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Krieg in der Ukraine General Frost – Putin will, dass die Kälte Russlands größter Verbündeter wird

Eimn Stromverteiler bei Charkow brennt nach einem Drohnentreffer ab.
Eimn Stromverteiler bei Charkow brennt nach einem Drohnentreffer ab.
© Kostiantyn Liberov / Picture Alliance
Die warme Jahreszeit ist zu Ende, die Ukraine steht vor dem ersten Winterkrieg. Kiew marschiert derzeit Richtung Cherson, doch Putin versucht, dem ganzen Land den Stecker ziehen.

Nach der spektakulären ukrainischen Offensive östlich von Charkow verläuft der Bodenkrieg von Weitem betrachtet ruhiger – darum aber nicht weniger blutig. In der Öffentlichkeit wird er von den spektakulären Aktionen der Ukraine verdrängt. Wie dem Angriff auf die Krimbrücke und der Drohnenattacke auf die Schwarzmeerflotte. Im Feld der PR treibt Kiew Putin so vor sich her, auch wenn der eigentliche militärische Gewinn gering ist. Doch neben diesen Einzelaktionen schreitet der Krieg voran und wird auch den Winter über nicht ruhen.

Der Kampf am Boden

Betrachtet man die Raumgewinne, geht die Befreiung von den Russen eroberter Gebiete weiter – wenn auch nicht so stürmisch. Den sehr begrenzten Gewinnen Russlands im Donbass steht ein kontinuierliches Fortschreiten der Kiewer Kräfte in der Region um Cherson entgegen. Im Krieg um "Quadratkilometer" sieht es nach wie vor gut für die Ukraine aus.

Weit schwerer ist zu beurteilen, wie diese Gewinne jenseits des Prestiges zu bewerten sind. Wie angekündigt, gibt Russland schwer zu verteidigende Zonen lieber auf, als dass die eigenen Truppen dort eingekesselt werden. Derzeit sieht es so aus, als würde Russland sich ganz vom westlichen Ufer des Dnjepr lösen und sich auf die Ost-Seite zurückziehen. Der Grund dafür sind die zerstörten Brücken über den Fluss. Wenn Kiew Druck ausübt, kann das benötigte Material nicht herbeigeschafft werden, zumal die improvisierten Übergänge unter Feuer genommen werden. Die Versorgung der Truppen und der restlichen Zivilbevölkerung überfordert die russische Logistik.

Für die Ukraine wäre die Befreiung der Großstadt Cherson von großer symbolischer Bedeutung. Für die Stadt selbst eher ein Unglück. Wenn sich die Russen am Ostufer festsetzen und die ukrainischen Streitkräfte einmarschieren, wird Cherson zur Frontstadt und zum Kampfgebiet und dürfte dann bei den folgenden Artillerieduellen schwer beschädigt werden.

Kiew hätte neben dem symbolischen Triumph einen handfesten militärischen Vorteil erlangt. Russland hat dann seinen Brückenkopf am West-Ufer verloren, der die Basis für weitere Vormärsche hätte sein können. Diese Gefahr wäre dann absehbar neutralisiert. Der riesige Fluss behindert weitere Vorstöße beider Seiten. Kiew könnte versuchen seinerseits Brückenköpfe am Ostufer zu errichten. Das kann nur gelingen, wenn die Russen trotz Mobilmachung immer noch zu wenig Truppen haben, um das Ufer abzusichern.

Lähmung der Bewegung

Etwaige Bodenoffensiven oder auch kleinere Vorstöße hängen stark vom Wetter ab. Ein milder Winter würde zu einer langen Schlammperiode führen. Schon jetzt sind Teile des Kampfgebietes so verschlammt, dass Fahrzeuge nur befestigte Straßen benutzen können und selbst Fußsoldaten auf dem Feld kaum vorankommen. Der aufgeweichte Boden macht Kiew eine Fortführung des bisherigen Erfolgsrezepts, kühner schneller und tiefer Vorstöße unmöglich. Der Schlamm macht den Krieg langsam und kleinräumig – tendenziell kommt das eher der russischen Kampfweise im Donbass gelegen. Größere Operationen werden nur möglich, wenn der Boden dauerhaft friert. Dann kann es durchaus zu schnellen Bewegungen kommen, wie man schon im Zweiten Weltkrieg gesehen hat. Doch derzeit nimmt das Wetter Kiew das Momentum ab.

Der Krieg der Jahreszeit

Frost und Matsch führen ihren eigenen Krieg gegen die Soldaten, die in dieser Zeit in Gräben und Bunkern überleben müssen. Um militärisch aktiv werden zu können, muss zunächst die Gesundheit der Soldaten gewährleistet werden. Winterausrüstung, Versorgung und Logistik sind hier entscheidend. Durch die Unterstützung des Westens und namentlich der USA ist es wahrscheinlich, dass die ukrainischen Soldaten besser für den Winter ausgerüstet sein werden als ihre russischen Gegner. Aber hier werden nur die Elite-Truppen vollständig ausgestattet werden. Reservisten die Einheiten der Territorialverteidigung und andere Soldaten der zweiten und dritten Linie werden auf beiden Seiten eher unzureichend ausgerüstet in die kalte Jahreszeit gehen. Und sind schon jetzt auf Crowdfunding angewiesen.

Sicher ist, dass Soldaten noch mehr leiden werden als im Sommer. Ausfälle durch Krankheiten werden zunehmen. Und Drohnen werden noch mehr Jagd auf die Menschen machen als im Sommer. Wegen dieser Faktoren: Das schützende Laubdach entfällt. Im Schnee sind verräterische Spuren tagelang sichtbar. Um im Graben und im Unterstand überleben zu können, muss geheizt werden, die Abwärme ist leicht anzumessen und wird die Standorte verraten.

Wer hat die größeren Zahlen?

Die russischen Reservisten mögen unzureichend ausgerüstet sein, aber sie werden die Unterlegenheit der russischen Truppen in der Personalstärke beseitigen. Zumal weitere Wellen an Reservisten einberufen werden können. Um die Bedeutung der Personalfrage zu verstehen, ist es wichtig, sich vor Augen zu halten, dass die Front in der Ukraine mehr als löcherig ist. An den Schwerpunkten stehen sich größere Mengen an Truppen gegenüber, aber selbst dort gibt es Lücken. In anderen Gebieten gibt es keine Front, sondern nur Lücken mit vereinzelten Stützpunkten. Das kann auch kaum anders sein: Die Frontlinie ist fast 1000 Kilometer lang – mit 200.000 bis 300.00 Mann Soldaten kann man sie nicht abdecken. Zumal nur ein Teil davon Frontsoldaten sind.

Derjenige der mehr Soldaten an die Front schicken kann, wird den Gegner, der seine Lücken nicht besetzten kann, unter Druck setzen, auch wenn die Einheiten wenig kampfkräftig sind. Dazu wird sich zeigen, ob es Moskau gelingt, mehr "Freiwillige" im Inland und im Ausland zu rekrutieren. Berichte, dass gezielt afghanische Kommandos angeworben werden, die vom Westen in Afghanistan zurückgelassen worden sind, sind besorgniserregend. Auf der ganzen Welt gibt es Unmengen junger Männer, die keine Perspektive haben und außer Krieg nichts gelernt haben.

Der Krieg um Strom und Wärme

Die gefährlichste Karte im Winterkrieg spielt derzeit Russland. Die fortgesetzten Angriffe auf die Infrastruktur und hier besonders auf die Stromversorgung greifen die ukrainische Gesellschaft im Kern an. Ohne Strom und Wasser und mit eingeschränkter Versorgung von Gas und Öl bricht die Gesellschaft zusammen. Es wird sicher auch die militärische Produktion und der Transport von Militärgütern behindert, darüber hinaus wird aber auch die zivile Produktion, der zivile Transport ausgeschaltet. Geht Putins Plan auf, wird das nackte Überleben der Menschen bedroht. Auf dem Land kann man sich mit improvisierten Holzöfen und Ähnlichem behelfen, aber nicht in den Städten. Kein Strom heißt hier auch keine Heizung und kein Wasser. Wie sich der Krieg im Winterhalbjahr entwickelt, hängt davon ab, wie der Angriff auf die Infrastruktur verläuft. Ist Moskau erfolgreich, wären weitere Geländegewinne von Kiews Soldaten fast bedeutungslos.

Dieser Krieg wird als Duell zwischen Moskaus Fernwaffen und der Luftabwehr ausgetragen. Der Ausgang ist vollkommen unklar. Kiew profitiert davon, dass gerade die Billig-Drohnen iranischer Bauart leicht abgeschossen werden können. Man also die Hoffnung haben kann, mit immer mehr Systemen aus dem Westen die Oberhand zu bekommen.

Aber es gibt auch zentrale Faktoren, die Putin begünstigen. Umspannwerke, Netzknoten und Verteiler sind "dankbare" Ziele – bei der auch Missiles mit begrenzter Sprengkraft enorme Schäden bewirken können. Diese technischen Einrichtungen können auch nicht einfach repariert werden, wie ein Loch in der Fahrbahn. Brennt ein Gas- oder Kohlekraftwerk ab, dauert es Jahre, ein neues zu errichten. Putin kann hier außerdem weiter eskalieren, wenn er die Staustufen der Wasserkraftwerke verstärkt attackiert.

Wer hat die besseren Chancen?

Offen ist, wer den längeren Atem hat. Russland setzt zu einem guten Teil Drohnen ein, die kaum etwas kosten. Eine Drohne, die von einem besseren Moped-Motor angetrieben werden und deren GPS-System das Niveau eines Handys hat, lässt sich leicht in großen Stückzahlen herstellen. Die avancierten Abfangwaffen dagegen nicht. Das Kalkül des Kremls lautet: das Kiewer Arsenal an westlichen Hightech-Waffen mit fliegendem Einfachwaffen zu erschöpfen. Der Westen hat seine Vorräte für Kiew geplündert, bald wird es darauf ankommen, ob die Neuproduktion im Westen den Verbrauch des Krieges auffangen kann. Solange der Iran Moskau hilft und es vielleicht sogar noch gelingt, einfache Raketen aus Nordkorea zu beziehen, werden Putin die Fernwaffen vermutlich nicht ausgehen.

Ob Erfolg oder Nichterfolg wird man an einfachen, doch eindeutigen Zeichen sehen: Wenn die Bewohner Kiews und Charkows das Weihnachtsfest im Wesentlichen im Warmen und Hellen verbringen können, ist der Angriff auf die Infrastruktur gescheitert – auch wenn es zu einzelnen Engpässen kommt. Sollten aber ganze Städte längere Zeit ohne Strom sein, wird die Bevölkerung sie aufgeben und in den Westen fliehen müssen. Dann findet Weihnachten in einem dunklen und kalten Kiew statt – in diesem Fall wäre Putins Plan aufgegangen.

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