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Gabriel und Thierse: Wahlkampf-Hoffnung AKW

Der Wahlkampf plätschert vor sich hin, aber ein Thema eignet sich hervorragend zum Polarisieren: der Atomausstieg. Im roten Prenzlauer Berg in Berlin zeigt Umweltminister Gabriel, wie man's macht. Ein Ortstermin.

Von Mathias Becker

Irgendwer hätte den Fernsehleuten ja mal sagen können, wo er reinkommt. Als Sigmar Gabriel am Mittwochabend seinem Gastgeber vor dem Hintereingang des Berliner Kulturzentrums "Pfefferberg" die Hand schüttelt, stellt der Kameramann gerade scharf. Auf den Vordereingang. Ein Autogrammjäger war cleverer. Gabriel schreibt noch schnell seinen Namen in ein Büchlein, als Wolfgang Thierse mahnt: "Wir wollen die Menschen nicht zu lange warten lassen."

Draußen fallen die letzten Sonnenstrahlen durch haushohe Kastanien ins Kiesbett. Entspannt, bei Bier oder Schorle, lässt der Prenzlauer Berg den Tag zu Ende gehen. Drinnen ist es warm und stickig. Dennoch: Der schwarz gestrichene Veranstaltungssaal ist gut gefüllt. Rund 200 Menschen warten auf den Bundesumweltminister, SPD, und den Bundestagsvizepräsidenten, SPD. Thierse hat 2002 und 2005 mehr als 40 Prozent der Erststimmen im Bezirk Pankow geholt. Seine Chancen auf ein Direktmandat stehen auch in diesem Jahr gut. Sein Gast muss dafür noch mächtig kämpfen.

Wow: Merkel reagiert

"Arbeitsplätze durch ökologische Industriepolitik" lautet das Thema der Veranstaltung aus der Reihe "Thierse trifft". Mit Wahlkampf habe das nichts zu tun, sagt der: "Ich lade seit Jahren Menschen zum Dialog in meinen Bezirk ein." Ihm wird gleichwohl nicht entgangen sein, dass er mit Sigmar Gabriel einen gewichtigen Spieler seiner Partei im Scheinwerferlicht empfängt. Immerhin: Der Niedersachse hat geschafft, woran sich andere gerade die Zähne ausbeißen. Mit seiner Erklärung, der Standort Gorleben sei als Atommüll-Endlager gestorben, entrang er der Kanzlerin eine Stellungnahme. Ein seltenes Ereignis in einem Wahlkampf, dem Angela Merkel mit geradezu royaler Zurückhaltung begegnet. Sie sei dafür, den Standort Gorleben weiter "ergebnisoffen zu prüfen", antwortete sie in der Leipziger Volkszeitung.

Doch das Geplänkel zwischen Merkel und ihrem Minister ist nur die Spitze des Eisbergs. Das Thema "Atomausstieg" scheidet CDU und SPD wie bei kaum ein anderes. Lässig auf den Stehtisch gelehnt, baut Gabriel eine Drohkulisse auf: Man stelle sich nur mal vor, was eine "Wasserstoffexplosion in der Nähe des Reaktors" bedeute - ein solcher Unfall hat in Brunsbüttel 2001 beinahe zu einer Katastrophe geführt. Und im Übrigen: Unter seinem Wahlkreis Salzgitter-Wolfenbüttel - im "Schacht Konrad" - liege schon jetzt tonnenweise giftiger Atommüll herum, sagt Gabriel. Soll heißen: Atomkraft ist Teufelszeug und Merkel der Teufel. So versucht Gabriel, den Umweltjoker, den ihm die "Klima-Kanzlerin" entwunden hat, endlich wieder in die Hand zu bekommen.

Was ein Alphatier schaffen muss

Vermutlich wird ihm das in seinem "Wahlkreis 50" nutzen. Sein CDU-Kontrahent Jochen-Konrad Fromme ist in der Zwischen- und Endlagerfrage offen auf Parteilinie. Im Land von "Konrad", "Asse" und "Gorleben" holt man auf diesem Wege kein Direktmandat. Gabriel aber braucht das Direktmandat zwingend, denn er ist nicht über die Landesliste abgesichert. Sein Landesverband wählte im Mai dieses Jahres den ostfriesischen Linksausleger Garrelt Duin an die Spitze, Gabriel wurde auf den hoffnungslosen Platz 24 verbannt. Motto: Ein Alphatier schafft das aus eigener Kraft. Muss es aus eigener Kraft schaffen.

Hier, im Prenzlauer Berg, absolviert Gabriel eine Trainingseinheit Wahlkampf und Genosse Thierse macht eifrig mit. Ob sich denn Arbeitsmarktpolitik und Klimaschutz unter einen Hut bringen ließe? Wenn man sie gegeneinander ausspiele, ziehe das Klima immer den Kürzeren, gibt Thierse zu bedenken. Gabriel nimmt die Steilvorlage dankbar an und rattert die SPD-Vorstellungen runter: Man könne Millionen Arbeitsplätze schaffen - mit Milliarden Investitionen in Umwelt- und Klimaschutz. Hierzu zählt Gabriel auch die "Abwrackprämie". Deutschland ist eben ein Autoland.

Thierse als Stichwortgeber

Und so verkümmert Thierse während des zweistündigen Auftritts mehr und mehr zum Stichwortgeber für Gabriel. Kritische Fragen aus dem Publikum walzt der Umweltminister mit endlosen Zahlenkonvois nieder. "Ich mache das jeden Tag", sagt er wie zur Entschuldigung. Und fügt hinzu: "Es macht Spaß mit Ihnen zu streiten."

Am Ende des Abends gibt es im roten Prenzlauer Berg einen eindeutigen Gewinner: Gabriel. Für seine Attacken gegen die Atomkraft erntet er begeisterten Applaus. Im Veranstaltungssaal des "Pfefferberg" hat die SPD die Wahl schon gewonnen. Wie es da draußen um die Partei steht, ist für einen Moment vergessen.