Lake Placid Ski ohne Chichi


Während sich aller Augen auf Vancouver richten, sind wir nach Lake Placid gefahren. Und freuten uns, dass die kleine Stadt im Staat New York auch nach zwei Olympischen Winterspielen ein allürenloser Skiort geblieben ist, an dem es keine Promipartys, aber frost- und trinkfeste Feuerwehrmänner gibt.
Von Severin Mevissen

Tag is up!", ruft Norm und deutet auf eine kleine, rote Flagge, diein etwa 100 Meter Entfernung über dem Eis wackelt: das Signal, dass an seiner Eisangel etwas angebissen hat. Ein Barsch? Eine Forelle? Vielleicht sogar "Champ", das sagen umwobene Seemonster? John, Norms schwergewichtiger Kumpel, setzt sich in Bewegung. "Heart Attack Alley" nennen sie den Weg, den er nun schnell zurücklegen muss, bevor der Fang entkommen kann, und wer einmal in Thermowäsche und Winterstiefeln 100 Meter gelaufen ist, weiß auch, warum. Überraschend behende rennt John über die glatte Oberfläche, und ein bisschen sieht er dabei aus wie ein Eisbär im Tarnanzug. Als er am Loch ankommt, schüttelt er sich auch so. "Entwarnung! Es ist nur der Köder, der noch zappelt", ruft er.

Eigentlich wollten wir jetzt 1400 Meter höher die Pisten des Whiteface Mountain hinunterwedeln, eines Skigebiets, das die Leser der amerikanischen Fachzeitschrift "Ski" zu einem der drei besten der Ostküste wählten: 80 Abfahrten verteilen sich hier auf 115 Hektar; die längsten messen fünfeinhalb Kilometer und bieten mehr als 1000 Meter Höhenunterschied. Lake Placid liegt gerade mal fünf Autostunden von New York entfernt, und seine ausgedehnten Pisten machen es zum idealen Ziel für alle, denen die bekannteren Skiregionen im Westen, in Colorado, Utah oder Kanada, zu weit entfernt sind oder die ihren Winterurlaub mit einer Prise Kultur und Shopping in Manhattan würzen wollen.

Doch mit dem Wedeln wird es für uns erst einmal nichts: Am Morgen frieren uns vor der Hoteltür schier die Nasenflügel an, das Thermometer zeigt minus 35 Grad Celsius. "Bitter" nennen die Einheimischen solche Bedingungen. Auf dem Gipfel herrschen sogar minus 38 Grad. Sehr bitter und zum Skifahren einfach zu kalt. Aber es gibt ja Alternativen. Lake Placid befindet sich mitten im Adirondack State Park, mit fast 25 000 Quadratkilometern der größte Naturpark der USA. Wer mag, kann auf Langlaufskiern oder Schneeschuhen durch die Wälder streifen, sich von Schlittenhunden über Seen ziehen lassen, auf olympischen Eislaufbahnen Pirouetten drehen, gefrorene Wasserfälle besteigen oder - vorausgesetzt, es ist nicht zu bitter - Ski fahren, snowboarden oder einen der umliegenden Gipfel erklimmen. Wer alle 46 packt, darf sich zum Club der Forty-Sixer zählen. Der Rekordhalter, ein Extremsportler namens "Cave Dog", schaffte das in drei Tagen und 18 Stunden. "Crazy Dog" wäre eigentlich der passendere Name, aber egal: Uns ist eh nicht nach Extremsport.

Camps in der Winterwildnis

Stattdessen fahren wir zum Lake Champlain, eisfischen. Eine Stunde östlich von Lake Placid ist es dort mit minus fünf Grad geradezu heimelig warm. Die Pausen zwischen dem Hochschnellen der Signalflaggen vertreiben uns Norm und John mit lokal-kolorierten Schwänken und ordentlich Anglerlatein.

"Ich habe Champ, das Monster, einmal gesehen", versichert uns John nach seinem Sprint. "Im Sommer, am helllichten Tag. Wir fuhren mit einem Zehn-Meter-Boot raus, und plötzlich schwamm etwas neben uns: Es hatte eine Wirbelsäule und war ein gutes Stück länger als das Boot. In fünf Jahren Navy habe ich so etwas nicht erlebt." Fast hätten wir ihm geglaubt, doch irgendwie ließen uns der Zusatz "Wir waren noch nicht mal betrunken" und die Tatsache, dass John seine fünf Marine-Jahre abgekapselt im Torpedoraum eines Atom-U-Bootes gedient hatte, am Wahrheitsgehalt dieser wundersamen Geschichte zweifeln. Erfunden wirken auch die Storys über "the Others", die Anderen: Hört sich ominös an, ein bisschen nach Mysterydrama, bezeichnet aber schlicht alteingesessene, reiche Familien. Die hatten Lake Placid Ende des 19. Jahrhunderts als Spielwiese für sich entdeckt, die Olympischen Winterspiele im Jahre 1932 und 1980 hierhergeholt und haben noch heute das Sagen, wenn es darum geht, ob Häuser, Straßen oder Skilifte gebaut oder Wälder abgeholzt werden dürfen. "Regular Folks" wie Norm & Co., die sich hier ihr Leben verdienen müssen, stößt das manchmal sauer auf, und selbst reiche Promis fühlen sich mitunter durch "die Anderen" gestört: Popstar Shania Twain zog in die Schweiz, nachdem Nachbarn ihr einen Anbau hatten untersagen lassen.

Leider trafen wir keine "anderen, denn die leben zurückgezogen in luxuriösen Blockhütten. Das sind Gebäude, die ungefähr die Grundfläche eines mittleren Bahnhofs haben, sprechende Namen wie "Camp Opeechee" oder "Camp Algonquin" tragen und oft nur per Air Boat zu erreichen sind, einem überdimensionalen Backblech mit Propeller dran, das mit ohrenbetäubendem Lärm übers Eis rast.

Après-Ski mit Feuerwehrmännern

"Regular Folks" trafen wir hingegen zuhauf, denn Lake Placid ist kein überkandidelter Skiort. Après-Ski bedeutet hier nicht, im Pelzmantel an der Eisbar Champagner zu schlürfen, sondern in Jeans mit Feuerwehrmännern, Skilehrern, Krankenschwestern und Athleten, die das ganze Jahr über im Ort trainieren, Chicken Wings um die Wette zu essen. Dazu trinkt man Bier von der örtlichen Brauerei, danach ein paar Whiskeys auf Eis und hört sich zum hundersten Mal die zweifellos tolle Geschichte vom "Miracle on Ice" an. Das ereignete sich 1980, mitten im Kalten Krieg, als die junge, unerfahrene US-Eishockeymannschaft die favorisierten Russen schlug, danach auch noch die Finnen und schließlich Gold holte. Nach dem vierten Whiskey fordert mancher Gast den Kalten Krieg und die Olympischen Spiele zurück, doch das wäre eigentlich schade. Denn irgendwie wünschen wir uns Lake Placid gar nicht moderner, als es ist. Das Straßenbild wirkt, als sei der Ort seit den letzten Spielen ein wenig von der Zeit überholt worden. An vielen Häuserfassaden prangen noch die oft rostigen und abgeblätterten olympischen Ringe - und genau dies macht den Charme des Städtchens aus. Und je länger und hingebungsvoller die Einheimischen von glorreicheren Tagen träumen, desto sympathischer werden sie uns.

Irgendeiner muss dann noch ein paar Whiskeys mehr getrunken haben. Am nächsten Morgen warnt uns der Sprecher im -Autoradio: "Ein Betrunkener fährt mit dem Snowmobil auf der Route 73, bitte seien Sie vorsichtig!" Zum Skilaufen ist es wieder zu bitter, und wir sind deshalb auf dem Weg zur Mount-Van-Hoevenberg-Bobbahn. Dort wollen wir mit echten Profis im Viererbob zu Tal rasen. Ein paar Minuten später tönt es erneut aus dem Radio: "Ein Betrunkener läuft auf der Route 73. Bitte fahren Sie vorsichtig!" Das Snowmobil ist ihm offensichtlich -abhanden gekommen, aber er torkelt weiter - selbst Zecher -scheinen hier beseelt von olympischem Kampfgeist.

Auch Chuck (Name aus verständlichen Gründen geändert), unser Bremser, mag den Whiskey offenbar: "Helm auf und gut festhalten", herrscht er uns an, bevor er den stählernen Bob anschiebt - mit einer ziemlichen Fahne. Der Ritt selbst ist dagegen vergleichsweise harmlos, ein bisschen wie eine Fahrt in einem abwrackreifen Auto durch die Kasseler Berge. Aufregender ist es, im Anschluss dem Nachwuchs zuzuschauen, Kindern, kaum älter als zehn Jahre, die in halsbrecherischer Geschwindigkeit johlend die Bahn hinunterbrettern.

Ein Pappbecher mit frischem Popcorn

Immer noch leicht benebelt vom Temporausch, lassen wir den Nachmittag ruhig angehen. Auf einem Bauernhof probieren und kaufen wir köstlich-süßen, dickflüssigen Ahornsirup und in einem Shop an der Main Street Mitbringsel für die Daheimgebliebenen: geflochtene Korbtaschen, hölzerne Bierdeckel und nebenan einen Pappbecher frisches Popcorn für uns. Auf der Veranda des "Cottage" setzen wir uns mit einem Bier vor den glühenden Bollerofen und genießen den Ausblick auf den Mirror Lake im Abendlicht. Auch ohne sportliche Leistungen lässt es sich hier richtig gut aushalten.

Am nächsten Morgen aber ist es dann so weit: Die Temperatur ist gestiegen, der Himmel blau, und so soll es den Rest der Woche bleiben. Endlich können wir auf den Berg, endlich Ski- fahren! Die "Cloudsplitter"-Seilbahn bringt uns in acht Minuten nach oben, und schon auf dem Weg dorthin bestaunen wir die Aussicht, die sich am Ende beinah zum 360-Grad-Panorama -öffnet. Zum ersten Mal sehen wir, wie dicht Mirror Lake und Lake Placid beisammenliegen, erkennen Inseln, auf denen wahrscheinlich "die Anderen" wohnen, entdecken die Biegungen des Ausable-Flusses und bewundern die zahlreichen Gipfel der Adirondack High Peaks. Auch olympische Stätten lassen sich ausmachen: die Sprungschanze, auf der Englands legendärer Skispringer "Eddie the Eagle" das Fliegen simulierte, und schräg über uns, nur ein paar Sessellifte entfernt, die Abfahrten, auf denen Ingemar Stenmark zweimal Gold gewann. Dort zieht es uns hin - und dann hinunter. Nicht so elegant und schnell wie Ingemar, aber das sieht jetzt keiner.

Wir haben den Berg fast für uns allein

Selbst an Wochenenden wird es niemals wirklich voll, die Liftschlan-gen sind im Vergleich zu europäischen Skigebieten überschaubar und die Wartenden diszipliniert: Keiner drängelt, rempelt oder fährt einem von hinten über die Ski. An einem Wochentag wie diesem fühlt man sich wie in einer Episode aus der Fernsehserie "Twilight Zone", in der man aus irgendeinem unerfindlichen Grund der letzte Mensch auf Erden ist - allerdings ein sehr, sehr glücklicher Mensch. Während die wenigen anderen Snowboarder und Skifahrer im Basisrestaurant ihre Teller voller Chili mit Budweiser hinunterspülen, sausen wir vorbei an schnee-bedeckten Kiefern, martialischen Eiszapfen und Liftboys. Immer und immer wieder, denn zwei Drittel des Skigebietes sind leichte bis mittelschwere Abfahrten auf perfekt planierten Pisten, und selbst die wenigen mit Doppel-Schwarz ausgezeichneten Varianten sind für halbwegs geübte Skifahrer ohne größere Schweißausbrüche zu bewältigen.

Dies ist Skifahren, wie wir es aus unserer Jugend kennen: entspannt, ohne Chichi und in einer Landschaft, die kein Winterprospekt so hinzaubern könnte. New York City, der Moloch, der uns in wenigen Tagen wieder erwartet, scheint in diesem -Moment viel weiter weg als 280 Meilen. Es ist das Gegenteil von bitter. Es ist einfach nur sweet.


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