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Ralph Brinkhaus: Westfale, 68er, Fan des 1. FC Köln - das ist der Mann, der Angela Merkel in Schwierigkeiten bringt

Er ist der Mann, der Angela Merkels Vertrauten von der Spitze der Unionsfraktion geputscht hat. Dabei ist Ralph Brinkhaus alles andere als ein Parteirebell. Der knorrige Westfale hat lediglich stur sein Ding durchgezogen.

"Einsam und immer unterwegs, knabbert er den letzen Keks. Der letzte Cowboy kommt aus Gütersloh und sucht die Freiheit irgendwo, irgendwo…" Wohl jeder, der in und um Gütersloh geboren ist, hat den Song von Thommie Bayer irgendwann in seinem Leben mal vor sich hingepfiffen.

Ralph Brinkhaus dürfte da keine Ausnahme sein. Zwar dürfte ihm das Lied nach seinem Coup vom Dienstag, als er völlig überraschend den langjährigen Amtsinhaber Volker Kauder an der Spitze der CDU/CSU-Bundestagsfraktion abgelöst hat, sicher nicht als Erstes in den Sinn gekommen sein. Aber die "Freiheit", die hat Brinkhaus nicht nur gesucht, die hat er sich in seiner politischen Karriere immer schon genommen. Zuletzt, als er sich dem ausdrücklichen Wunsch von Angela Merkel widersetzte und auch dann noch an seiner Kampfkandidatur um den Fraktionsvorsitz festhielt, als die Kanzlerin die Unionsabgeordneten beinahe schon anflehte: "Ich brauche Volker Kauder".

68 geboren - aber kein Rebell

Nun ist Brinkhaus zwar im Revoluzzerjahr 1968 in Rheda-Wiedenbrück geboren, aber ein Parteirebell ist er deshalb noch lange nicht. Auch, wenn er sich mit den erklärten Merkel-Kritikern Jens Spahn und Carsten Linnemann gut versteht. Was aber auch daran liegen könnte, dass beide ebenfalls Westfalen sind.

Brinkhaus' Karriere liest wie vom konservativen Reißbrett: Wehrdienst bei den Panzerjägern in Augustdorf, Wirtschaftswissenschaften an der Uni Hohenheim, Steuerberaterexamen, eigene Kanzlei mit Schwerpunkt internationales Rechnungswesen.

Zur CDU kam er vor 20 Jahren, zu Schulzeiten über die Junge Union. Bevor er 2009 ein Direktmandat in den Bundestag errang, engagierte er sich in der Lokalpolitik, saß er von 2004 bis 2012 im Stadtrat von Gütersloh, wo er zwischen 2007 und 2009 den Fraktionsvorsitz innehatte. Ebenfalls seit 2009 ist er Kreisvorsitzender der CDU im Kreis Gütersloh. Vor zwei Jahren wurde Brinkhaus dann stellvertretender Vorsitzender des mächtigen nordrhein-westfälischen Landesverbands.

Ralph Brinkhaus - ein Typ, der sich was traut

In seiner ostwestfälischen Heimat ist man hörbar stolz auf den Landsmann. "Ja, das ist ein Typ, der traut sich was", sagt sein Vorgänger als CDU-Fraktionsvorsitzender im Gütersloher Stadtrat, Rudolf Bolte. "Er hatte die Qualifikation und den Ehrgeiz, ich ahnte schon, dass ihn der Weg nach Berlin führt."

Im Bundestag galt er bislang als kühler Finanzfachmann. Seit 2013 ist er in der Fraktion als Vizevorsitzender für den Bereich Haushalt, Finanzen und Kommunalpolitik zuständig. Brinkhaus ist ein vehementer Verfechter der schwarzen Null und setzt sich für eine Entlastung der Bürger bei den Sozialversicherungsabgaben ein.

Mit offener Kritik an Merkel oder Kauder tat sich der verheiratete Katholik kaum einmal hervor. Sein Wahlkampf, wenn man ihn denn überhaupt so nennen kann, war wie er: sachlich und zurückhaltend. Sein Programm: Nach 13 Jahren Kauder brauche es neue Köpfe, Aufbruch, frischen Wind. "Ich kandidiere für neuen Schwung in der Fraktion, nicht gegen die Kanzlerin", hatte er vor der Wahl betont. Leise und freundlich im Ton, durchsetzungsstark in der Sache.

Ausschlaggebend für seinen knappen Sieg gegen Kauder war laut Beobachtern seine leidenschaftlicher Auftritt vor der Fraktion. "Er brannte förmlich für den Fraktionsvorsitz", sagte der CDU-Abgeordnete Gunther Krichbaum nach der Sitzung - und das habe man auch in seiner Bewerbungsrede gemerkt.

Kein Merkel-Kritiker, aber auch kein Abnicker

Brinkhaus' Leidenschaft musste auch schon die Kanzlerin spüren, mit der er laut der "Süddeutschen Zeitung" einmal in der Debatte über die Beschränkung der steuerlichen Absetzbarkeit von Managergehältern aneinandergeraten ist. Ein zweites Mal haben sich ihre Wege gekreuzt, als Brinkhaus die Reaktion der Unionsabgeordneten auf die Vorschläge des französischen Präsidenten Macron zur Zukunft Europas mit formulierte, die kritischer gewesen sein sollen, als es Merkel laut "SZ" recht gewesen ist.

Wird Merkel also mit ihm klar kommen? Bei seinem ersten TV-Interview nach seiner Wahl im "heute journal" ließ Brinkhaus keinen Zweifel daran. "Zwischen uns passt kein Blatt Papier" sagte er mit Blick auf sein Verhältnis zur Kanzlerin. Und doch: Brinkhaus ist kein Abnicker - er steht in Zeiten einer erstarkenden AfD für einen konservativen Kurs mit klarer Handschrift. Und für mehr Selbstbewusstsein gegenüber Merkel und ihrer Regierung.

Brinkhaus geht es um Erneuerung - und mehr Sprechfähigkeit im Umgang mit an die AfD verlorenen Wählern. "Wir wollen einen neuen Anlauf, um mit jenen ins Gespräch zu kommen, die sich von uns abgewandt haben. Auch im Mittelstand haben wir zunehmend Protestwähler, um die wir uns stärker als bisher kümmern müssen." Er meint, man müsse stärker für den Zusammenhalt im Land kämpfen - aber nicht mit immer höheren Sozialleistungen. "Wir können die Gräben in der Gesellschaft nicht mit Haushaltsmitteln zuschütten."

Fußballfan mit Geißbock auf dem Schreibtisch

Auf Brinkhaus' Schreibtisch im Bundestagsbüro steht ein weißer Keramik-Geißbock. Er ist Fan des 1. FC Köln. Was eine gewisse Leidensfähigkeit voraussetzt und ihn zu einem Exoten unter den fußballbegeisterten Ostwestfalen macht, deren Herz eher für den BVB oder Schalke 04 schlägt.

Anfangs belächelt für seine Kandidatur, zog Brinkhaus westfälisch-stur sein Ding durch - kein prominenter Unions-Politiker schlug sich öffentlich auf seine Seite. Nun reiht er sich plötzlich ein in eine illustre Liste an der Spitze der Unions-Fraktion mit Namen wie Rainer Barzel, Helmut Kohl, Wolfgang Schäuble - und Angela Merkel.

Bundeskanzlerin Angela Merkel gerät zunehmend unter Druck
kng mit / DPA / AFP