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Berlin vertraulich! "Gucken Sie sich dieses Beamtengesicht an"


Die SPD bräuchte für den Wahlkampf markante Gesichter. Stattdessen hat sie Frank-Walter Steinmeier. Nicht nur ein Fotokünstler tut sich schwer mit dessen konturlosem Gesicht. Ein FDP-Kenner hält Steinmeier gar für den Klaus Kinkel der SPD - einen richtigen Musterbeamten.
Von Hans Peter Schütz

Mancher lehnt SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier aus politischen Gründen ab. Zuweilen trifft er jedoch auf einen sehr speziellen Vorbehalt. Etwa beim prominenten Kanzler-Fotografen Konrad Rufus Müller, der bislang alle Bundeskanzler in Schwarz-Weiß-Bildern mit seiner über 30 Jahre alten Rolleiflex abgelichtet hat. Müller liebt vom Leben gekerbte Gesichter, am liebsten fotografierte er daher Konrad Adenauer und Willy Brandt. Aus dieser künstlerischen Perspektive betrachtet, darf seiner Meinung nach Steinmeier auf keinen Fall Kanzler werden. Müller: "Gucken sie sich doch nur dieses Beamtengesicht von dem Herrn Steinmeier an!"

Dass Steinmeier auch bereit wäre, Regierungschef eines SPD-Grüne-FDP-Kabinetts zu werden, beunruhigt andere Beobachter des Wahlkampfs aus ganz anderen Gründen. So sagt etwa Fritz Goergen: "Steinmeier ist doch der Klaus Kinkel der SPD." Soll heißen: ein überaus tüchtiger Beamter, aber kein Spitzenpolitiker. Goergen darf hier als Experte gelten, denn er operierte politisch lange Jahre in der FDP-Führung mit, zuletzt als Berater von FDP-Chef Guido Westerwelle. Er weiß also genau, was bei den Liberalen, die er allerdings verlassen hat, über Steinmeier gedacht wird.

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Wie die Bundestagswahl ausgeht, ist für Regierungssprecher Ulrich Wilhelm glasklare Sache: Sieg für Angela Merkel. Weil er sich dessen so sicher ist, hat er jetzt sogar seine an sich fest programmierte Lebensplanung geändert. Vier Jahre nur, so hatte er Frau und seinen zwei Kindern versprochen, die in München wohnen, gehe ich nach Berlin und dann ziehen wir wieder fest in der bayerischen Landeshauptstadt zusammen. Diese Zusammenführung, so ist zu hören im Kanzleramt, ist jetzt um ein Jahr verschoben worden. Wilhelm dient der Kanzlerin auch noch 2010 als Regierungssprecher. Dann aber soll endgültig Schluss sein mit Berlin. 2011 braucht der Bayerische Rundfunk einen neuen Intendanten. Und diesen Posten hat Wilhelm scharf im Visier.

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Ein Machtwechsel von Schwarz-Rot zu Schwarz-Gelb würde nicht nur bei den Ministerköpfen zu erheblichen Veränderungen führen, sondern auch im Präsidium des Bundestags. Zurzeit amtieren dort zwei Schwarze, Bundestagspräsident Norbert Lammert und Gerda Hasselfeldt, zwei Rote, Wolfgang Thierse und Susanne Kastner, ein Liberaler Hermann Otto Solms, eine Grüne, Katrin Göring Eckardt, und eine Linke, Petra Pau. Das bedeutet: Bei Kampfabstimmungen hat derzeit die Große Koalition mit 4 zu 3 Stimmen stets die Mehrheit. Käme eine Koalition von CDU/CSU und FDP nach der Wahl, stünde es 3 zu 4 für die Opposition aus SPD, Grünen und Linkspartei. Deshalb geht man im Präsidium davon aus, dass dann die SPD einen Vizeposten verliert - wobei es vielen Genossen recht wäre, wenn dann Thierse abdanken muss und Susanne Kastner bleiben darf.

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Aus Anlass des 60. Geburtstages von Volker Kauder, Fraktionschef der CDU/CSU, hat der CDU-Bundestagsabgeordnete Siegfried Kauder seinem Bruder ein Gedicht mit dem Titel "Bruderliebe - Geschwisterliebe" geschrieben:

"Erzähl' mir nichts von Bruderliebe
gerade dort gibt's Seitenhiebe.
Und wer die Bibel kennt,
auch schnell ein Bruderpaar benennt.
Warum? - So braucht man nur zu fragen,
hat Kain den Abel denn erschlagen?
Es war der Neid, der jenen trieb,
der Tod trat ein nach einem Hieb.

Doch manche Brüder überleben
so wie wir Kauder-Brüder eben.
Wir wissen, wo es enden kann,
tritt Bruder gegen Bruder an.
Da kommt dann plötzlich aus der Mitte
der Profiteur, das ist der Dritte.
Wir Kauder-Brüder sind nur zwei,
d'rum ist ein Dritter nicht dabei.

Die Mutter hat uns mit Bedacht,
in jungen Jahren beigebracht:
Klärt, was ihr klären müsst zu zweit,
und trag nach außen keinen Streit.
Tretet nach außen auf wie einer,
wenn das so ist, dann wagt schon keiner,
euch beide wie das Holz zu spalten.
Ihr zwei müsst gut zusammenhalten."

Es folgt Strophe 4 und da wird es sehr politisch:

"Der Mutter Rat ist gut und richtig,
er ist nicht nur für Brüder wichtig.
Auch Schwestern sollten ihn beachten.
Statt nach dem Leben sich zu trachten,
gilt allemal in Wahlkampfzeiten:
Nicht mit dem großen Bruder streiten!
Sei nicht so vorlaut, Schwester Du, bleibst doch die kleine."

Das ist poetischer Wahlkampf pur in Richtung CSU. Es folgen dann noch zwei weitere Strophen, in denen allerdings in der stern.de vorliegenden Fassung einige Passagen als "VS-vertraulich" eingestuft und nicht ausgedruckt sind. Sie können, so Siegfried Kauder, in der Geheimschutzzelle des Bundestags eingesehen werden. Unser Rat: die CSU sollte dies unbedingt tun.


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