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Jamaika: In dieser Bucht ging ein Ehering verloren - und eine unglaubliche Geschichte begann

Karibisches Meer, Sonne satt und eine traumhafte Bucht - eigentlich war der Urlaub perfekt. Bis der Ehering verloren ging. Eine Geschichte über Verlust, Vertrauen - und den Ratschlag eines Einheimischen. 

Wenn man mich fragt, wo diese Geschichte eigentlich angefangen hat, dann wohl auf den quirligen Straßen der jamaikanischen Kleinstadt Port Antonio. Dort, wo sich nur sehr wenige Touristen hin verirren. In Port Antonio stehen keine fiesen Bettenburgen und legen auch keine Kreuzfahrtgiganten an. Hier, im Osten der Insel, fallen Reisende sofort auf. So wie mein Mann, der an einem Donnerstagmorgen Anfang Februar durch die Straßen bummelte - und auf Patrick stieß. Der hatte das weiße Touristen-Paar schon seit einigen Tagen in der Stadt gesehen.

Nun wollte er wissen, wo die Urlauber denn herkommen, was sie so vorhaben. Plaudern eben. Das gehört auf Jamaika dazu. Gehetzt scheint dort niemand zu sein, Zeit für ein Pläuschchen muss man mitbringen. Und für Patrick sind gute Geschichten unverzichtbar, es scheint, als ob er für jede Lebenslage eine passende Anekdote parat hat. Doch an diesem Morgen drängt bei uns die Zeit, also verabschiedete er sich. Abends sei er in einer Bar in der Bucht. Vielleicht treffe man sich später. 

Dass diese zufällige Begegnung noch wichtig werden würde, konnte da noch keiner ahnen.

Mein Mann und ich machen uns auf den Weg. Über holprige Schlaglochpisten geht es immer an der Küste entlang zum Winnifred Beach, einem der schönsten Strände auf der Insel. Feiner, weißer Sandstrand, türkisfarbenes Wasser, dahinter aus Brettern zusammengenagelte Holzbuden unter hohen Bäumen, wo Teigtaschen und kaltes Bier verkauft werden. Ein Strandparadies der Einheimischen. Wir schwammen, spielten Wasserball, chillten im warmen Sand - ein herrlicher Tag. 

Winnifred Beach auf Jamaika

Eine kleine Hütte am Winnifred Beach

stern

Drama am Traumstrand

Erst abends fällt es meinem Mann auf: Wo ist mein Ehering? Wir durchwühlen das Auto, kriechen in unserem Pensionszimmer über den Fußboden, alle Taschen werden ausgeschüttet. Nichts. Der Ring ist weg. Und die einzig mögliche Erklärung war eine Ernüchterung: Er musste den Ring im Wasser verloren haben. Winnifred Beach ist zwar nicht der Seven Miles Beach, der sich im Westen Jamaikas - wie der Name schon sagt - über mehrere Kilometer erstreckt. Aber selbst ein paar hundert Meter reichen schon, um zu wissen: Das Ding ist weg. Den Ring finden wir niemals wieder. 

Erst seit Juli steckte der Ring auf seinem Finger, ich hatte ihm das zarte Goldstück in der Kirche auf den Finger geschoben. Sicherlich, nachkaufen lässt sich Schmuck. Aber das wäre nicht das Gleiche gewesen.

Geknickt verlassen wir unsere kleine Pension am Abend, um an einem der Jerkstände etwas zu essen. Jerk ist ein Grillgericht aus Hühnchen, manchmal auch Fisch oder Hummer, aus einer ausgedienten Blechtonne. Das Fleisch wird mariniert und brutzelt dann in den alten Ölfässern. Das Ergebnis: Halb gegrillt, halb geräuchertes Hähnchen, meist sehr scharf. Dazu gibt Reis mit Bohnen.

Ringe können nicht versinken

Nach dem Essen bummeln wir an der Straße entlang, um Patrick in seiner Bar zu besuchen. Der ist sichtlich guter Laune und will wissen, ob wir auch gut drauf sind. Nein, sind wir nicht. "Der Ehering ist weg", sage ich und mein Mann streckt seine unberingte Hand aus. "Wie weg?", will Patrick wissen. Wir erzählen ihm von unserem tollen Tag am Winnifred Beach und der panischen Suchaktion danach. Beim Namen der Bucht winkt Patrick ab. Das sei alles gar kein Problem, den Ring würden wir ganz locker wiederfinden.

Wir starren ihn an, der arme Mann muss von allen guten Geistern verlassen sein. Wir glauben ihm kein Wort. Doch, doch, er sei sich sicher. Der Ring könne nicht im Sand versinken. Und liege daher locker auf dem Grund der Buch. Ja, genau, auf dem Grund der Bucht. Irgendwo, da. Doch er lässt nicht locker. Vielmehr quatscht er sich in Ekstase. Am Ende fuchtelt er mit den Armen und schreit es fast heraus: Er kann nicht sinken, er kann nicht sinken! 

Der Winnifred Beach zur Mittagszeit

Der Winnifred Beach zur Mittagszeit

stern

Einen Versuch wäre es wert

Tja, ist das jetzt ein guter Tipp - oder einfach nur das Hirngespinst eines Mannes, der ganz offensichtlich ein paar Joints zu viel hatte? "Fahrt morgen früh, gleich nach Sonnenaufgang hin. Da ist der Strand leer und ihr könnt in Ruhe tauchen", sagt Patrick, nimmt einen Schluck Bier und schaut mir in die Augen. Der Blick ist nicht glasig, sondern vollkommen überzeugt. Vielleicht doch kein zugedröhnter Irrer? Hoffnung keimt in mir auf, einen Versuch wäre es ja wert.

Am nächsten Morgen klingelt der Wecker, als die ersten Sonnenstrahlen über die Bucht ziehen. Es ist kurz nach sechs. Die tiefe Überzeugung Patricks, dass wir den Ring ganz einfach finden werden, ist realistischer Skepsis gewichen. Wir haben überhaupt gar keine Chance. Völlig ausgeschlossen, der Ring ist futsch. Dennoch, wie werfen Taucherbrille und Schnorchel in den Kofferraum und fahren los.

Der Strand ist leer, nicht mal die Straßenhunde sind zu sehen. Die Bretterbuden sind zugeklappt. Die Sonne hat sich hinter dichten Wolken verschanzt, der Wind bläst stärker als an den Tagen davor. Auch die Wellen sind höher. Vorsichtig trippeln wir ins Wasser, vor jedem Schritt wird der Meeresgrund abgesucht. Nicht, dass man auf den Ring tritt und ihn so im Sand der Bucht verschwinden lässt. Wir teilen uns auf und fangen an, die Bucht abzutauchen. Wir entdecken weich geschliffene Glasscherben, Muscheln, einige Kronkorken. Der Sand schimmert golden, wie der Ring - ich glaube nicht mehr daran, dass wir ihn wiederfinden.

Nach gut vierzig Minuten sind meine Finger verschrumpelt. Obwohl das Wasser eigentlich angenehm warm ist, wird mir langsam kalt. Plötzlich schießt mein Mann aus dem Wasser, reißt sich die Brille vom Gesicht: "Yes", brüllt er nur. Zwischen seinen Fingern hält ein kleines Stück Edelmetall. 

Winnifred Beach ist ein Naturstrand - und einer der letzten Strände, die nicht von Hotels privatisiert wurden

Winnifred Beach ist ein Naturstrand - und einer der letzten Strände, die nicht von Hotels privatisiert wurden

stern-online

Gebete am Küchentisch

Glück gehabt - könnte man meinen. Doch als wir in unsere Pension zurückkehren, wartet in der Haustür schon Lydia. Die ältere Dame in den bunten Hauskleidern und den passenden Kopfhauben mit Gummibund vermietet einige Zimmer in dem großen Haus an Urlauber. Wir hatten einen Brief vor unserer Suchaktion hinterlassen. Der Ring sei weg, wir würden nun suchen und deshalb das Frühstück verpassen. Sie möge uns die Daumen drücken.

Daumen drücken? Nein, Lydia hatte alle Familienmitglieder - vom Enkel in Schuluniform bis zum schwer dementkranken Vater - angewiesen, für uns zu beten. Und so hockte ihre Familie am Küchentisch und bekniete Gott, uns den Ring zurückzugeben. 

Mit hochgerissenen Armen rennt sie auf uns zu, nimmt  uns in die Arme, lässt sich immer wieder den Ring zeigen. Erst dann brülllt sie über ihre Schulter in die geöffnete Haustür, dass alles wieder gut sei. Der Herr habe die Gebete erhört, sie dürfen nun aufhören zu beten. "Ihr seid gesegnet", da ist sich Lydia ganz sicher. 

Auf der Suche nach Patrick

Wenn man mich fragt, wie diese Geschichte zu Ende geht, dann nicht damit, dass uns alle Anwesenden herzten. Oder wir nun immer sämtlichen Schmuck abnehmen, bevor wir ins Wasser gehen. Sondern sie endet in einer Straße von Port Antonio. Nach einem riesigen Frühstück aus allerlei unbekannten Gemüsesorten, wie Callaloo (eine Art einheimischer Spinat) oder Akee, Fisch, frittierten Teigstangen und Bananenscheiben, machten wir uns auf die Suche nach Patrick.

Doch wir fanden ihn nicht. Und so hinterlassen wir einen Brief mit allen Details der Rettungsaktion bei seiner Lieblingsbar, bevor wir die Stadt verlassen. Denn eines ist klar: Patrick liebt gute Geschichten. 

Eine Collage zeigt ein Bild einer Altstadt und einen See mit einer alten Kirche am anderen Ufer.
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