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Coronavirus: Tourismus in der Krise: Reisen abgesagt, Veranstalter ziehen Notbremse, Ferieninseln dicht

Grenzen sind weitgehend dicht. Touristikkonzerne greifen zu drastischen Maßnahmen, Airlines schränken ihr Angebot weiter ein. Reisen in Zeiten der Coronavirus-Krise wird immer schwieriger – auch im Inland.

Passagiere schauen auf das Rollfeld, wo ein Flugzeug steht

Am Boden geblieben: Weil viele Airlines ihre Flugpläne zusammengestrichen haben, bleiben immer mehr Passagiere sitzen.

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Die Coronavirus-Krise trifft Reisende und die Tourismusbranche mit voller Wucht. Mehrere Veranstalter, darunter Branchenprimus Tui, sagten Reisen ab, einige Fluggesellschaften stellen vorerst den Betrieb ein, Ferieninseln in Deutschland sind für Touristen seit Montag gesperrt.

Die Bundesregierung geht davon aus, dass mehrere Tausend Deutsche im Ausland festsitzen – und spricht zudem eine weltweite Reisewarnung aus. Sie will tausende wegen der Coronapandemie im Ausland gestrandete deutsche Touristen mit einer "Luftbrücke" zurückholen. In den kommenden Tagen sollen zunächst Pauschalreisende aus besonders betroffenen Gebieten nach Hause geflogen werden, wie Außenminister Heiko Maas (SPD) am Dienstag in Berlin sagte. Dazu zählten "im wesentlichen zunächst" Marokko, Ägypten, die Dominikanische Republik, die Philippinen und die Malediven.

Zu drastischen Maßnahmen hatten am Tag zuvor bereits mehrere Reiseanbieter gegriffen. Der weltgrößte Touristikkonzern Tui sagte bis auf weiteres Pauschalreisen, Kreuzfahrten und den Hotelbetrieb ab. Tui Deutschland setzte das Reiseprogramm bis einschließlich 27. März aus. "Im Moment befinden wir uns alle in einer nie da gewesenen Ausnahmesituation. Wir arbeiten derzeit mit Hochdruck daran, alle Urlauber wieder zuverlässig nach Hause zu bringen", sagte Marek Andryszak, Vorsitzender der Tui Deutschland Geschäftsführung. Viele Rückflüge würden regulär durchgeführt.

Lage für Reisen in den Sommermonaten noch unklar

Kunden, die bereits Reisen etwa für die Sommermonate gebucht haben, müssen sich vorerst gedulden – eine kostenfreie Stornierung sei derzeit nicht möglich, sagte ein Tui-Sprecher. Man gehe aber davon aus, den Betrieb in einigen Wochen wieder starten zu können.

Der Konzern aus Hannover will außerdem einen Sparkurs wegen der wirtschaftlichen Schäden durch die Ausbreitung des Covid-19-Erregers einschlagen und beim Bund Staatshilfen als Überbrückung beantragen. An der Börse brach die Tui-Aktie zu Wochenbeginn um zeitweise mehr als ein Drittel ein.

Die FTI Group sagte alle Reisen bis Ende März ab und beantragte Staatsgarantien. Studiosus streicht alle Termine bis Ende März. Bei Wikinger Reisen gilt der Stopp bis Ende April 2020.

Coronavirus: Tips für den Alltag in der Isolation

Nach Auslandsreisen trifft es jetzt auch beliebte Ferienregionen im Inland. Alle norddeutschen Küstenländer sperrten am Montag ihre Inseln in der Nord- und Ostsee für Touristen. Dazu gehören Sylt, Amrum, Föhr, Fehmarn und Nordstrand. In Mecklenburg-Vorpommern sollen die Maßnahmen auf Rügen, Usedom, Hiddensee und Poel wegen der Größe der Inseln und der zahlreichen direkten Verbindungen aufs Festland schrittweise eingeführt werden.

Die Landesregierung von Baden-Württemberg will den Betrieb an allen Flughäfen in dem Bundesland einstellen, erfuhr die Deutsche Presse-Agentur aus Regierungskreisen in Stuttgart. Reisende aus dem Ausland würden noch zurückgeholt. Wer aus einer Krisenregion komme, müsse in Quarantäne. Der Beschluss soll demnach im Lauf der Woche in Kraft treten.

Große deutsche Flughäfen sollen aber offen bleiben

Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) will große deutsche Flughäfen wie Frankfurt und München aber offen halten. "Wir arbeiten daran, die Infrastruktur aufrecht zu halten, vor allem wegen Versorgung und Logistik", sagte Scheuer der dpa. "Ich stehe in dieser Frage in enger Abstimmung mit den Ländern und den Flughafenbetreibern."

Am größten deutschen Airport in Frankfurt läuft der Betrieb deutlich eingeschränkt. Für Montag waren noch rund 1000 Starts und Landungen geplant, wie ein Sprecher des Betreibers Fraport berichtete. Das wären nur rund 400 weniger als im Normalbetrieb. Allerdings sind die Flugzeuge deutlich leerer als sonst, denn statt 170.000 Passagieren wie üblich werden aktuell nur rund 90.000 erwartet.

Grund für den Sparbetrieb sind immer neue Einreisebeschränkungen in verschiedenen Ländern und Flugabsagen der Gesellschaften wegen schlechter Auslastung. So streicht Europas größter Billigflieger Ryanair sein Flugprogramm um bis zu 80 Prozent zusammen. Die österreichische Tochter Lauda stellt den Flugbetrieb von Mitternacht an bis 8. April ein.

Auch die Lufthansa, die in Frankfurt für mehr als zwei Drittel aller Flugbewegungen steht, streicht ihr Angebot weiter zusammen. Demnach soll nur noch jeder zehnte geplante Fernflug stattfinden und ungefähr jede fünfte Nah- und Mittelstreckenverbindung. Ursprünglich hatte das Unternehmen im Sommerflugplan rund 13.000 Flüge in der Woche geplant.

Die Tochter Austrian Airlines (AUA) will ihren regulären Flugbetrieb an diesem Donnerstag (19. März) bis 28. März einstellen. Auch der Ferienflieger Condor streicht sein Angebot in wichtige Ferienziele wie die USA, Karibik und Türkei zusammen. Das Unternehmen schickt in diesen Tagen noch Flugzeuge in die Zielgebiete, um Urlauber zurückzuholen. "In die Türkei fliegen wir leer hin, um die Menschen nach Hause zu holen", sagte eine Condor-Sprecherin.

Nach Angaben des Auswärtigen Amtes haben Bundesbürger vor allem in der Türkei, Marokko, Indonesien und den Philippinen Schwierigkeiten, nach Deutschland zurückzukehren. Man sei mit Fluggesellschaften und Reiseveranstaltern im intensiven Gespräch, "um möglichst pragmatische und möglichst schnelle Lösungen" für eine Ausreise zu finden, sagte eine Sprecherin.

In den vergangenen Tagen hatten immer mehr Länder Flugverbindungen gekappt und Grenzen weitgehend geschlossen. Deswegen rät das Auswärtige Amt seit Sonntag grundsätzlich von Reisen ins Ausland ab – ein beispielloser Vorgang. "Das Risiko, dass Sie Ihre Rückreise aufgrund der zunehmenden Einschränkungen nicht mehr antreten können, ist in vielen Destinationen derzeit hoch", schrieb Außenminister Heiko Maas (SPD) dazu auf Twitter.

Experten rechnen mit Pleitewelle

Die Coronavirus-Krise wird nach Einschätzung von Branchenexperten zu einer riesigen Pleitewelle in der internationalen Luftverkehrswirtschaft führen. Ende Mai dürften die meisten Airlines der Welt zahlungsunfähig sein, schrieb die Beratungsgesellschaft Capa.

Überleben werden nach Einschätzung der Analysten die großen Gesellschaften, die auf Unterstützung ihrer Heimatstaaten rechnen können. Neben den großen Anbietern aus China und den USA dürften das einige wenige Gesellschaften aus Europa sowie die Airlines vom Arabischen Golf sein.

DPA / AFP

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