ITB Asia Singapur Gereist wird immer


Die kleine Schwester der weltgrößten Reisemesse kommt zur rechten Zeit. Auf der Internationalen Tourismusbörse Asia (ITB Asia) in Singapur diskutiert die Reisebranche über die Auswirkungen der Finanzkrise auf den Tourismus. Fachbesucher suchen nach Auswegen und spüren neue Reisetrends auf.
Von Michael Lenz, Singapur

Mehr als 600 Aussteller aus Europa, dem Nahen Osten, Lateinamerika und natürlich aus Asien waren auf der ersten Asien-Ausgabe der Internationalen Tourismusbörse (ITB) der Messe Berlin in Singapurs Suntech Convention Center vertreten. "Wir haben unsere Zielgröße von 500 Ausstellern bei weitem übertroffen", freut sich Martin Buck, Direktor von Messe Berlin. Nach den drei Messtagen zieht er einen historischen Vergleich: "Zur allerersten ITB in Berlin vor 42 Jahren waren gerade mal zwölf Aussteller gekommen."

Die Stimmung unter Ausstellern wie Einkäufern ist nicht euphorisch. Was zum Teil aber auch dem Umstand geschuldet ist, dass die Messe Berlin mit der ITB Asia in Singapur Neuland betreten hat. Trotz der drohenden weltweiten Rezession wandert keiner mit tiefen Sorgenfalten durch das Konferenzzentrum. Buck sagt lakonisch: "Gereist wird immer." Und: "Wir haben bisher noch keine Absagen für die ITB in Berlin."

Krisenerprobtes Asien

Niemand in Singapur macht sich jedoch die Illusionen, dass die Reisebranche ungeschoren durch die Krise kommt. Die neuesten Zahlen der Internationale Flug-Transport-Vereinigung IATA zeigen einen starken Einbruch der Passagierzahlen. Die Gastgeberstadt Singapur verzeichnet seit Juni Monat für Monat zurückgehende Besucherzahlen. Sieben Prozent waren es im August. "Andere Länder in der Region wie Thailand oder Hongkong stehen vor einem ähnlichen Problem", sagt Lim Neo Chian, Chief Executive des Singapore Tourism Board. Lim sagt weiter: "Wir uns müssen uns rüsten, um der Krise entgegenzuwirken. Wir haben nicht die Absicht, unser Budget zu kürzen. In schwierigen Zeiten muss man erst Recht präsent sein."

Das Problem auf der ITB Asia ist nicht die Entschlossenheit von Reiseveranstaltern, Fluggesellschaften und Hotels, der Krise mit allen Mitteln zu trotzen. Das Problem ist die Ungewissheit: Ist das Schlimmste schon vorbei? Oder kommt es noch dicker? Wie lange dauert die Krise? Alles, was zur Verfügung steht, sind Erfahrungswerte aus der Vergangenheit wie die asiatische Finanzkrise vor zehn Jahren, die Terroranschläge vom 11. September, Sars und Tsunami. "Die Reisebranche hat sich von diesen Katastrophen immer relativ schnell erholt", meint Buck.

Für den Konsumenten könnte sich die Krise auszahlen. Denn man hat auf der ITB Asia eine neue Spezies entdeckt: den Kunden. Der Tenor: "In der Krise muss man sich auf die Werte und Interessen der Kunden konzentrieren." Reiseveranstalter, Hotels und Fluggesellschaften müssten sich durch flexible Preisgestaltung, einer stärkern Orientierung auf Service und Kundenwünsche sowie die Gestaltung von Angeboten mit attraktivem Zusatznutzen krisenfest machen. Besonders die Kunden in den großen Märkten Indien und China seien sehr preisbewusst.

Die Bedeutung des asiatischen Marktes wird durch die Präsenz von Branchenriesen wie TUI Travel und Lufthansa auf der ersten asiatischen ITB unterstrichen. Für TUI ist Asien der Wachstumsmarkt der Zukunft. "Wir erwarten, dass in den nächsten fünf Jahren zusätzliche 600 bis 700 Millionen Menschen von Asien und innerhalb Asiens reisen und das hauptsächlich zu anderen asiatischen Destinationen", prophezeit Peter Long, CEO von TUI Travel. Eine Einschätzung, die Uwe Müller als Vizepräsident von "Asia & Pacific Lufthansa" teilt. Lufthansa sei die größte europäische Fluggesellschaft in Asien und wolle diese Position ausbauen, so Müller.

Wachstumsmarkt Indien

Für Aussteller wie für Wien-Tourismus, die Stadt Regensburg und Sachsen Tourismus ist die ITB Asia das Sprungbrett für ein langfristiges Engagement auf dem asiatischen Markt. "Wir haben schon viele asiatische Touristen, vor allem aus Japan", sagt Gudrun Engl von Wien-Tourismus. "Die ITB Asia ist für uns die Gelegenheit, diese Märkte noch besser zu erreichen und Kontakte zu anderen Ländern der Region zu knüpfen."

Besonders heiß umworben sind die Inder. Kaum ein Gespräch mit Ausstellern, in dem die Rede nicht schnell auf "die Inder" kommt. Die will auch das Land Sachsen zu sich locken, das sich auf der ITB Asia erstmalig international als Reisedestination präsentiert. Wolfgang Gärtner, Chef der Abteilung Internationales Marketing der Tourismus Marketing Gesellschaft Sachsen, betont: "Indien ist für uns ein interessanter Markt", sagt Gärtner. "Die haben schon eine 300 Millionen Menschen starke Mittelschicht. Wenn nur ein kleiner Bruchteil von denen mal nach Sachsen kommt, wäre das schon eine große, lukrative Zahl."

Regionales Reisen statt Langstrecke

So schnell wird aber kein Inder in die Sächsische Schweiz reisen. Viele Anzeichen deuten darauf hin, dass sich in den Zeiten knapper Budgets das Reiseverhalten ändern wird. "Fernreisen werden weniger populär sein. Man schaut eher auf preiswertere Reisen in der Region", sagt Jef Moons, Inhaber des luxuriösen Boutiquehotels Knai Bang Chatt im kambodschanischen Kep. "Kambodscha und vor allem die kambodschanische Küste sind neue Destinationen, die mit ein, zwei Stunden Flugzeit schnell von den asiatischen Metropolen aus zu erreichen sind. Das ist offenbar genau das Richtige in Krisenzeiten, wo mehr regionale Angebote gefragt sind."

Über eine rege Nachfrage vor allem aus Indonesien, Malaysia und Singapur konnte sich das Reiseunternehmen Uniteam Tours & Travel aus Myanmar freuen. "Das ist für uns eine interessante Erfahrung", sagt Carsten Schmitt, Generalmanager des Unternehmens in Rangun. "Asiaten waren bisher nicht unsere Zielgruppe. Aber das Interesse an Myanmar ist da. Die Agenturen suchen händeringend nach neuen Destinationen. Schmitt hat auch keinen Zweifel daran, dass es politisch korrekt ist, in das von einer Militärdiktatur regierte bitterarme Land zu reisen. "Vom Tourismus leben direkt oder indirekt 1,5 Millionen Birmanen", betont Schmitt auch im Namen des Myanmar Tourism Promotion Board, einem privaten Zusammenschluss von knapp 90 Unternehmen. "Die Regierung tut fast nichts zur Tourismusförderung", betont Schmitt.

Die neue Bescheidenheit

Einen neuen Trend zur Bescheidenheit haben die Experten auf der ITB Asia unter einer Klientel ausgemacht, die bislang als höchst ausgabefreudig galt: Geschäftsreisende. "Geschäftsleute schauen gerade in schwierigen Zeiten nach neuen Möglichkeiten, um sich später eine gute Position für die Zeit des Aufschwungs zu verschaffen", sagt Lim. Aber nicht mehr zu jedem Preis. "Die Leute werden bei der Wahl ihres Hotels weniger prestigebewusst. Sie schauen eher, dass sie mehr Qualität für ihr Geld bekommen", weiß Jennie Chua, Präsidentin und CEO der Ascott Group. Nutznießer der Krise sind auch Billig-Airlines. "Zunehmend fragen sich Unternehmen: Können wir es uns leisten, die Low-Cost-Fluggesellschaften zu ignorieren", sagt eine Sprecherin des Billigfliegers Jetstar.

Ob diese Trends Realität geworden sind, ob sich die Rezepte und Strategien gegen die Krise bewährt haben, das wird sich bis zur nächsten ITB Asia im Oktober 2009 gezeigt haben. Für die zweite Ausgabe der ITB Asia rechnet die Messe Berlin nicht nur mit über 1000 Ausstellern, sondern auch mit einer qualitativen Verbesserung. So manche "Big Player" der Branche wie China und Australien glänzten in diesem Jahr noch durch Abwesenheit. "Die wollen sich das erst mal in Ruhe anschauen und kommen dann an Bord", sagt Buck zuversichtlich.


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