte auch - da sind sich die russischen Behörden sicher - Zelimkhan K. Im Zweiten Tschetschenienkrieg war er Truppenkommendant und Vertrauter des Separtistenführers Aslan Maschadow. Nach dem Krieg floh Zelimkhan K. nach Georgien und arbeitete für die georgischen Sicherheitsbehörden - bis 2015 ein Unbekannter mitten in Tiflis auf ihn schoss.

Zelimkhan K. überlebte und floh wieder. Dieses Mal in die Ukraine, wo er gegen die prorussischen Separatisten im Osten des Landes kämpfte. Doch auch dort wurde ihm schnell zu brenzelig. 2016 kam er schließlich in Deutschland an. Unter einem anderen Namen beantragte er Asyl. Sein Leben sei in Gefahr, weil er gegen russische Truppen gekämpft habe, gab er laut einem Bericht des "Spiegels" an. Doch sein Antrag wurde abgelehnt. Die deutschen Behörden stuften ihn als islamistischen Gefährder ein und folgten damit russischen Angaben, wonach Zelimkhan K. zu der Terrorgruppe "Kaukasisches Emirat" gehöre. 

Schweigsamer Verdächtiger

Dennoch blieb der Tschetschene mit dem georgischen Pass weiter in Berlin. Drei Jahren lang überwachte ihn die Polizei und nahm schließlich im Juni 2019 die Gefährdereinstufung zurück. Doch unbeobachtet blieb Zelimkhan K. nicht. Aus Russland soll ein Befehl zu seiner Beseitigung ergangen sein, so der Verdacht der deutschen Ermittler.

Vadim K. heißt der Mann, der ihn ausgeführt haben soll. Der Russe wurde kurz nach der Tat festgenommen. Zeugen hatten beobachtet, wie er sein Fahrrad in die Spree warf, ebenso wie eine Perücke, einen Haartrimmer und, wie sich später zeigte, auch eine Pistole vom Typ Glock 26. 

Vor dem Haftrichter bestritt der Verdächtige die Vorwürfe. Seitdem schweigt er. Doch die Bundesanwaltschaft geht davon aus, dass staatliche Stellen in Russland Vadim K. mit einer falschen Identität ausgestattet und nach Deutschland geschickt haben. 

Verschwundene Akten 

Wie die russische Investigativzeitung "The Insider", der "Spiegel" und das Recherchenetzwerk "Bellingcat" berichten, entlarvte eine fünf Jahre alte Interpol-Fahndungsakte die falsche Identität des Verdächtigen, unter der er nach Europa eingereist war. Sie enthielt den Berichten zufolge das Foto eines Mannes, der dem Festgenommenem erstaunlich ähnlich sah. Experten hätten daraufhin festgestellt, dass es sich mit "hoher Wahrscheinlichkeit" um ein und dieselbe Person handelt, und zwar um Vadim K. und nicht um einen "Vadim Sokolow". Auf diesen Namen war der Reisepass des Festgenommen ausgestellt. 2014 schrieb Russland Vadim K. zur internationalen Fahndung aus, nachdem er einen russischen Geschäftsmann erschossen haben soll. Doch schon ein Jahr später wurde die Suche eingestellt. Wie "The Insider" berichtet, finden sich in der "Integrierten Datenbank" des russischen Innenministeriums keine Informationen mehr über einen Vadim K. Doch der Investigativzeitung liegt ein Dokument aus den Archiven vor, dass nicht nur die genauen Daten nennt, wann die Fahndung begonnen und beendet wurde, sondern auch wann diese Information in die "Integrierte Datenbank" des Innenministeriums eingespeist wurde. Der Umstand, dass diese Datei dort nicht mehr auffindbar ist, kann nur bedeuten, dass sie nachträglich gelöscht wurde. 

Die Macht dazu hätten nur staatliche Stellen, argumentiert die Zeitung. Doch es gibt weitere Indizien, die dafür sprechen, dass Vadim K. mit einer falschen Identität ausgestattet wurde. Ein Ausweisdokument auf den Namen "Vadim Sokolow" sei nur zwei Monate nach der rätselhaften Einstellung der Fahndung nach Vadim K. aufgetaucht. Der Reisepass auf den Namen sei erst am 18. Juli 2019 ausgestellt worden, nur zehn Tage vor der geplanten Reise nach Europa. Außerdem sei zuvor niemand unter diesem Namen ins Ausland gereist, schreibt "The Insider". 

Mörder als Agent?

Nun wird vermutet, dass staatliche Stellen in Russland Vadim K. nach seinem Mord an dem russischen Geschäftsmann gefasst und für sich rekrutiert haben. Dies würde den plötzlichen Fahndungsstopp erklären. Außerdem wäre es nicht das erste Mal, dass russische Geheimdienste Verbrecher für eigene Operationen einsetzten. Die Deals sind einfach: Die betroffenen Personen bekommen Straffreiheit garantiert und die Geheimdienste günstige Arbeitskräfte, um deren Verlust es nicht schade ist - im Gegensatz zu ausgebildeten Agenten. 

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Darauf, dass der nun festgenommene Vadim K. solch ein rekrutierter Krimineller sein könnte, deuten seine Tätowierungen hin. Nach Angaben der Polizei in Berlin ziert ein Tattoo in Form eines Panthers und einer Krone seine linke Schulter. Außerdem trage er eine Tätowierung in Form einer Schlange auf seinem Unterarm. Russische Geheimdienst-Agenten dürfen jedoch keine Tätowierungen tragen, außer sie gehören zur Tarnung im Rahmen einer Infiltrierungs-Operation. In kriminellen Kreisen deuten Tattoos mit solchen Motiven jedoch auf einen hohe hierarchische Position hin.

Auge um Auge: Vergeltung als Grundprinzip

Verdächtig ist auch, dass die russische Regierung bislang wenig Kooperationsbereitschaft in dem Fall des ermordeten Georgiers unter Beweis gestellt hat. In der vergangenen Woche wurden deswegen zwei russische Diplomaten aus Deutschland ausgewiesen. "Die Ausweisung sehen wir als sehr eindringliches Signal an die russische Seite, uns unverzüglich bei der Klärung der Identität und der Hintergründe zu der Person des mutmaßlichen Täters umfassend zu unterstützen", erklärte Kanzleramtschef Helge Braun. Doch Wladimir Putin denkt anscheinend nicht einmal daran. Er bezeichnete Zelimkhan K. als "Banditen" und "Mörder" und warf ihm die Beteiligung an zwei Anschlägen mit vielen Toten vor. Damit machte er deutlich: Aus russischer Sicht war er ein Staatsfeind. 

Statt Informationen zu liefern folgte am Donnerstag ein Racheakt an den deutschen Behörden: Das russische Außenministerium ordnete die Ausweisung zweier deutscher Diplomaten an, die nun sieben Tage Zeit haben, das Land zu verlassen. Dies sei eine Reaktion auf die "grundlose Entscheidung" der Bundesregierung, zwei russische Mitarbeiter zu unerwünschten Personen in Deutschland zu erklären, hieß es zur Begründung.

"Es gibt eine ungeschriebene Praxis, was Vergeltungsmaßnahmen angeht. Ihr weist unsere Diplomaten aus, wir die euren", erklärte Putin. Für ihn scheint der Fall damit abgeschlossen zu sein: Ein Staatsfeind weniger - auf welche Weise auch immer. Hauptsache, es dient seinen Interessen.

Noch zögert die Regierung in Berlin den Tiergarten-Mord auf die große politische Bühne zu heben, wie dies etwa nach dem Anschlag auf den ehemaligen Doppelspion Sergej Skripal im englischen Salisbury im vergangenen Jahr der Fall war. Noch fehlen eindeutige Beweise für eine staatliche Verstrickung. Der Kreml rechnet zumindest nicht damit, dass es welche geben wird. Eine Verschlechterung der Beziehungen zwischen Russland und Deutschland fürchtet man in Moskau nicht: "Wir sehen hier kein großes Risiko", erklärte Kreml-Sprecher Peskow lapidar. 

Quellen: "Spiegel", "The Insider", Interfax

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Hallo Ich möchte gerne kündigen, da das Arbeitsverhältnis nicht mehr gegeben ist. Leider verstehe ich den Arbeitsvertrag nicht ganz. Auszug aus dem Vertrag: Paragraf 13 Kündigungsfristen: (1) das Arbeitsverhältnis kann beiderseitig unter Einhaltung einer frist von 6 Werktagen gekündigt werden. Nach sechsmonatiger Dauer des Arbeitsverhältnisses oder nach Übernahme aus einem Berufsausbildungsverhältnis kann beiderseitig mit einer frist von zwölf Werktagen gekündigt werde. (2) Die Kündigungsfrist für den Arbeitgeber erhöht sich, wenn das Arbeitsverhältnis in demselben Betrieb oder unternehmen 3jahre bestanden hat, auf 1 monat zum Monatsende 5jahre bestanden hat, auf 2 monate zum Monatsende 8jahre bestanden hat, auf 3 monate zum Monatsende..... (3) Kündigt der Arbeitgeber das Arbeitsverhältnis mit dem Arbeitnehmer, ist er bei bestehenden Schutzwürdiger Interessen befugt, den Arbeitnehmer unter fortzahlung seiner bezüge und unter Anrechnung noch bestehender Urlaubsansprüche freizustellen. Als Schutzwürdige interessen gelten zb. Der begründete Verdacht des Verstoßes gegen die Verschwiegenheitspflicht des Arbeitnehmers, ansteckende Krankheiten und der begründete verdacht einer strafbaren handlung. Ich arbeite in einem Kleinbetrieb (2mann plus chef) seid 2 jahren und 3-4Monaten. (Bau) Seid ende November bin ich krank geschrieben. Was meinem chef überhaupt nicht passt und er mich mehrfach versucht hat zu überreden arbeiten zu kommen. Da mein zeh gebrochen ist und angeschwollen sowie schmerzhaft und ich keine geschlossenen schuhe tragen kann ist arbeiten nicht möglich. Das Arbeitsverhältnis ist seid längerem angespannt vorallem mit dem Arbeitskollegen. Möchte nur noch da weg! Wie lange ist nun die frist und wie weitere vorgehen? Ich hoffe es kann mir jemand helfen.
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Wer 2018 NEU in den Ruhestand ging a) und die „abschlagsfreie Rente 63“ mit mindestens 45 Versicherungsjahren kassierte, erhielt im Schnitt 1265 Euro monatlich, 1429 Euro (als Mann) bzw. 1096 Euro (als Frau) RENTE. b) und wer die „normale“ Altersrente kassierte, erhielt monatlich im Schnitt 950 Euro, 1080 € (als Mann) bzw. 742 Euro (als Frau) RENTE. Nach Adam Riese bedeutet das, das erst Zeiten ab dem 18. LJ für die Rentenversicherung gewertet werden, dass männliche Nicht-Akademiker über 45 Arbeitsjahre hinweg mehr als 25 Euro monatlich pro Stunde verdient haben müssten. sprich: ab 1973 ! (zu DM-Zeiten 50 DM Stundenverdienst ! ... als Nicht-Akademiker ??) Meine Erfahrung ist, dass man mit 18 zur Armee musste und das anschließende Studium frühestens im 25 LJ beenden konnte -- also in 1981 ! (25 + 45 = 70. LJ mit Altersrente ohne Abzüge). Ergebnis: erst in 2026 könnten vergleichbare Akamdemiker (nach 45 Vers.Jahren) in VOLLE Rente gehen. PS: Nach Rechnung der „Die Linke“ bräuchte man über 37 Jahre hinweg einen Stundenverdienst von mind. 14,50 Euro (29 DM), um NICHT auf die „Grundsicherung für Altersrentner“ angewiesen zu sein; also den statistischen Wert von 800 Euro mtl. Rentenbezug zu überschreiten. Wer erkennt den Zaubertrick der „abschlagsfreien Rente 63“ ? Wer kennt den Zaubertrick, in weniger Zeit, mit weniger Ausbildung, maximale Top-Renten-Ergebnisse zu erzielen ? (welches nicht einmal die gierigsten Börsenbanker und Versicherungsmakler in einer Demokratie für realisierbar hielten) ?