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Unterwegs mit Handicap Barrierefreiheit im Urlaub: Die wichtigsten Tipps – und besten Reiseziele

Eine Frau im Rollstuhl blickt auf eine Berglandschaft.
Menschen mit Behinderung müssen sich oft intensiv auf eine Reise vorbereiten.
© Romain Virtuel / Unsplash
In Deutschland leben 7,8 Millionen schwerbehinderte Menschen. Sie sind mitunter auf Barrierefreiheit angewiesen. Besonders dann, wenn sie ihr gewohntes Umfeld verlassen. Wie funktioniert Urlaub mit Handicap?

Strandurlaub in Spanien, ein Roadtrip durch Skandinavien oder doch lieber zum Bergwandern in die Schweizer Alpen? Wenn uns die Sehnsucht nach der Ferne packt, dann ploppen in unserem Kopf zahlreiche Möglichkeiten auf, wo die nächste Reise hingehen kann. Manchmal steht zwischen uns und unserem Traumreiseziel aber eine Barriere – und zwar im wortwörtlichen Sinne.

Barrierefreiheit ist noch längst kein Standard in Deutschland, erst recht nicht, wenn es um Mobilität, Urlaub und Freizeitaktivitäten geht. Dabei leben allein hierzulande rund 7,8 Millionen Menschen mit einem Schwerbehindertenausweis und weitere drei Millionen Menschen mit einer leichten Behinderung. Ganz zu schweigen von den vielen älteren Menschen, die zunehmend auf Hilfe angewiesen sind.

Es ist offensichtlich: Die Zielgruppe für barrierefreies Reisen ist groß. Trotzdem haben Betroffene noch immer mit Einschränkungen zu kämpfen. Das führt häufig zu großen Unsicherheiten beim Thema Reisen.

Wie komme ich zu meinem Reiseziel? Welche Möglichkeiten habe ich vor Ort? Und welche Reiseziele eignen sich eigentlich für Menschen im Rollstuhl oder mit einer Sehbeeinträchtigung? Wir beantworten die wichtigsten Fragen rund um Barrierefreiheit auf Reisen.

Barrierefreier Urlaub: Tipps und Tricks für die Reisebuchung

Wer von Barrieren im Alltag betroffen ist und sich im Urlaub erholen möchte, der sollte sich im Vorfeld möglichst genau über sein Reiseziel informieren. Selbst, wenn in der Hotelbeschreibung “barrierefrei“ oder “rollstuhlgerecht“ steht, ist nicht garantiert, dass das gesamte Gebäude wirklich zugänglich für Menschen mit Behinderungen ist. Hier lohnt es sich, beim potenziellen Gastgeber anzurufen und nachzuhaken.

Basis-Informationen über die Gegebenheiten vor Ort finden Sie heutzutage eigentlich in allen Prospekten und Online-Inseraten von Reisevermittlern. Seit 2018 gilt: Es muss angegeben werden, ob die Örtlichkeit für Menschen im Rollstuhl oder mit einer Sinneseinschränkung geeignet ist. Wer sichergehen möchte, der sollte aber auch bei Pauschalreisen beim Veranstalter nachfragen.

Falls dann doch was schief geht oder mehr Barrieren auftauchen, als vom Reiseveranstalter angekündigt, lohnt es sich immer, die Barrierefreiheit auch im Reisevertrag schriftlich festzuhalten. So ist es grundsätzlich möglich, jedes Land der Welt zu bereisen.

Wer es sich etwas einfacher machen möchte, der kann aber auch auf das Online-Portal “Reisen für Alle“ zurückgreifen. Die Bundesregierung hat das Projekt vor ein paar Jahren gemeinsam mit der Initiative des Deutschen Seminars für Tourismus Berlin e.V. ins Leben gerufen, um Menschen mit Behinderungen einen besseren Zugang zu Freizeitaktivitäten, Kultur und Reisen zu ermöglichen.

Heute gibt es auf der Webseite zahlreiche Tipps, Tricks und mehr als 2.500 Ideen für die barrierefreie Reiseplanung in Deutschland. Dafür werden landesweit touristische Angebote wie Hotels, Kultureinrichtungen, Sehenswürdigkeiten, Geschäfte und Gastronomiebetriebe nach einheitlichen Kriterien erfasst und zertifiziert. Dadurch sehen Menschen mit Behinderung sofort, ob das Reiseziel für sie geeignet ist oder mit welchen Barrieren sie rechnen müssen.

Übrigens: Weder Reiseveranstalter noch Verkehrsunternehmen dürfen eine Buchung wegen Behinderung oder aufgrund des Alters ablehnen. Einzige Ausnahme: Die Annahme geht mit einem Sicherheitsrisiko für den Kunden einher.

Barrierefreiheit trifft Mobilität: Was bei der Anreise zu beachten ist

Apropos Verkehrsunternehmen: Spätestens, wenn die Destination festgelegt und die Buchung bestätigt ist, geht es ans Eingemachte. Eine Frage spielt bei der Reiseplanung eine zentrale Rolle: Wie komme ich eigentlich an mein Reiseziel?

Gerade im Hinblick auf die Klimakrise entscheiden sich heutzutage immer mehr Menschen für den Landweg. Sprich: Sie reisen mit dem Zug oder Auto an, statt in den Flieger zu steigen. Auch für Menschen mit Behinderung ist das eine gute Alternative – zumindest für Kurzreisen und mit dem Direktzug.

Denn schnelles Umsteigen am vollen Bahnhof oder der kurze Halt am Rasthof, das sind Dinge, die im Rollstuhl oder mit einer Sehbehinderung nicht so einfach umsetzbar sind. In Deutschland haben wir zwar an vielen (nicht allen) Raststätten Behindertentoiletten – aber in anderen Ländern ist das noch längst kein Standard. Wer trotzdem mit dem Auto fahren möchte, der muss sich auch hier am besten vorher informieren, an welchen Stopps Barrierefreiheit gegeben ist.

Die Zugfahrt ins Urlaubsglück gestaltet sich vor allem für Rollstuhlfahrer mitunter schwierig. Mindestens aber ist auch diese Form der Anreise mit Planung verbunden. Bei der Deutschen Bahn müssen Fahrgäste mit Behinderung bei der sogenannte Mobilitätsservice-Zentrale frühzeitig einen Termin buchen, damit sie dann beim Ein- und Ausstieg unterstützt werden. Hier gilt: Wer zuerst kommt, fährt zuerst. Denn es gibt nur eine begrenzte Zahl an Plätzen für Rollstuhlfahrer im Zug – und die kann man nicht reservieren.

Ein ähnliches Prozedere erwartet Reisende am Airport. Auch hier gilt: Wer mit dem Rollstuhl verreisen will, der sollte spätestens 48 Stunden vor Abflug beim Flughafen anrufen und sich ankündigen. Nur dann kann garantiert werden, dass vor Ort auch Unterstützung da ist. Damit das Bodenpersonal auch über die individuelle Situation des Passagiers Bescheid weiß, gibt es international gültige Klassifizierungen, die Sie kennen sollten:

WCHR (Wheelchair Ramp): Ein gehbehinderter Fluggast, der Hilfe beim Ein- und Aussteigen im Airport braucht, aber einige Schritte zu Fuß gehen kann.

WCHS (Wheelchair Steps): Stark gehbehinderter Mensch, der kaum gehfähig ist und Unterstützung bis zur Flugzeugtür benötigt.

WCHC (Wheelchair Carry): Gehunfähiger Passagier, der auch innerhalb des Flugzeugs Hilfe braucht, um zum Beispiel zur Toilette zu kommen.

Grundsätzlich haben Menschen mit Behinderung oder eingeschränkter Mobilität in der gesamten Europäischen Union Sonderrechte bei der Beförderung mit dem Flugzeug, Nahverkehr oder Schiff. Das trifft einerseits auf die Unterstützung beim Ein- und Ausstieg zu, andererseits auf die kostenlose Mitnahme einer Begleitperson. In beiden Fällen ist allerdings eine vorherige Anmeldung notwendig.

Reisen mit Behinderung: Barrierefreiheit am Urlaubsort

Was viele nicht wissen: Weltweit gibt es mehr als eine Milliarde Menschen mit Behinderung. Das sind rund 15 Prozent der gesamten Weltbevölkerung. Diese Zahl bedeutet auch, dass es theoretisch in jedem Land möglich ist, mit einem Rollstuhl oder einer Sehbehinderung unterwegs zu sein. In der Praxis bedarf es dafür natürlich je nach Destination noch einmal genauerer Planung und Vorbereitung.

Vor allem für Menschen mit einer chronischen Erkrankung oder einer labilen Gesundheitssituation ist es deshalb wichtig, sich vorab über die Infrastruktur vor Ort zu informieren. Es kann Sicherheit geben, eine Liste mit allen Ärzten und Ansprechpartnern für den Ernstfall immer dabei zu haben. In diesem Zusammenhang ist es auch immer sinnvoll, eine Auslandskrankenversicherung abzuschließen.

Vor Ort ist es wichtig, sich nicht zu viel vorzunehmen. Nur, weil man im Urlaub ist und die Zeit nutzen möchte, sollte man sich nicht verausgaben und überfordern. Schätzen Sie Ihren Körper deshalb realistisch ein und planen Sie Aktivitäten, die zu Ihnen passen. Ein Ausflug auf einen steilen Berg ist trotz atemberaubender Aussicht vielleicht nicht die beste Idee für eine Reise mit Rollstuhl.

Generell gilt für die Freizeitgestaltung im Urlaub: Vorbereitung ist elementar. Suchen Sie sich Restaurants, Sehenswürdigkeiten und Veranstaltungen im Vorfeld raus und informieren Sie sich genau über die Möglichkeiten und Barrieren vor Ort, um böse Überraschungen zu vermeiden.

Futter für die Bucket-List: Barrierefreie Reiseziele

Wohin geht die nächste Reise? Inspiration für barrierearme Urlaubsziele finden Sie unter anderem auf dem Online-Portal “Reisen für Alle“. Dort gibt es zum Beispiel ganze Reiseprogramme inklusive Aktivitäten vor Ort für etliche Destinationen in Deutschland, zum Beispiel Bremerhaven, Dortmund, Bad Bevensen oder den Teutoburger Wald. Aber auch unsere Nachbarn im Süden können Barrierefreiheit. Viele Urlaubsgebiete in Österreich sind mittlerweile auf Reisegäste mit Handicap eingestellt, zum Beispiel mit extra Skibereichen oder einer transparenten Beschreibung der Unterkünfte.

Der "Access City Award" zeichnet jedes Jahr die europäischen Städte aus, die für Menschen mit Behinderungen am attraktivsten sind. In diesem Jahr ist die Stadt Luxemburg, Hauptstadt des gleichnamigen Landes, der Sieger. Die finnische Stadt Helsinki und die spanische Metropole Barcelona belegen den zweiten und dritten Platz des Rankings.

Vor allem die hohe Platzierung von Helsinki ist dabei kaum verwunderlich. Skandinavien gilt europaweit generell als Vorbild in Sachen Barrierefreiheit. In Schweden, Nordwegen und Finnland ist mittlerweile sogar gesetzlich verankert, dass möglichst alle Bereiche des öffentlichen Lebens für jeden Menschen zugänglich sein sollen. Es gibt zwar gewiss noch Ausnahmen, aber für eine barrierearme Reise ist der europäische Norden eine gute Anlaufstelle.

Übrigens: In den Vereinigten Staaten gibt es bereits seit vielen Jahren eine entsprechende Regelung. Im sogenannten „Americas with Disabilities Act“ aus dem Jahr 1990 steht, dass alle Neubauten allgemein zugänglich sein müssen. Außerdem sollten bestehende Einrichtungen die Barrierefreiheit ausbauen.

Der Grund: Durch die vielen Kriege, in die Amerika verwickelt war, gibt es sehr viele Veteranen mit Handicap in dem Land. Dadurch genießen Menschen mit Behinderung in den USA eine ausgeprägte Willkommenskultur und viele Möglichkeiten, die es in anderen Ländern noch nicht gibt. In diesem Sinne: Gute Reise über den großen Teich.

Quelle: Online-Portal "Reisen für Alle", Tourismus-Portal "Germany-Travel", Informationsportal der Deutschen Bahn, Städte-Ranking "Access City Award 2022"

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