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Wahlkampfauftakt der CDU: Die Kanzlerin sprach - und sagte nichts

Teflon-Kanzlerin Angela Merkel ist sich bei dem pompös inszenierten CDU-Wahlkampfauftakt in Düsseldorf treu geblieben. Nur nichts anbrennen lassen!

Von Sebastian Christ, Düsseldorf

Diese Show ist eine Liebeserklärung an die Erfindung des Hochleistungsscheinwerfers. Strahlkränze vereinigen sich zu Kegeln, die in allen Regenbogenfarben den dunklen Saal erleuchten. Sie sind heller als die riesigen Videoleinwände an beiden Seiten der Halle, auf denen von Herbst bis Frühjahr die Eishockey-Tore der Düsseldorf Metro Stars zu sehen sind. Doch eigentlich geht es heute um Politik. Die CDU feiert ihren Wahlkampfauftakt.

Angela Merkel marschiert in den Saal ein. Die Bildschirme multiplizieren ihr Winken. An den Seitenrändern der Tribünen sitzen die Nachwuchspolitiker des "Teams Angela Merkel" und feiern die Kanzlerin. In ihren orangefarbenen T-Shirts wirken sie wie sonderbare Gespenster, die am Rande der Lichtshow einige schräge Glühwürmchentänze aufführen. Sie rappeln mit Ballons und speziell gefüllten Rasseln. Sie tanzen, jubeln. Besonders laut, wenn Fernsehkameras in der Nähe sind. Die Kanzlerin läuft durch eine lange Gasse von Menschen. Jetzt, in diesem Moment, mit all dem Licht und all den Leuten und all den Geräuschen: Da ist sie fast ein Popstar. Und genau das soll sie auch sein.

Die Veranstaltung im Düsseldorfer ISS Dome ist wohl eine der pompösesten Polit-Inszenierungen, die es jemals in Deutschland gegeben hat. Rund 9000 Zuschauer kamen, die meisten waren wohl CDU-Mitglieder. Im Publikum wehten Fahnen von einzelnen Bundesländern, eine Gruppe hatte sich Wolfgang-Schäuble-Fanschilder gebastelt. Im Vorprogramm traten unter anderem die international bekannten Sängerin Jennifer Rush und der Produzent Leslie Mandoki auf. Letzterer hat übrigens auch den CDU-Wahlkampfsong "Wir sind wir" produziert. Der frühere "Dschingis Khan"-Frontmann sagt: "Ich finde, Angela Merkel ist ein Glücksfall für unsere Nation." Hätte ein Popkünstler das vor zehn Jahren gesagt, er wäre wohl mit sozialer Ächtung gestraft worden.

Neben den prominenten Künstlern traten auch noch zahlreiche andere Gruppen auf. Auch die ehemalige Dressurreiterin Nicole Uphoff durfte sagen, warum sie Angela Merkel unterstützt. Am Ende dauerte die Show mehr als vier Stunden. Der Kongress, auf dem die Union ihr Wahlprogramm vorstellte, war eine Stunde kürzer.

Die Teflon-Kanzlerin lässt nichts anbrennen

Inhaltlich gab es nichts Neues. Auch an diesem Sonntag vermied es die CDU, ihre Wähler mit wahrscheinlich nötigen Zumutungen zu konfrontieren. Zum bisher praktizierten Nullwahlkampf gehört es eben auch, ein diffuses Gefühl von Optimismus zu verbreiten. Da passen einfache Wahrheiten nur schwerlich rein: Dass irgendjemand etwa die geplanten Steuersenkungen für die Mittelschicht bezahlen muss. Oder dass aufgrund der stark steigenden Zinszahlungen im Bundeshaushalt Einschnitte bei anderen Ressorts beinahe unumgänglich sind. Kein Wort darüber.

Stattdessen lobte Gastredner Christian Wulff die Eigenschaften von Teflon: "Das ist ein Stoff aus der Weltraumforschung", sagte der Ministerpräsident von Niedersachsen. "Er bewirkt, dass nichts anbrennt." Und das sei ja ein gutes Omen für Angela Merkel - der ja häufig Teflon-Eigenschaften unterstellt werden.

Nur nichts Konkretes

Wulff schürte außerdem die Angst vor einer linken Mehrheit im Bundestag. "Ich möchte nicht, dass wir die Bundestagswahl nach einigen Monaten wiederholen müssen wegen unklarer Mehrheitsverhältnisse. Wir dürfen es nie wieder zulassen, dass Radikale von links und rechts wieder die Politik mitgestalten."

Auch Jürgen Rüttgers hielt eine kurze Rede. Dabei streifte der die Vorwürfe, die gegen ihn wegen angeblich fremdenfeindlicher Äußerungen erhoben werden, mit keinem Wort. Stattdessen verlautbarte er einige Wohlfühlparolen. "Die Botschaft der Sozialen Marktwirtschaft ist nicht Reichtum für wenige, sondern Wohlstand für alle." Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident fühlt sich offenbar wohl in seiner Rolle als "Rächer der Entrechteten". Spottname: "Robin Rüttgers." Wenn man aber genauer hinhört, bleiben am Ende nur Gemütssätze übrig. Meinungsäußerungen, kaum mehr. So ködert man jedoch Parteitagspublikum. Man bringt in den Unionskollegen etwas zum Schwingen. Konkretes kommt dabei aber nicht rum.

Ein bisschen Stimmung gegen Rot-Rot

Diese Kunst beherrscht Angela Merkel übrigens bis zur Perfektion. "Wir haben die Kraft dazu beizutragen, dass 2009 nicht nur als das Jahr der Krise in Erinnerung bleibt, sondern auch als das Jahr, in dem die Grundlagen für einen neuen Aufschwung gelegt wurden", sagt sie. Oder: "Wir haben gezeigt, dass wir im Jahr der Krise Schaden von unserem Land abgewendet haben." Das Publikum ist begeistert. Immer wieder bekommt Merkel lange anhaltenden Applaus.

Über die Jahre der Großen Koalition hat sie dieser Logik folgend nicht nur Negatives zu berichten: "Niemals werde ich zu jenen gehören, die alles schlecht reden, nur weil Sozialdemokraten dabei waren", sagt sie. Aber, und das ist neu: Die Angriffe gegen die SPD werden schärfer. "Gönnen wir ihnen eine Pause. Sie können sich erholen, und zwar in der Opposition." Auch Merkel versuchte, gegen Rot-Rot-Grün Stimmung zu machen. "Auch unseren beliebten Bundespräsidenten Horst Köhler wollten sie zusammen mit der Linken aus dem Amt jagen", und sie klingt dabei sehr vehement. "Das ist die Politik der Sozialdemokratie."

Gemütssätze fürs Fußvolk

Im Bereich Wirtschaftspolitik strebt Merkel weiterhin eine unternehmerfreundliche Politik an. Der Mittelstand müsse gestärkt werden, damit Deutschland den Aufstieg aus der Krise heraus schaffe. Bürokratieabbau sei da eines der Projekte, die eine neue Bundesregierung unter ihrer Führung in Angriff nehmen wolle. Ein Kurswechsel ist das nicht, auch wenn sie die Gier der Banken geißelt. Gemütssätze fürs Fußvolk eben.

Sie bekommt beinahe fünf Minuten Standing Ovations für ihre Rede, dann posieren alle ranghohen Christdemokraten für ein Foto. Merkel ist cremefarben gekleidet, beinahe alle anderen männlichen Parteikollegen tragen dunkle Anzüge. Auf den Historiengemälden hatten früher nur Könige und Kaiser helle Uniformen. Eine Anspielung?

Zum Ende, als die Besucher zu den Ausgängen strömen, und einige immer noch benommen mit ihren Winkschildern auf den Gängen stehen, spielt die Saalregie ein letztes Lied. "Angie" von den Rolling Stones. Das haben die Wahlkampfhelfer von Angela Merkel auch schon vor vier Jahren bei jedem ihrer Auftritte gemacht. Damals wie heute ist es eine Liedzeile, die haften bleibt. Eine Frage, die in all der Zeit unbeantwortet blieb: "Angie, where will it lead us from here?"