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Problem Nichtwähler: Warum die Wahl jetzt "Date" heißen soll

Wie kriegt man Nichtwähler vom Sofa? Mit Promi-Werbung, Aufklebern, Leuchtreklamen, Ketten-E-Mails, Stickern und 100-Euro-Gewinnspielprämien. Das jedenfalls glaubt die Initiative Pro Dialog. Ein Ortstermin.

Von Dorit Kowitz

Die Rettung der deutschen Demokratie soll beim Brandenburger Tor beginnen, weil das immer so ein schönes Symbol abgibt. Irgendein Raum ganz in der Nähe musste darum her für die Pressekonferenz, die nichts Geringeres einläuten will, als den Trend zur Wahlenthaltung der Deutschen zu stoppen - und ihn sogar umzukehren. Die Ausgangslage aber ist schwierig.

Erstens: Die Initiative, die "ProDialog" heißt und die Aktion "Ohne Kreuz, keine Stimme" ins Leben ruft und ab sofort "Demokratiebotschafter" sucht, hat in das dunkle, hässliche, geduckte Separee eines Brauhauses hinterm Pariser Platz eingeladen, in das man nur als amerikanischer Tourist unentschuldigt gehen darf, nicht aber als Deutscher oder gar Bayer. Brauhäuser, die so aussehen, gehören verboten: ein Neubau mit Gastro-Katalog-Möbeln und Kunstblumen; man ahnt die Brandschutzvorrichtungen unter der Gipsplatten-Decke. Wie ein Büro, bloß mit Zapfhahn.

Zweitens: Der erste Botschafter am Aktionsbus vorm Brandenburger Tor ist Klaus Wowereit, Berlins Regierender Bürgermeister, SPD. Seine Beliebtheitswerte bei den Wählern sind erst neulich dramatisch gesunken. Kein guter Ausgangspunkt für einen Bus, der frohe Botschaften herumfährt.

Drittens: Die Nichtwähler in Deutschland sind zahlreich. Nur 77,7 Prozent gingen zur Bundestagswahl 2005. Und 2009 drohen die Nichtgeher, sich sogar zu vermehren. Im Juni hatten 22 Prozent in einer dimap-Umfrage gesagt, sie würden nicht wählen oder seien sehr unsicher, ob sie es täten. Im August sind daraus 28 Prozent geworden. 17 Millionen Stimmen. Das hat Potenzial.

Check-In am 27. September

Das soll nun gehoben werden wie ein Schatz, denn ProDialog hat sich der Sache angenommen, überparteilich, altruistisch, mit dem Hauptsponsor Deutsche Post im Rücken. Oder im Nacken. Man weiß es nicht.

Nichtwähler zu Wählern zu machen ist jetzt jedenfalls ein Marketing-Projekt von dynamischen Beratern geworden; die Präsentation erfolgt am 27. September mithilfe der Wahlstatistik. In den vier Wochen bis dahin aber deuten die Berater die Wahl zum Event um. Um das Angebot, das zur Wahl steht, geht es übrigens nicht.

Denn den Wahlberechtigten des Jahres 2009 überzeugt man nicht durch gute Politik und ihr markantes Personal, es schert ihn offenbar nicht Freiheit-Gleichheit-Brüderlichkeit, Einigkeit und Recht und Freiheit. Er will - versteht man die Instrumente, die ProDialog einsetzt, recht - gelockt werden mit Sprüchen, Logi, Aufklebern, Leuchtreklamen, Ketten-E-Mails, teuren Bekenner-T-Shirts, Ansteckern und 100-Euro-Gewinnspielprämien.

Und den Wahltag nennen sie bei den Demokratiebotschaftern jetzt "Date". Das klingt schicker. Man verabredet sich also möglichst online zum Stimmen-Check-in am 27.9. in der Wahl-Location.

Lyrik eines Tatort-Kommissars

"Wir wollen ein digitales Lauffeuer entfachen", sagt Kerstin Plehwe, die Vorsitzende der Initiative. Sie muss dabei nicht mal schmunzeln.

Plehwe ist Kommunikationsberaterin, sie bewundert Barack Obama. Sie glaubt an Motivation, ans Anquatschen, Überreden, Beeinflussen. Es ist ihr Job. Es ist der Job aller Kommunikationsberater in Berlin. Plehwe hat wenigstens Erfolg.

Viele Demokratiebotschafter hat sie schon gewonnen. Klaus J. Behrendt zum Beispiel. Der spielt sonst im Kölner Tatort einen Kommissar. Er ließ für die Aktion ausrichten: "Demokratie ohne Wähler ist wie Baum ohne Wurzeln." Und die Diseuse Desiree Nick sagt: "Demokratie ohne Wähler ist wie Freiheit mit Maulkorb". Und der Koch Rolf Zacherl spricht: "Demokratie ohne Wähler ist wie Suppe ohne Salz" Weitere Wahl-Lyrik findet man unter www.diedemokratiebotschafter.de. Man darf sich auch selbst etwas ausdenken und eben Geld gewinnen, siehe oben.

Das Kreuz mit dem Logo

Von gestern Nacht an sollte der "Post-Tower" in Berlin so beleuchtet werden, dass er das Logo der Kampagne zeigt. Wer es nicht erkennt, was leicht passieren kann: Es zeigt einen Kreis, darin ein Kreuz und halb rechts darüber drei Bögen, die vermutlich das Wort "Stimme" der Stimme, die jeder zu vergeben hat, noch mal versinnbildlichen sollen.

Ein gutes Logo ist das nicht. Aber bestimmt gut gemeint.