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Kriegszerstörter Riesenjet Antonow An-225 – Ukraine will größten Flachflieger der Welt reparieren

Die die An-225 "Mrija"  aus der Ukraine
Mit sechs Triebwerken, fast 90 Meter Spannweite und einer riesigen Doppelleiter galt die An-225 "Mrija" aus der Ukraine als größtes Frachtflugzeug der Welt
© Picture Alliance
Der größte Frachtflieger der Welt soll wieder abheben: Ukraines Cargo-Airline Antonow kündigt in Leipzig Pläne für ein Comeback des kriegszerstörten Transportflugzeugs An-225 "Mrija" an.

Dieser Beitrag erschien zuerst bei ntv.de. 

Der ukrainische Flugzeughersteller Antonow bereitet mitten im Krieg die Rückkehr eines fliegenden Giganten vor: Die einst größte, schwerste und leistungsstärkste Frachtmaschine der Welt soll nach Aussage von Antonow-Generaldirektor Eugene Gavrylov wieder an den Start rollen und abheben.

Die Arbeiten an der Rekonstruktion des Frachtflugzeugs vom Typ Antonow An-225 "Mrija" seien bereits angelaufen, erklärte Gavrylov in Leipzig anlässlich der Eröffnung einer Antonow-Ausstellung am Leipziger Flughafen. Das Drehkreuz im Osten Deutschlands ist seit Jahren wichtigster Auslandsstandort der gleichnamigen Airline-Tochter des staatlich-ukrainischen Luftfahrtkonzerns.

Wann genau das weltberühmte Flugzeug wieder abheben kann, ist noch vollkommen unklar. Details zum Zeitplan wollte Gavrylov vorerst nicht nennen. Die Rekonstruktion der im Frühjahr kriegszerstörten Maschine ist kein geringes Vorhaben: Das Flugzeug war wenige Tage nach Beginn des russischen Angriffskriegs auf dem Gelände des Frachtflughafens Hostomel nordwestlich der Hauptstadt Kiew ins Kreuzfeuer geraten.

Erste Bilder der am Boden zerstörten An-225 waren Ende Februar um die Welt gelaufen und hatten nicht nur unter Luftfahrtexperten Aufsehen ausgelöst: Die "Mrija" – das ukrainische Wort für "Traum" – war ein Unikat, ein gigantisches Relikt der Sowjetära. Weltweit gab es nur ein einziges flugfähiges Exemplar der An-225. Artilleriegeschosse bereiteten dem ukrainischen Traum vom Weltrekord-Frachter ein Ende: Satellitenfotos zeigten die zerschossene An-225 in ihrem Hangar in Hostomel.

Die An-225 galt als glänzendes Aushängeschild des ukrainischen Flugzeugbaus und als fliegender Beleg für die industrielle Stärke und das technische Knowhow der Ukraine. Der sechsstrahlige Jet mit seiner Spannweite von fast 90 Metern war einst für den Transport russischer Weltraumfähren konstruiert worden. Nach dem Zerfall der Sowjetunion hatte der Betreiber schnell neue Verwendung für die einzigarten Fähigkeiten des Riesenfliegers gefunden. Für Auftraggeber aus aller Welt transportierte die An-225 unter anderem vom Drehkreuz Leipzig aus schwere und übergroße Luftfrachten durch die Lüfte.

Fliegendes Symbol der freien Ukraine

Das von Granatsplittern durchsiebte und teils ausgebrannte Riesenflugzeug entwickelte sich in den ersten Kriegstagen zum Sinnbild für die zerstörerische Brutalität des russischen Angriffskriegs – noch bevor die Spuren russischer Kriegsverbrechen in den nahegelegenen Orten wie Butscha oder Irpin für alle Welt sichtbar wurden.

Für die Ukraine hat die Rekonstruktion der An-225 enorme symbolische Bedeutung. Das ehrgeizige Vorhaben soll die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit offenkundig auf den erhofften Neustart nach dem Ende des Krieges lenken. Doch auch im eigenen Land ist der wuchtige Cargo-Flieger bekannt und beliebt.

Neu sind die Pläne für einen Wiederaufbau allerdings nicht. Schon kurz nach der Zerstörung hatten verschiedene ukrainische Stellen die Absicht bekundet, das Flugzeug mit seinem riesigen Frachtraum wieder flugfähig machen zu wollen. "Der Traum wird niemals sterben", hatte der Antonow-Betreiber in einer ersten Reaktion im Februar getwittert.

Das Vorhaben könnte durchaus gelingen: Die An-225 war zwar das einzige flugfähige Exemplar der Baureihe. In den Beständen des Antonow-Konzerns existieren aber noch größere Bauteile einer nie fertiggestellten Schwestermaschine. "Es gibt noch einen Prototypen, der bisher jedoch nie geflogen ist", erklärte ein Antonow-Vertreter in Leipzig. "Aus diesem sowie den Überresten des zerstörten Fliegers wollen wir eine neue Maschine bauen."

"Es ist noch zu früh"

In der Konzernzentrale von Antonow schätzt man die Erfolgsaussichten vorsichtiger ein. Einem Gutachten zufolge seien nur "etwa 30 Prozent" des Wracks für den Neubau eines Nachfolger-Modells "verwendbar". Erste Design-Entwürfe lägen demnach jedoch bereits vor. Umfangreiche Vorarbeiten sind erforderlich: Aus Branchenkreisen hieß es, ein An-225-Nachfolger müsse zwingend die modernen Standards der Lufttüchtigkeit erfüllen. Dafür sei eine "große Menge an Design – und Konstruktionsarbeit, Auswahl und Kauf relevanter Komponenten, Testprogramme" erforderlich, berichtete "AeroTelegraph".

Möglicherweise könnten der US-Luftfahrtkonzern Boeing und der europäische Flugzeugbauer Airbus einzelne Komponenten beisteuern. "Wir stellen im Moment noch den Kontakt zu Herstellern wie Boeing, Airbus oder Embraer her, um sie zu bitten, uns beim Wiederaufbau von Mrija zu helfen", sagte An-225-Chefpilot Dmytro Antonow im MDR.

Antonow-Standort Leipzig

Wo genau die "Mrija"-Rekonstruktion entstehen soll, will das ukrainische Staatsunternehmen Antonow bislang nicht bekannt geben. Die Arbeiten liefen bisher noch an einem "geheimen Ort", heißt es lediglich. Einen offiziellen Zeitplan gibt es bisher noch nicht. Man sei noch in der "Planungsphase".

Sicher ist bislang jedoch nur, dass die geplante Wiederauferstehung nicht billig wird. "Die Kosten für den Bau des Flugzeugs werden auf mindestens 500 Millionen Euro geschätzt", teilte der Hersteller Antonow mit. In früheren Schätzungen aus dem Frühjahr war sogar von Kosten in Höhe von bis zu drei Milliarden Euro die Rede. "Wie teuer das Ganze wird, werden wir aber erst nach dem Krieg wissen", sagte Mrija-Pilot Antonow.

In welchen Stückzahlen die neuen An-225 gebaut werden sollen, ist ebenfalls noch offen. "Es ist noch zu früh, um über konkrete Zahlen zu sprechen", heißt es aus Kiew. Der Luftfahrt-Standort Leipzig, wo sich derzeit rund 300 Antonow-Mitarbeiter um die laufenden Geschäfte der ukrainischen Frachtfluglinie kümmern, soll eine besondere Rolle beim Wiederaufbau spielen. Antonow Airlines betreibt dort unter anderem auch eine umfangreich ausgestatte Wartungsbasis. In Leipzig würden keine An-225 Teile entstehen, sagte der ukrainische Botschafter in Deutschland, Oleksij Makejew. Das Drehkreuz in Deutschland sei aber nicht nur als "eine Heimat für die Flugzeuge" vorgesehen, sondern "sei auch eine Startbahn in die Zukunft".

ntv.de/Martin Morcinek/jus

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