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Wandern in Südkorea: Ein Volk will nach oben

In Südkorea ist Wandern der Volksport Nummer eins. Was kaum ein Euopäer weiß: 70 Prozent des Landes besteht aus Bergen. Unterwegs in einem Nationalpark Südkoreas, zusammen mit naturbegeisterten Einheimischen.

Von Jörg-Uwe Albig

Wandern ist in Südkorea Volksport Nummer ein: Sonnenaufgang am Baegundae Peak and Bukhansan-Nationalpark Mountain mit Seoul im Hintergrund.

Wandern ist in Südkorea Volksport Nummer ein: Sonnenaufgang am Baegundae Peak and Bukhansan-Nationalpark Mountain mit Seoul im Hintergrund.

Getty Images

Eines Tages ist es der Seouler Hausfrau Yong-Hye, als werde sie zur Pflanze. Sie glaubt, "dass Äste aus ihr wachsen". Dass "sich weißliche Wurzeln von ihren Händen aus in die schwarze Erde bohren". Dass "Blumen aus ihrem Schritt wachsen, wenn das Sonnenlicht auf ihren Körper trifft und das Wasser vom Boden aufsteigt".

Es ist eine ziemlich seltsame Metamorphose, die die koreanische Schriftstellerin Han Kang in ihrem Roman "Die Vegetarierin" beschreibt. Doch offenbar eine, die ihr Echo in Seele findet: Nach seinem Erscheinen im Jahr 2007 wurde das Buch umgehend zum Bestseller und bald darauf auch verfilmt. Kang sagt, eine Gedichtzeile ihres Landsmanns Lee Sang habe sie zu dem Roman inspiriert: "Ich glaube, dass Menschen Pflanzen sein sollten."

Tatsächlich ist es, als stehe die Hausfrau Yong-Hye in Korea nicht allein mit ihrer Obsession. Als verkörpere sie einen heimlichen Wunsch, den sie mit der Mehrheit ihrer Landsleute teilt:

Die Verschmelzung mit der Natur

Wie sonst ist es zu erklären, dass in Südkorea fast noch beliebter zu sein scheint als Essen (was einiges heißen will)? Dass Heere von Koreanern nicht nur jedes Wochenende ins Grüne pilgern – sondern dass sie dabei selbst zur Blumenwiese werden: mit ihrer neonbunten Outdoorkleidung, deren Farbenpracht alle Lilien auf dem Felde und alle Orchideen in den Blumenläden in den Schatten stellt?

Das ist, kein Zweifel, nicht einfach nur eine Auszeit, sondern ein Seitenwechsel. Ein Überlaufen aus dem klassisch-kalten koreanischen Reich von und Hyundai, aus dem Land der Putzroboter, zehnspurigen Straßen und hysterischen TV-Shows ins Exil der Botanik.

Ist nicht auch Koreas Wunderwurzel Ginseng, die nirgends in solcher Qualität wächst wie hier und in der Landessprache insam heißt, "Pflanze in menschlicher Gestalt", ein Beispiel für diese Austauschbarkeiten, die das Land so zu lieben scheint? Der Legende nach hat sich einst eine Frau von einem Gott einen Sohn gewünscht. Dann war sie aber auch zufrieden, als sie stattdessen eine Ginsengpflanze bekam.

Wanderwege und präzise Beschilderung

In einem Land, in dem sich die Hälfte der Bevölkerung in und um die Hauptstadt drängelt, hat die Natur viel Platz. 70 Prozent der Fläche besteht aus Gebirge, rund 63 Prozent aus Wald – mehr als doppelt so viel wie im Land von Hänsel und Gretel. Und um den reibungslosen Austausch von Mensch und Flora zu befördern, ist das Naturschöne in 17 Berg-, vier Meeres- und Küstennationalparks sowie einen historischen Park organisiert, in denen für eine erstklassige Infrastruktur, gepflegte Wanderwege und eine präzise Beschilderung gesorgt ist. Gummimatten am Boden sichern den Schritt, Druckluftschläuche stehen am Wegesrand zum Sauberpusten der Hosen bereit, Stufen aus Bohlen, aus Steinplatten oder direkt in den Fels gehauenen Kanten erleichtern den Aufstieg – und somit die Geselligkeit.

So wurde in Korea das Wandern zum Volkssport Nummer eins. Auch berühmter Namdaemun-Markt, der größte Markt Koreas, lockt längst nicht mehr nur mit kulinarischen Hotspots wie der "Geschnittene-Nudeln-Straße" oder der "Fisch-und-Eintopf-Gasse", sondern verfügt auch über eine "Bergsteiger-Ausrüstungs-Straße".

Hoch hinaus im Bukhansan-Nationalpark: Die Weg sind gut ausgebaut und bestens ausgeschildert.

Hoch hinaus im Bukhansan-Nationalpark: Die Weg sind gut ausgebaut und bestens ausgeschildert.

Getty Images

So strömen am Samstagmorgen die bunten Horden bestens gerüstet mit professionellem Schuhwerk, atmungsaktiver Funktionskleidung und lichtdichten Sonnenbrillen aus der U-Bahn-Station Gupabal im Nordwesten der Stadt. In wenigen Augenblicken wächst die Schlange vor der Bushaltestelle zur Hundertschaft, quetschen sich Kompanien in die heranfahrenden Wagen. Am Eingang zum Bukhansan-Nationalpark steigen die Wanderer aus, fluten in den sonnigen Tag, versorgen sich an Imbissständen mit eomuk-Fischkuchen und gimbap, Rollen aus Seetang und Reis mit Gemüsekern. Und Herr Yang fragt: "Haben Sie etwas dage­gen, wenn ich Sie begleite?"

Lachen beim Wandern

Yang Kyung-Mo ist ein drahtiger Mann mit hoher Stirn und einem Nest aus Lachfältchen umdie Augen. Einst war er Finanzexperte beim mächtigen Hanwha-Konzern, später Investmentbanker, jetzt fertigt der 63-Jährige tragbare, elektrisch beheizte Matratzen. Seit vor rund 30 Jahren sein Chef der Belegschaft das Wandern ans Herz legte, geht Herr Yang jedes Wochenende in die Berge am Nordrand der Stadt, meist begleitet von einer kleinen Gruppe Freunde. Heute aber ist einer verkatert. Ein anderer bereitet sich gerade auf eine Prüfung vor. Schließlich blieb Herr Yang allein übrig.

Es sei zwar schön, sagt er, allein zu wandern, Sonaten von Bach oder Haydn im Kopfhörer. Es sei auch schön, zu zweit zu wandern, in gute Gespräche vertieft. Am schönsten aber sei es in der Gruppe: "Dann kommen wir manchmal stundenlang nicht aus dem Lachen heraus", sagt er.

Im Nebel auf dem Gipfel des Bukhansan, dem "großen Berg im Norden", so die wörtliche Übersetzung.

Im Nebel auf dem Gipfel des Bukhansan, dem "großen Berg im Norden", so die wörtliche Übersetzung.

Getty Images

"Im Alltag gibt es so wenig Gelegenheit zum Lachen." Denn der Sprung ins Grüne ist in Korea immer auch das Eintauchen in die Gemeinschaft. "Im Alltag grüßen wir oft nicht einmal", erklärt die Seouler Literaturwissenschaftlerin Miju. "In den Bergen aber gehen wir aus uns heraus."

Und so geschieht es auch dem Ausländer leicht, dass er den einsamen Aufstieg unversehens im Kollektiv beendet und hinterher sechs neue Facebook-Freunde hat. Dass rastende Naturfreunde ihn vom Wegesrand in ihre Runde nötigen, um mit soju-Schnaps oder dem milchigen, süßsauren makgeoli-Reiswein auf die Schöpfung anzustoßen. Oder dass ein angenehmer, gebildeter Mensch wie Herr Yang ihm seine Gesellschaft anträgt.

Zum 732 Meter hohen Munsubong

Im ersten Moment ist es ein Wunder, dass die Menschenansammlung den Naturgenuss nicht stört. Es muss daran liegen, dass der wandernde Koreaner selbst zur Natur wird. Die sehnsüchtige Masse formt sich zu Strömen, zu Baumgruppen – ein marschierender Wald wie in Shakespeares "Macbeth". Heitere Zeichen intelligenten Lebens – wie der Rauch, der in Brechts gleichnamigem Landschaftsidyll aus dem Schornstein quillt und ohne den, so das Gedicht, auch Bäume und See "trostlos" blieben.

Es sind Einzelgänger und Paare, Schulklassen und Cliquen von Freundinnen; es sind Familien, der Vater mit einer Warmhaltebox voll gebratenem Schweinefleisch auf dem Rücken. Vielstimmiger K-Pop – Korean Popular Music – aus zahllosen Rucksäcken vereint sich zur Sinfonie. In frohen Kolonnen streben die Massen dem Baegundae zu, 836 Meter, der höchsten Erhebung des Parks.

Herr Yang aber weicht heute aus auf den Munsubong – nur 732 Meter hoch, dafür etwas weniger began­gen und, wie er versichert, mit unverstellter Aussicht. Der Weg steigt zunächst mäßig an, windet sich durch ein trockenes Flusstal, durch lichten Wald aus Eichen, Ahorn, Kiefern und Ingwerbäumen. Er passiert buddhistische Tempel, die sich an Felsen klammern oder in Höhlen kauern. Denn nicht nur Menschen, auch die Tempel haben in Korea beizeiten den Rückzug in die Botanik angetreten. "Im 14. Jahrhundert hat König Taejo den Konfuzianismus zur Staatsreligion erklärt", sagt Herr Yang. "Buddhisten mussten in die Berge flüchten."

Dieser Flucht ist es zu verdanken, dass an vielen Orten Koreas erst die Tempel die Natur zum Spektakel machen – etwa am Naksansa an der Ostküste, dessen Säulen und geschwungene Dächer den Blick auf das Meer, die Felsen in der Brandung und die Kiefern, die zwischen ihnen wachsen, zum Seestück rahmen.

Auf Felsen in der Brandung und die Kiefern: Tempel Naksansa an der Ostküste.

Auf Felsen in der Brandung und die Kiefern: Tempel Naksansa an der Ostküste.

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Endlich verlässt der Weg den Wald. Der Blick öffnet sich – und es wird klar, dass dies kein harmloser Naherholungsparcours ist, sondern ein echtes Gebirge. Eine Landschaft, wie man sie von fernöstlichen Holzschnitten kennt, wild und anmutig zugleich. Und wie zur höchsten Steigerung des Idylls umspült die ganze Schönheit, nebelzerflossen, das Häusermeer der Zehn-Millionen-Stadt Seoul.

Picknick unterm Gipfel

Kurz vor dem Gipfel packen die Wanderer ihre Vorräte aus. Sie breiten Picknickdecken über das Gestein, fotografieren einander vor großer Kulisse oder legen sich erst einmal zum Mittagsschlaf auf den Fels. Auch Herr Yang ist vorbereitet, zaubert Alumatten, Sitzkissen, Geschirr und Stäbchen aus dem Rucksack, frische gimbap-Rollen und Gebäck. Heißes Wasser aus der Thermoskanne bringt Kaffee zum Blühen, Tee und zwei Becher Instantnudelsuppe.

"Ich brauche keine gewaltigen Naturschauspiele", sagt Herr Yang. "Hier sitzen, eine Tasse Kaffee in der Hand, und jedes einzelne Blatt betrachten – das ist besser als die Niagarafälle."

Zum Munsubong sind es jetzt nur noch wenige Meter. Noch einmal Schlangestehen vor dem Gipfel, eine kurze Fotopause auf dem Plateau, dann geht es weiter zum Seunggabong. Von nun an hat die Landschaft nichts Liebliches mehr: Die Wanderer hangeln an Felsgraten entlang, zwängen sich durch Schluchten und klammern sich an Seile, tasten mit den Füßen nach Halt und kämpfen um sichere Vorsprünge auf glattem Gestein. Doch aus dem waldigen Tal leuchtet trostreich der Seunggasa-Tempel herauf.

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