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CDU-Party für Volker Kauder: Als die Kanzlerin zum Telefon eilte

Alle waren sie gekommen, um den 60. Geburtstag von Unionsfraktionschef Volker Kauder zu feiern: Guido Westerwelle, Ursula von der Leyen, Angela Merkel. Dann traf eine Nachricht aus Thüringen ein.

Von Hans Peter Schütz, Tuttlingen

Schmallippig stand Guido Westerwelle zwischen allseits lächelnden Menschen. "Ich bin hier einsam unter lauter Schwarzen," murmelte er und blickte überall hin nur nicht nach rechts. Dort stand Angela Merkel und mied den Blick nach links. Tätschelte das Haar eines kleinen Jungen neben ihr und lächelte hinauf zur Bühne. Dort wurde gerade das Abba-Lied "The winner takes it all" gesungen.

Da wusste sie schon, dass sie, wieder einmal, gewonnen hatte. Hatte bereits Kenntnis von der Bombenüberraschung des Tages: Dass Dieter Althaus, der Verlierer der thüringischen Landtagswahl, hingeworfen hatte. Ein Rücktritt, der es möglich macht, dass die CDU in diesem Bundesland trotz schwerer Wahlschlappe an der Macht bleibt.

Die Stadthalle des baden-württembergischen Städtchens Tuttlingen rückte dadurch zur donnerstäglichen Mittagstunde ins Zentrum der deutschen Politik. Die Kanzlerin musste mal schnell ans Telefon, verschwand mal für ein paar Minuten, kam wieder, flüsterte Anweisungen an CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla. Die Machtmaschine Merkel lief dezent, aber auf Hochtouren.

Rüge von der Ehefrau

Neben Merkel stand der CDU/CSU-Fraktionsvorsitzende Volker Kauder, der hier seinen 60. Geburtstag feierte. An seiner Seite Ehefrau Elisabeth, die ihn in der Nacht zuvor leicht gerügt hatte, weil er erst kurz vor Mitternacht von einem Wahlkampftermin nach Hause gekommen war: "Ist das nicht ein bisschen übertrieben?" Und um die Kanzlerin und ihr Geburtstagskind war CDU-Prominenz zuhauf versammelt. Die Bundesminister Annette Schavan, Verteidigungsminister Franz-Josef Jung, Familienministerin Ursula von der Leyen, Ministerpräsident Günther Oettinger und, und, und...

Und mittendrin der einsame FDP-Vorsitzende Guido Westerwelle, der sichtlich unter der Umgebung litt. Immerhin müsse er hier nicht auftreten, tröstete er sich. Nicht persönlich, wenigstens politisch nahm ihn die Kanzlerin zur Kenntnis. "Wir sind an einer sehr markanten Position in der Geschichte der Bundsrepublik angekommen", sagte sie. Jetzt müsse das Schiff in die richtige Richtung gesteuert werden - weg von der Großen Koalition. "Wir kämpfen gemeinsam dafür, dass diese Erfahrung ein Ende hat", rief sie dem Geburtstagskind zu.

Da hellte sich auch Westerwelles Gesicht auf. Und als Kauder ihn wenig später wissen ließ, er freue sich darauf, mit dem "lieben Guido" in wenigen Wochen zusammenarbeiten zu können, da strahlte er. Das sei doch endlich ein glasklares Bekenntnis zur schwarz-gelben Koalition gewesen, freuten sich die vielen FDP-Politiker im Publikum.

Kauder als Zirkusdirektor

Wie es in der CDU selbst weitergeht, blieb unklar. CSU-Landesgruppenchef Peter Ramsauer, der das Geburtstagskind im Namen der CDU/CSU-Fraktion würdigte, sprach davon, dass der Fraktionsjob Kauder perfekt auf den Leib geschneidert sei. Merkel nannte sich eine "Freundin des Menschen Volker Kauder", auch wenn ihre Wege nicht immer harmonisch aufeinander zugelaufen seien. Das war eine Anspielung darauf, dass Kauder ihr 2002 klar gesagt hatte, jetzt müsse der Kanzlerkandidat der Union Stoiber und nicht Merkel heißen. Übel genommen habe sie es ihm nicht, "das war der Beginn unserer Freundschaft." Merkel erinnerte daran, dass Kauder als Junge davon geträumt hat, später einmal Zirkusdirektor zu werden. Daraus sei ja leider nichts geworden. Immerhin, tröstete sie ihn, sitze er nunmehr an einem Platz, der ähnliche Entscheidungsformen aufweise.

Ein Hinweis, dass Kauder Fraktionschef bleibt? Viel spricht dafür. Er tat sich zu Beginn schwer auf diesem Platz, weil er lieber Kanzleramtschef geworden wäre. Jetzt fühlt er sich dort sicher, liebäugelt jedoch zuweilen mit einem Ministerposten im neuen Kabinett Merkel. An den Job des Bundesverkehrsministers denkt er dann, wobei ihn vor allem die Zuständigkeit für die Automobilwirtschaft reizt, die er in den Mittelpunkt seiner Arbeit in diesem Ressort setzen würde.

Die Frage nach Oettinger

Aber er hält sich bedeckt. "Wir haben es uns nicht leicht gemacht mit unserer Freundschaft", sagte er zur Kanzlerin. Auf seine Loyalität könne sie sich jedoch weiterhin verlassen, immerhin höre sie ihm ja immer zu, auch wenn sie zuweilen mit den Augen dabei rolle. Die Kanzlerin lächelte. Ihr Ex-Bundesgeschäftsführer Willi Hausmann, der immer noch als ihr politischer Berater arbeitet, ist sich sicher, dass Kauder an der Spitze der Fraktion bleibt.

Ungeklärt blieb auf dieser Geburtstagsfeier die Frage: Geht Kauder vielleicht als Ministerpräsident nach Baden-Württemberg, wenn Amtsinhaber Günther Oettinger weiter politisch abbaut? Das wird eifrig dementiert - nach außen. Intern allerdings wird bereits eine kühle Rechnung aufgemacht: Wenn Oettinger weiterhin die konservativen CDU-Wähler im Ländle verärgere und in Städten wie Stuttgart so erfolglos bleibe, dass die Grünen die CDU überholen, "dann ist er nach der Bundestagswahl fällig."

Erwin Teufel, den Oettinger gegen seinen Willen aus dem Amt gedrängt hat, hat die Frage nach einem Nach-Nachfolger Kauders nicht beantwortet. Aber seine Augen strahlten, als er darauf angesprochen wurde.