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Der Abwasch der Woche: Müntes Notrutsche, Karls Ausrutscher

Glück hat, wer mit Münte notlandet. Schmerzen hat, wer mit Alois Karl über Milchpreise streitet. Das war die Woche der hilfreichen und nicht hilfreichen Hände. Zeit für den Abwasch.

Von Axel Vornbäumen

Man kann nicht gerade sagen, dass der Abgeordnete Alois Karl (CSU), 58, verheiratet, zwei Kinder, römisch katholisch sowie Mitglied im Katholischen Kreisbildungswerk in der Hauptstadt Berlin einer der medialen Frontrunner der zu Ende gehenden Legislaturperiode gewesen wäre. Karl, mutmaßlich wegen all dieser eben aufgezählten Eigenschaften mit äußerst stabilen 58,8 Prozent aus seiner Heimat, dem Wahlkreis Amberg-Neumarkt, ins ferne Berlin entsandt, war, nun ja, eher einer von den ruhigeren Volksvertretern. Sicher, die muss es auch geben. Und wahrscheinlich hätte es Karl auch nie auch nur in die Nähe unseres wöchentlichen Abwaschwassers geschafft, wenn wir uns hier nicht gelegentlich der Frage widmen würden, warum es manche Menschen leichter die Medien schaffen als andere.

Seit Beate Klarsfeld 1968 dem damaligen Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger eine gescheuert hat, gilt die Ohrfeige in einschlägigen Kreisen als eingeführtes Symbol des politischen Protests. Kurz, schnell, wirkungsvoll - auf den Punkt. Klarsfeld startete seinerzeit eine erstaunliche Karriere und wurde irgendwie weltbekannt, mit Kiesinger ging es bereits bergab - wobei sein Niedergang sich sicher noch beschleunigt hätte, wenn sich der Vorfall umgekehrt zugetragen hätte.

Alois Karl hat das wahrscheinlich nicht bedacht, als er Montag dieser Woche bei der Kirchweih in Trautmannshofen der Milchbäuerin Regine Lehmeier eine Ohrfeige verpasste. Der CSUler, verheiratet, zwei Kinder, römisch katholisch, hat seitdem eine "Watschn"-Affäre am Hals. Fairerweise muss hier angeführt werden, dass er von der protestierenden Bäuerin zuvor mit einer Kanne Milch übergossen worden war, weil seine CSU die sinkenden Milchpreise nicht in den Griff bekommt. Eine alsbald hinterher geschobene Entschuldigung Karls, sowie eine Einladung zum Milch(!)kaffee hatte Lehmeier ausgeschlagen. Nun kommt auf den Bundestagsabgeordneten eine Anzeige wegen Körperverletzung zu, weil die Bäuerin weiterhin Schmerzen im Halswirbelbereich verspürt.

Die CSU, die ja recht häufig bestrebt ist, sich als eher krachledern, vor allem aber zupackend darzustellen, verzichtet in diesem speziellen Fall aus nahe liegenden Gründen das Zupackende besonders herauszustreichen - und Karl hat Glück, dass in einer Zeit, in der praktisch alles und jeder gefilmt wird, Trautmannshofen noch eine Youtube-freie Insel zu sein scheint. Gut möglich also, dass der CSUler alsbald wieder eine ruhigere Kugel im fernen Berlin wird schieben können.

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Ob man das mit der ruhigeren Kugel so auch von Franz Müntefering sagen kann, ist noch nicht klar. Müntefering hat es ohne sein Zutun zum inoffiziellen Held der Woche geschafft. Und zwar im doppelten Sinn. Erst konnte er nix dafür, an Bord einer Maschine zu sitzen, die mit eingeklapptem Fahrwerk auf dem Stuttgarter Flughafen notlanden musste. Und dann hat er hinterher auch noch kein Gewese davon gemacht. Was in ihm während der brenzligen Minuten vorgegangen ist - darüber wollte er nicht reden. Ein paar verwackelte Fotos aber zeigen ihn, wie er trotz Explosionsgefahr am Fuß der Notrutsche auf andere Passagiere wartete, um ihnen zu helfen, während andere in Panik weglaufen. Wir wissen es nicht - aber wahrscheinlich hat Müntefering in diesen Momenten ja an einen Satz von Müntefering gedacht: "Besser heißes Herz und klare Kante als Hose voll!"