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Neuseeland: Das schönste Ende der Welt

Kaum ein Land der Welt ist so dünn besiedelt und bietet so viel atemberaubende Natur wie Neuseeland. Die meisten Touristen besuchen die Südinsel und verschmähen den Norden. Wenn die wüssten, was sie versäumen.

Von Rüdiger Barth

Vermutlich liegt es an den Kiwis selbst. An Kerlen wie Andy, der in Auckland wohnt, einen Partyservice betreibt und davon träumt, eines Tages auf einem Katamaran zu leben. Fragt man Andy, der taucht, segelt, golft: "Hey, Andy, wo sollen wir hinfahren, wir haben vier Wochen, um euer Land zu entdecken?", dann bekommt er ein Strahlen in die Augen und sucht im Reiseführer seine Lieblingsberge, findet eine Karte der Südinsel Neuseelands, wandert mit dem Finger über vielfach gewundene Straßen, "da müsst ihr hin", ruft er, "und da, oh, da sowieso …"

"Hey, Andy", sagen wir, wir sitzen am weiten Orewa Beach, betrachten die Schaumkronen auf dem Hauraki Golf, schieben uns eine gegrillte Jakobsmuschel in den Mund und spülen sie mit einem Schluck Sauvignon Blanc aus der Hawke's Bay hinunter, "Andy, was ist mit dem Norden? Du verschweigst uns doch was." "Wie, welchem Norden?", fragt Andy scheinheilig, er beschattet die Augen, tut, als suchte er den Horizont ab. Auckland schmiegt sich an einen fantastisch zerklüfteten Naturhafen, die Stadt hat alles, was man braucht, Strände, wunderbare Cafés, Vulkanhügel, Fähren fürs Wasserglück, eine Lage wie vom Schöpfer selbst erfunden.

"Eurer Nordinsel", sagen wir. "Mal angenommen, wir wollten Delfine sehen und Geysire, Vulkane und Riesenbäume und zwischendurch an den Strand, das gibt es doch hier auch alles, tu doch nicht so." "Na ja", sagt Andy. "Dann braucht ihr nicht so weit zu fahren, das stimmt. Aber ist das Urlaub? Ich meine, wir leben doch hier."

Überall ist wenig los

Vier Millionen seiner Landsleute leben auf einer Fläche, die größer ist als Großbritannien, man kann sich vorstellen, wie wenig überall los ist. Als Erstes schickt uns Andy hinauf nach Russell, weil Russell da liegt, wo er mit seiner Freundin immer die Sommer verbringt, in der Bay of Islands. Neuseeland sieht hier aus wie ein Neffe der Südsee.

In dem Dorf wohnt auch der deutsche Kinderbuchautor Helme Heine, der die Figur Tabaluga erfunden hat. Ein Mann, dem solche Ideen kommen, lebt womöglich an einem inspirierenden Ort. Und das ist Russell, oh ja. Man kann noch so geschafft sein, der Flecken kriegt einen wieder ein. Völlig unmöglich, hier Hektik zu entwickeln. Vor der Küste dümpeln Yachten in der Brise, im Duke of Marlborough reden sie über das kommende Rugby-Spiel drüben im schrecklichen Waitangi.

Der Ort besteht im Wesentlichen aus einer Hauptstraße und der Küstenpromenade, einer Handvoll exzellenter Restaurants und Pensionen, es duftet nach türkisfarbenem Meer und alten Geschichten. "Russell ist wie eine alte, einäugige Bordkatze, die Captain Cook ausgesetzt hat", schrieb Heine mal.

Russell war das Höllenloch des Pazifiks

Meister Cook erforschte diese Bucht höchstselbst. Russell wurde in den 1830ern sogar als Hauptstadt Neuseelands gehandelt. Zuvor, als hier Walfänger und entlaufene Sträflinge hausten, hatte sich der Hafen redlich den Ruf erworben, das "Höllenloch des Pazifiks" zu sein. Vor der örtlichen Kirche, einer der ältesten des ganzen Landes, liegt ein Gedenkstein an Hone Heke, jenen Maori-Häuptling, dem es gelang, viermal den Fahnenmast mit dem Union Jack umzusägen, oben, auf dem präzise benannten Flagstaff Hill.

Ein kleiner Spazierweg führt dorthinauf, und hier den Sonnenuntergang zu erleben ist eine wunderliche Sache. Es schleichen nachts keine Maori-Krieger mehr umher, dennoch singen die Wanten des Flaggenmastes im Wind, als wimmerten sie vor Angst. Aber wir tun ihnen nichts, wir genießen den Blick, auf drei Seiten leuchtet das Meer, drum herum waldreiche Hügel, zur Linken gehen die Lichter Russells auf. Das ist einer dieser Augenblicke, in denen man ahnt, dass die Welt womöglich ein schöner Platz ist.

Russell ist so friedlich, dass man hier problemlos eine Woche vertrödeln kann, ohne zu merken, dass überhaupt die Stunden verstreichen. Ab und zu sollte man sich einen Ausflug aufs Wasser gönnen, das ist klar. Im Gewirr der 150 Inseln soll es Killerwale geben, vor allem aber Delfine. Es werden Touren angeboten, bei denen man mit den Delfinen schwimmen kann, aber ob die Delfine dazu befragt wurden, ist nicht gesichert. Wir gehen nur gucken. Und so düsen wir über ein weiches Meer, darin die Inseln, wie hingemalt.

Meer voller Fische

Unser Kapitän ist eine Frau, 29 Jahre alt, heißt Jo und trinkt am Steuer Kamillentee. Es dauert nicht lange, da entdeckt sie eine Schule Delfine vor einer Felsenbank. Wir halten respektvoll Abstand, sie kommen von selbst näher, schießen durch die Luft, umrunden unser Boot, tanzen auf dem Wasser, dreißig, vierzig auf einmal. "An solchen Tagen weiß ich, ich habe alles richtig gemacht, als ich mir meinen Job ausgesucht habe", sagt sie. Wenn man jetzt hier angeln würde, fragen wir, nicht nach Delfinen, sondern allgemein: angeln. Finge man da was? "Die Kunst wäre, nichts zu fangen", sagt sie.

Jo stammt aus Kerikeri, was gleich um die Ecke liegt. Sie habe in Wellington studiert und ganz Südamerika gesehen, erzählt sie. "Aber erst seit ich zurück bin, weiß ich: Nichts ist so schön wie die Bay of Islands. Das heißt: Wenn nicht gerade Weihnachten vor der Tür steht und die Silly Season startet. Dann stehen hier die Segler im Stau." Sie lacht ihr großformatiges neuseeländisches Lachen.

Drüben, auf der anderen Seite der Bucht, liegt das Areal von Waitangi, wo 1840 die Nation gegründet wurde, von den Stämmen der Maori und den weißen Siedlern mit den rot gebrannten Nasen. Das größte Kriegskanu der Welt ruht hier auf Stelzen, fast 36 Meter lang, zwölf Tonnen schwer, eine knappe Hundertschaft Paddler beschleunigt es auf abenteuerliche 50 Sachen. Noch abenteuerlicher ist allerdings die Folklore-Show, bei der man sich hüten sollte zu grinsen. Maori-Mädchen singen und tanzen mit Puscheln vor den Touristen, Maori-Jungen tanzen im Hintergrund mit, ohne Puschel. Die Jungen dürfen am Ende richtig Gas geben, beim Kriegstanz, dem Haka. Man kriegt eine Ahnung, immerhin, wie es gewesen sein muss, wenn nicht vier Bengel, sondern 400 Krieger vor der Schlacht die Augen rollten und sich auf die Brust schlugen, die Zunge rausstreckten und "Ka Mate!"brüllten: "Das ist Tod!"

Das Reisen ist leicht

Für viele Touristen sind solche Einlagen der einzige Kontakt zu den Einheimischen. Das Reisen ist zu leicht in diesem Land, es geht selten etwas schief. Viele Backpacker flitzen von einem Naturwunder zum nächsten, unterhalten sich mit Backpackern, saufen mit Backpackern, feiern mit Backpackern. Und Wohnmobil-Familien treffen abends, wenn sie angedockt haben, vor allem Wohnmobil-Familien. Neuseeland bleibt für viele nur Kulisse, wenngleich eine spektakuläre. Und zu Hause, mehr als 20.000 Kilometer entfernt, stricken diese Besucher weiter an der Geschichte von den Inseln der Sorglosen, vom besseren Leben im Paradies. Viele kommen nicht auf die Idee, die zu fragen, die hier wohnen: die Neuseeländer selbst.

"Dies ist alles andere als ein Garten Eden", sagt Alan Duff, "wir haben sehr irdische Probleme." Der Schriftsteller kann mit einer gewissen Glaubwürdigkeit über die Probleme der Maori reden - er ist selbst zur Hälfte einer, Sohn einer Maori-Mutter, aufgewachsen bei ihrer Familie. "Die Maori sind großartige, kraftvolle Menschen mit einem kernigen Humor und großen Herzen", sagt Duff, Jahrgang 1950, "das Problem ist nur, sie lesen keine Bücher, sie erkennen den Wert von Bildung nicht, sie sind wie Kinder, die nicht an morgen denken."

Sein Roman "Warriors", erschienen 1990, wurde zu einem Bestseller, der folgende Kinofilm stürmte weltweit die Kassen. Duff schildert die Maori als ein verlorenes Volk, in dem Männer ihre Frauen und Kinder schlagen und die Sozialhilfe versoffen wird. Sein Buch löste damals einen Schock aus, Duff gilt seither als umstrittenster intellektueller des Landes. "Ich wurde von allen angegriffen", sagt er, "von weißen Gutmenschen wie von den Führern der Maori, aber es ist halt die Wahrheit." Maori begingen, sagt er, die Hälfte der Straftaten - dabei stellen sie nur ein Siebtel der Einwohner.

Bioanbau boomt

Duff lebt in Havelock North, das mitten in der fruchtbaren Hawke's Bay liegt. Das nahe Napier wurde nach einem Erdbeben 1931 im schönsten Art-déco-Stil iederaufgebaut, in den umliegenden Hügeln wachsen einige der besten Cabernets der Welt. Der Bioanbau boomt in dieser Obstkammer, die Menschen flanieren samstags über den Bauernmarkt, im Schatten hoher Kiefern - Neuseeland wie aus dem Bilderbuch. "Die Leute leben sehr bewusst", sagt Duff, "dies ist ein gutes, starkes Stück Heimat." Er wohnt in einer kastenförmigen Villa, die aus Holz, Glas, Beton und viel Licht gebaut ist, er liebt es, unten im Dorf mit seinen weißen Freunden, allesamt Ärzte oder Anwälte, ein Glas sündhaft teuren Wein zu kosten, aber von Zeit zu Zeit fährt er zu seinen Maori-Kumpels, schaut sich ein Rugby-Spiel an und stellt sich mit ihnen hinterher an die Theke.

"Ich lebe in beiden Welten, und ich habe das akzeptiert", sagt er. "Neuseeland ist kein einfach zu verstehendes Land, und in diesem Sinne bin ich so zerrissen wie das Land."

Er rät allen Gästen, zum East Cape zu fahren, wo ursprüngliche Marae stehen, die kunstvoll verzierten Versammlungshäuser, wo die Maori-Gemeinden weitgehend unberührt sind von den Urlauberpfaden - hier zeigt sich ein raues Neuseeland, windgezaust, nicht herausgeputzt. Die ganze Küste leuchtet rot im Sommer, wenn der Pohutukawa blüht, der neuseeländische Weihnachtsbaum. Und wer die Gebote der Höflichkeit achtet und die Umgangsformen kennt, kann der polynesisch geprägten Kultur ganz nahe kommen. Das Leben ist hier keine polierte Auswandererfantasie. Dafür echt.

In den Touristenzentren warten andere Kaliber. Etwa im faulig riechenden Rotorua, wo die Erde kochendes Wasser und Schwefelgase spuckt, ein faszinierendes Schauspiel - für das der Gast ordentlich zur Kasse gebeten wird. Die als Nachtisch gereichten Shows der Maori wirken seltsam entseelt. Plastic Tourism, sagen dazu am East Cape verächtlich die jungen Männer, die mit den Tattoos im Gesicht.

Meditatives Fahren

Dabei sind Plastikferien in diesem Land das Letzte, das man sich zumuten muss. Man kann sich herrlich treiben lassen. Wir fahren im Tongariro-Nationalpark im Schnee los, durchstreifen ein düsteres Vulkanland und schlürfen drei Stunden später am Strand Weißwein und Muscheln. Das Land ist verdammt leer. Es ist verdammt schön. Fahren ist eine meditative Angelegenheit.

So gut wie unmöglich ist es, einen dünnen Kaffee zu bekommen. Flat White nennen sie die Kreation aus Espresso und Milchschaum, die schmeckt, als läge Rom um die Ecke. Es ist auch leicht, vorzüglich essen zu gehen. Neuseeland ist eine junge Welt, die Feuer und Wasser atmet, Heimat der Pacific-Rim-Küche, in ihr mischen sich polynesische, asiatische und kalifornische Einflüsse. Es empfiehlt sich sehr, die wunderbare Einrichtung der Bottle Shops zu nutzen: Man stöbert vor dem Dinner durch die Regale, kauft seine Lieblingsflasche, geht dann in ein Restaurant mit dem BYO-Zeichen - Bring Your Own - und lässt sie gegen ein paar Dollar Gebühr entkorken.

Es findet sich überall ein gutes Bett, und wenn man Glück hat, sind die Gastgeber kundige Leute. Wie in der Westminster Lodge, auf einem Hügel vor Rotorua gelegen, weit genug weg vom überirdischen Gefurze. "Wart ihr hoffentlich am Mount Egmont, dem Vulkan, der aussieht wie der Fudschijama?" Das fragt uns Barry, der Chef unseres Bed & Breakfasts, wir mampfen seine selbst gebackenen Apfel-Muffins und schütteln nur mit dem Kopf. "Und auf der Coromandel-Halbinsel, habt ihr euch am Strand 'ne Wanne gegraben und ein heißes Bad genommen?" Nö, sagen wir, preisen die frische Kiwi-Marmelade. "Aber da könnt ihr doch allein schon einen Urlaub verbringen", sagt Jill, seine Frau. "Eben", sagen wir, "zu gefährlich, da fahren wir gar nicht erst hin."

Bäume mit 14 Metern Umfang

Dafür haben wir oben im Westen die Kauri-Bäume gesehen, erzählen wir, trutzige Riesen, 2000 Jahre alt, die Haut steinern und abweisend, wie Beton. Sie sehen absolut aus wie die Ents aus Tolkiens "Herr der Ringe". Früher, das haben wir gelesen, bedeckten die Kauri das ganze Land, die Siedler haben die meisten abgeholzt. Man kann sich gar nicht vorstellen, wie man einen Baum umhacken kann, der einen Umfang von 14 Metern hat.

Und jetzt, fragt uns Barry, als er uns zum Abschied ein halbes Dutzend Muffins in die Hand drückt, wohin jetzt? "Übermorgen müssen wir auf die Südinsel", sagen wir, "um stundenlang von einem Gletscher zum nächsten zu fahren oder uns vielleicht mit anderen Wahnsinnigen in eine Kanonenkugel von Schnellboot zu setzen." Vielleicht aber auch nicht.

Als wir in Wellington ankommen, der´Hauptstadt, ganz im Süden der Nordinsel, bereuen wir den Plan bitterlich. Wellington gilt als Stadt der Winde, vollkommen zu Recht, und als kreuzlangweilig, vollkommen zu Unrecht. Die Lage inmitten vielfingriger Fjorde ist bemerkenswert genug. Im Te Papa, dem besten Museum des Landes, tauchen wir tief in die Geschichte des Landes ein und hinterher in den Bars in seinen Geist, sodass wir uns wünschten, die Fähre nach Picton führe nicht gleich am nächsten Morgen. Fährt sie aber. Leider.

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