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Bahn-Test: 391 Euro zu viel kassiert

"Extrembeispiele" nennt Hartmut Mehdorn die Testkäufe der Stiftung Warentest. Die wirft der Bahn vor, dass durch falsche Beratung Reisende oft erheblich draufzahlen müssen. In einem Fall sogar das Dreifache.

Von Jens Maier

Wie viel sind Ihnen fünf Minuten wert? Nicht fünf Minuten mit Heidi Klum oder fünf Minuten länger schlafen. Nein. Fünf Minuten Aufenthalt auf dem Hauptbahnhof in Hannover. Aufenthalt ist eigentlich falsch, es ist Wartezeit. Auf einen Anschlusszug, der nach Paderborn weiterfährt. Also, was wäre Ihnen die Wartezeit wert? Oder besser gesagt, was wären Sie bereit dafür der Deutschen Bahn zu bezahlen, dass Sie ein bisschen Zeit auf dem Bahnsteig verbringen dürfen? Nichts, meinen Sie? Die Bahn ist da ganz anderer Meinung.

Bei 22 von 25 Testkäufen der Stiftung Warentest verlangte die Bahn auf dieser Strecke ganze zehn Euro mehr als nötig. Grund: Die meisten Bahn-Berater verschwiegen die Möglichkeit, mit dem IC statt dem 16 Prozent teureren ICE zu fahren. Und das, obwohl der ICE nur fünf Minuten früher in Hannover ankommt. Das Absurde dabei: Um nach Paderborn zu kommen müssen Reisende ab Hannover ohnehin in die gleiche S-Bahn umsteigen, kommen also zur gleichen Zeit am Zielort an. Die fünf Minuten Zeitersparnis mit dem ICE bis Hannover sind somit reine Zeitverschwendung. Wer auf den Komfort des ICE keinen Wert legt, wäre mit dem IC besser bedient.

Nur ein "ausreichend" für die Beratung der Bahn

Dass Bahnkunden wegen schlechter oder falscher Beratung oft draufzahlen, ist das Ergebnis umfangreicher Testkäufe der Stiftung Warentest. Für ihre Beratungsangebote am Schalter, Telefon und im Internet bekam die Bahn nur die Gesamtnote "ausreichend", wie es in der neuen Ausgabe der Zeitschrift "Test" heißt. In den meisten Beratungsgesprächen seien auf Anhieb nur teure Tickets angeboten worden. "Wer sich nicht selbst im Labyrinth der Sonderangebote, Ländertickets und Streckenführungen auskennt, zahlt oft drauf", sagte ein Sprecher der Stiftung am Donnerstag in Berlin.

Die zehn Euro aus dem Beispiel von Berlin nach Hannover gipfeln in Preisunterschieden von bis zu 391 Euro. Getestet wurde die Preisauskunft für die Gabelstrecke Stuttgart - Husum (Hinweg) und Bad Schwartau - Stuttgart (Rückweg) für eine dreiköpfige Familie. Empfohlen wurde eine Fahrt für 624 Euro. Zum Sparpreis 50 in Verbindung mit Bahncard 50 kosten die Tickets aber nur 170 Euro, wobei die Bahncards dazu gerechnet werden müssen. (63 Euro)

Eine andere Reise kostete 164 Euro, obwohl auch eine Fahrt für 56 Euro möglich gewesen wäre. In den meisten Fällen wurden erst nach hartnäckigem Nachfragen günstigere Varianten angeboten. Oft kennen sich die Bahn-Angestellten offenbar selbst nicht im Dschungel der unterschiedlichen Sonderangebote von Sparpreisen und Ländertickets aus. Bei Buchungen im Internet war es wegen der Voreinstellungen der Bahn teilweise ganz unmöglich, an die günstigeren Tickets zu kommen.

Mehdorn spricht von "Extrembeispielen"

Nachdem die Bahn bei ähnlichen Tests vor zwei Jahren schon einmal schlecht abgeschnitten hatte, gelobte Bahnchef Hartmut Mehdorn erneut Besserung. Man nehme die Kritik ernst und werde Schwachstellen angehen, sagte Mehdorn am Rande der Bilanzpressekonferenz in Berlin. Nach eigenen Befragungen seien aber 60 Prozent der Kunden mit der Beratung zufrieden, zudem nutzten 80 Prozent der Fahrgäste Rabattangebote oder ermäßigte Preise. Der Bahnchef warf der Stiftung Warentest vor, Extrembeispiele getestet zu haben, die nicht jeden Tag vorkämen.

Für die Untersuchung hatten sich drei geschulte Experten an 90 Schaltern sowie per Telefon, an Automaten und auf der Internetseite der Bahn über bestimmte Verbindungen informiert. Am schlechtesten schnitt die Beratung im Hauptbahnhof von Magdeburg ab. "Mangelhaft" attestierten die Tester der Beratungsqualität. Mehr Glück haben die Reisenden in Kiel und Saarbrücken. Mit dem Testurteil "befriedigend" schnitten diese Bahnhöfe am besten ab.

Kontrolle ist besser

Stiftung Warentest rät Bahnkunden, den Preisangaben der Bahn zu misstrauen und sich nicht auf die ersten Angebote zu verlassen. Wer günstig reisen wolle, solle gezielt fragen, ob es auch billigere Reisemöglichkeiten gebe. Außerdem solle man selbst recherchieren. So fänden sich auf www.bahn.de unter "Preise und Angebote" Spartipps, die über die normale Auskunft nicht verfügbar seien. Auch die Broschüre "Die Mobilitätsangebote der Bahn" sei sehr hilfreich.

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