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Juist: Hochspannung im Watt

Wer Nordseeinseln liebt und dem Sylter Zirkus nichts abgewinnen kann, ist auf Juist bestens aufgehoben. Obwohl die Mordrate dort echt hoch ist - natürlich nur literarisch.

Von Werner Mathes

Wenn Wencke Tydmers kommt, ist es mit der Ruhe auf der Insel vorbei. Denn die Frau reist nicht an, um hier Urlaub zu machen. Die Kommissarin aus dem ostfriesischen Aurich taucht auf Juist auf, wenn sie Mörder jagen muss. Den von Ronja Polwinski zum Beispiel. Ihre nackte Leiche hatte man in den Dünen unterhalb der Strandpromenade gefunden. Die Studentin, die im mondänen Hotel "Dünenschloss" ein Praktikum machte, war offenbar in einen Kühlraum gesperrt worden und dort erfroren.

Oder den des Juister Antiquitätenhändlers Kai Minnert. Der lag frühmorgens tot im Schaufenster seines Ladens an der Wilhelmstraße. Die winzige Auslage war luftdicht abgeschlossen, der Geschäftsmann qualvoll erstickt.

Hätten Sie Lust, hier mit Ihrer Familie den Urlaub zu verbringen?

Keine Angst. Wencke Tydmers und ihre skurrilen Mordfälle gibt es nicht. Die Juister Krimiautorin Sandra Lüpkes, 35, hat sie erfunden.

"Die Insel ist ein idealer Tatort", schwärmt die Schriftstellerin, "weil meine Mörder kaum flüchten können." Ihre Hauptkommissarin Wencke Tydmers muss nur den Flugplatz sperren und die Fähre im Hafen festlegen lassen. Die läuft ohnehin wegen der Gezeiten nur ein- oder höchstens zweimal pro Tag ein und aus. Dazu kommt, dass Sandra Lüpkes ihre Geschichten um Habgier und familiäre Tragödien auf übersichtlichem Set erzählen kann. Juist (gesprochen: Jüüst) ist nämlich nur 17 Kilometer lang und zwischen Nordsee und Wattenmeer gerade mal 500 Meter breit.

In der Juister Buchhandlung finden die Lüpkes-Krimis ("Die Sanddornkönigin", "Das Hagebutten-Mädchen", beide bei Rowohlt, jeweils 7,90 Euro) reißenden Absatz. Da greifen nicht nur viele der knapp 1800 Insulaner zu, die im Dorf zwischen Fährhafen und Kurpromenade und in den westlichen Ortsteilen Siedlung und Loog wohnen. Sondern vor allem Feriengäste. "Die wollen spannende Lektüre für den Strandkorb", sagt Sandra Lüpkes, "und sich hinterher die beschriebenen Schauplätze ansehen." Jedes Jahr besuchen immerhin fast 100 000 Urlauber für durchschnittlich neun Tage die Insel.

Die meisten kommen immer wieder, weil sie die Kinderfreundlichkeit des Eilands zu schätzen wissen. Denn auf Juist sind Autos verboten - abgesehen von Fahrzeugen der Feuerwehr, des Rettungsdienstes und der beiden Ärzte. Dafür gibt es 30 Kutschen und rund 100 Pferde, deren Getrappel den einzigen Verkehrslärm verursacht. Und für die Kleinen genügend Spiel-Platz. Nicht nur im Meerwasser-Erlebnisbad oder im NationalparkHaus mit dem riesigen Zwergwalskelett, sondern auch am gekachelten Schiffchenteich des Kurplatzes, wo ferngesteuerte Modellboote kurven.

"Ohne Fahrrad bist du verloren"

"Für Kinder ist Juist wie gemacht", sagt Krimifrau Lüpkes, "schon nach wenigen Tagen kennen sie sich hier aus wie in ihren Hosentaschen." Da spricht sie aus eigener Erfahrung. Weil die Pastorentochter im Alter von fünf Jahren an schwerem Asthma litt und damals auf der Insel gerade eine Pfarrstelle frei geworden war, zog die Familie von Göttingen nach Juist. Heute hat die gelernte Werbegestalterin selbst zwei Töchter, Lisanne, 6, und Julie, 10. Seit vorigem Herbst wohnt sie mit den Kindern in Norden, weil die Ältere aufs Gymnasium geht. Und ein Gymnasium gibt es nicht auf Juist.

Dafür Fahrradvermietungen, ein knappes Dutzend. "Ohne Rad", sagt die Schriftstellerin, "bist du auf der Insel verloren." Rund 1500 Leihdrahtesel stehen zur Verfügung - meist bleischwere Hollandräder, auf denen auch schon mal gegen schweren Sturm angetreten werden muss. Wer's komfortabler mag, lässt sich mit dem Inseltaxi mit zwei PS und Hafer-Motor kutschieren. Zum Beispiel vom Hafen oder Flugplatz zum Quartier und zurück für die Heimreise.

Die insgesamt 7000 Gästebetten auf Juist - Hotels und Pensionen eingerechnet - sind in der Hochsaison von Mitte Juli bis Anfang September so gut wie immer ausgebucht. Damit die touristische Infrastruktur erhalten bleibt, muss zudem jeder, der auf Juist baut oder eine Wohnung kauft, dort auch ständig leben oder die Immobilie für Ferienvermietungen zur Verfügung stellen. Ein Reglement, das bislang den norddeutschen Geldadel, der hier Fuß fassen wollte, erfolgreich abgeschreckt hat. Für Nachtschwärmer, Aufschneider und Flaneure kommt Juist ohnehin nicht infrage. "Trotzdem", sagt Sandra Lüpkes, "machen hier viele Menschen Ferien, die mehr Kohle haben als die meisten Gäste auf Sylt - nur spielt das hier keine Rolle."

Juist sei allerdings teuer, räumt sie ein. Die um etwa 30 bis zu 60 Prozent höheren Preise hier rechtfertigen die Insulaner mit der aufwendigen Anlieferung der Produkte und Waren. Und der notwendigen Anstellung und Unterbringung von mehr als 1000 Saisonkräften (vor allem aus Osteuropa). So kostet etwa ein Kännchen Ostfriesentee runde 4 Euro, ein Fahrrad ohne Schaltung 4 bis 7,50 Euro und ein Strandkorb 8 Euro pro Tag.

Das Festland heißt "Deutschland"

Mit einer "Freundlichkeitsoffensive" will die Kurverwaltung den Einheimischen beibringen, wie sie ihren Gästen die hohen Preise erträglicher machen können. Auch das kostet - nämlich Überwindung. Denn die Juister, die das Festland "Deutschland" nennen, sind gewöhnungsbedürftig: ein eigensinniger, maulfauler Menschenschlag, dessen Umgänglichkeit nicht selten in der einzigen Grußformel "Moin" zum Ausdruck kommt.

Mit hochgekrempelten Jeans steht Sandra Lüpkes im Schlick des Watts zwischen Boots- und Fährhafen. "Wenn die Juister Fernweh haben", sagt sie, "gehen sie hierher, mit Blickrichtung Festland." Die Urlauber bevorzugen eher die andere Seite der Insel, Blickrichtung Nordsee. Das Watt steht alle zwölfeinhalb Stunden unter Wasser und fällt sechs Stunden später wieder trocken. Auf geführten Wattwanderungen kann der faszinierende Lebensraum von Würmern, Schnecken, Muscheln und Krebsen erkundet werden.

Wer nicht ins Watt oder ins Wasser will, muss für die heilende Kraft der Natur zahlen. Für Schlickpackungen zum Beispiel, eine obligatorische Anwendung im Nordseeheilbad Juist. Oder die Thalassotherapie mit Meerwasser aus einem 100 Meter tiefen Brunnen. Kostenlos ist nur die Seeluft, staubfrei und salz- und jodhaltig. Vor allem in der Brandungszone der Insel entsteht Aerosol, ein feiner Salznebel, der die Atemwege reinigt.

Am Südstrand der Bill, an Juists Westspitze, befindet sich das beliebteste Ausflugsziel der Insel, die Domäne Bill, ein Gasthaus mit riesigem Garten, wo man Dickmilch löffeln und Rosinenstuten mit Butter beschmieren kann, während unter den Bierbänken die Hühner gackern. Auf dem Weg dorthin liegt der Hammersee mit seiner Aussichtsdüne. Zwischen Bill und Loog hatte die Petriflut von 1651 Juist in zwei Hälften geteilt. Bis man im Lauf der Zeit auf der Südseite des Durchbruchs Sand aufschüttete, Sandfangzäune baute und die Nordseite dann ebenso gegen das offene Meer abriegelte. Wobei der größte Süßwassersee der ostfriesischen Inseln entstand, der nun immer mehr verlandet.

Dass für ein Erholungsparadies wie Juist auch mit Mord und Totschlag geworben werden kann, hat inzwischen auch die Kurverwaltung geschluckt. Im September wird auf Juist sogar ein Krimi-Festival stattfinden. Mit Sandra Lüpkes natürlich und prominenten Kollegen, die hin und wieder für zwei Wochen auf die Insel eingeladen werden. Ihre Gegenleistung für Kost und Logis: eine Erwähnung Juists im Krimi, den sie gerade schreiben.

Den letzten wirklichen Mord hat es hier übrigens vor 25 Jahren gegeben. Vor einem Vierteljahrhundert also.

Mitarbeit: Almut F. Kaspar

Reisetipps

Anreise

Wer mit der Bahn kommt, sollte die Fahrkarte gleich bis Juist lösen (erspart vor Ort den Kauf einer Karte für die Fähre). Zielort: Norddeich-Mole, direkt neben dem Fähranleger (Überfahrt 90 Minuten). Fährpreise: Hin- und Rückfahrt 27,50 Euro bzw. 13,80 Euro für Kinder bis elf. Wer mit dem Auto nach Norddeich fährt, kann es dort in Großgaragen und auf Parkplätzen abstellen (für 3 bis 5 Euro pro Tag), auch direkt am Flugplatz. Bis zu zehnmal täglich fliegen kleine Propellermaschinen nach Juist: Hin- und Rückflug 66 Euro, Kinder (bis elf) 33 Euro. Fähr- und Flugplan: www.juist.de/anreise oder www.reederei-frisia.de. Telefonische Auskünfte bei Reederei Frisia (Tel.: 04931/9870) und Frisia-Luftverkehr (Tel.: 04931/93320).

Ankunft

Die

TöwerCard

ist die Eintrittskarte für Juist. Kurbeitrag pro Tag: 2,60 bzw. 0,75 Euro (für Kinder und Teens zwischen 6 und 17 Jahren). Für kurze Wege zum Quartier stehen am Hafen gekennzeichnete

Bollerwagen

für den Gepäcktransport bereit. Einige Hotels schicken eigene Gepäckträger. Für längere Strecken lohnt der

"Pferde-Bus",

der zum Beispiel vom Flughafen zum Dorf 45 Minuten braucht.

Telefonvorwahl Juist: 04935/

Unterkunft

Auf Juist gibt es 15 Hotels - davon fünf Vier-Sterne-Häuser -, 19 Hotel-Pensionen, fast 50 Pensionsbetriebe, 243 Ferienwohnungen und 19 Ferienhäuser. Gastgeberverzeichnis über www.juist.de

Betten-Börse

mit aktuellen Freimeldungen über www.besser-juist.de. Weitere Internetadresse: www.nachjuist.de. Telefonischer Zimmernachweis der Kurverwaltung: Tel.: 80 92 22. Kataloganforderung: Tel.: 80 90.

Freizeitangebot

Kutschfahrten

buchen bei Fuhrmannshof Kannegieter: Tel: 498 (auch

Strandausritte

und

Reitunterricht

); Reit- und Kutschbetrieb Heyken: Tel: 664 (auch Strandausritte); Fuhrunternehmen Munier: Tel.: 392.

Fahrräder

werden auf der Insel vermietet. Preise (Pauschalen oft verhandelbar) vor Ort erfragen.

Wattwanderungen

mit Heino und Ino Behring, Tel.: 91140 oder 0171/5225850. Termine unter www.juist-heino.de. Wanderung pro Person: 4,50 Euro, mit Flutbeobachtung: 8 Euro.

Wind-

und

Kite-Surfen-

Lehrgänge im Juli und August (180 bis 240 Euro). Infos über Nordseehotel Freese, Tel: 8010. "Internet-Camp" im Haus des Kurgastes. Infos unter www.jcamp.de oder: 0160/90570570.

Meerwasser-Erlebnisbad

auf der höchsten Düne an der Strandpromenade. Mit Kleinkinderbecken, Flachzone, Grotte, Wasserfall und Rutsche. Zwei Stunden für 5 Euro bzw. 3 Euro (Kinder). Außerdem: Sauna, Dampf- und Kräuterbad, Tel.: 809243.

Küstenmuseum im Loog

(Loogster Pad 21). Infos unter www.juist.de oder über Tel.: 1488. Nationalpark-Haus am Kurplatz. Infos unter www.nationalparkhaus-juist.de oder über Tel.: 1595.

Verzehr-Kino

"Insel-Lichtspiele" (Friesenstraße 24 im Dorf, Tel: 677). In der Saison täglich drei bis fünf Vorstellungen.

Ausflüge

auf andere Inseln oder zu den Seehundbänken mit der "Wappen von Juist". Auskünfte über Ziele, Termine und Preise bei Reisebüro Kiesendahl (Strandstraße 2), Tel: 914080. Kostenlose Bringdienste für

Getränke

von Altmanns (Tel.: 1090), Fürstenberg (Tel.: 918517) und De Looger Koopmann (Tel.: 1438).

Lektüre

Krimiautorin Sandra Lüpkes im Internet: www.inselkrimi.de "Juist Net News (JNN)" ist die Online-Zeitung der Insel: www.jnn.de. Umfassende Infos über Juist: www.juist.de

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