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Intercontinental Berchtesgaden: Mit gemischten Gefühlen

Es ist eines der umstrittensten Hotels Deutschlands, das jetzt offiziell eröffnet wurde: Das Intercontinental Resort Berchtesgaden steht an der Stelle von Hitlers ehemaliger "Alpenfestung" und löst damit bei Gästen gemischte Gefühle aus.

Von Jens Maier

Es reihen sich Mercedes an BMW und Audi, dazwischen sogar ein Bentley, fast alle mit Münchner Kennzeichen, der Opel aus Erfurt steht verschämt in der Ecke. Ein Blick in die Tiefgarage des Intercontinental Resorts Berchtesgaden ist wie ein Blick in die Gästeliste: Hier trifft sich ein elitärer Club, hier macht die reiche Münchner Schickeria Ferien. Die Ängste von Kritikern, braunes Gesindel könnte an der Stelle von Hitlers ehemaliger Sommerresidenz ihr Unwesen treiben, hat sich nicht bewahrheitet. Aus einem ganz einfachen Grund: Weil sie es sich nicht leisten können.

Wer mindestens 269 Euro springen lässt, kriegt eines von den kleineren Zimmern, die Präsidentensuite schlägt mit 2500 Euro zu Buche. Viel Geld für einen Aufenthalt auf einem Berg, der seine besten Zeiten lange hinter sich hat. 1877 gründete Mauritia Mayer auf dem Obersalzberg die "Pension Moritz" und wurde damit zur Pionierin des modernen Tourismus. Prominenz aus Politik und Wirtschaft machte aus dem verschlafenen Nest einen elitären Ferienort, bis sogar Adolf Hitler den Obersalzberg für sich entdeckte. Hier schottete er sich in seinem Ferienhaus ab. Zutritt hatten nur enge Vertraute und geladene Staatsgäste. Mit der Zerstörung durch alliierte Fliegerbomben und dem Ende des Zweiten Weltkriegs verfiel die Ferienregion Berchtesgaden in einen langen Dornröschenschlaf.

Wiederbelebung der Region Berchtesgaden

Der Hotelbau in 1000 Metern Höhe soll dazu beitragen, dass dieser Teil des Berchtesgadener Landes wieder eine beliebte Fremdenverkehrsregion wird. Seit 1. März hat das Hotel seinen Probebetrieb aufgenommen, am Freitag wurde es offiziell eröffnet. Die bayerische Staatsregierung hat das Gelände in Erbpacht an die britische Hotelgruppe Intercontinental vergeben, die an der Stelle von Hitlers Berghof einen luxuriösen Hotelbau erstellt hat. „Der Obersalzberg ist ein belasteter Ort“, erklärte Bayerns Finanzminister Kurt Faltlhauser anlässlich der Feierstunde in Berchtesgaden. Der Obersalzberg sei aber immer auch ein Ort der Erholung in grandioser Landschaft gewesen. In dieser Tradition stehe das neue Hotel.Und damit die alte Tradition wieder richtig in Schwung kommt, warten 138 Zimmer und Suiten auf betuchte Gäste. Die haben dann die Qual der Wahl zwischen Bar, Bibliothek, Ballsaal, Restaurants, Sonnenterrasse oder 1400 Quadratmeter Wellness. Perlmuttfarbene Kacheln lassen das warme Wasser im Pool sanft schimmern. In den Erlenholzregalen liegen gerollte Handtücher, symmetrisch zu Pyramiden gestapelt. Im Gegensatz zu innenarchitektonischer Sachlichkeit in Lobby und Restaurant, die vor allem dort bis zur Ungemütlichkeit übertrieben wurde, herrscht in den Zimmern behaglicher Luxus: Flatscreen-Fernseher, mit Verde Dolomit mattgrün ausgestatteten und großzügig bespiegelten Bäder und als Krönung ein mit Fernbedienung bedienbarer Kamin – Romantik auf Knopfdruck.

Grandiose Aussicht in jedem Zimmer

Der eigentliche Clou des Hotels ist jedoch die grandiose Aussicht, die von jedem Gästezimmer aus genossen werden kann. Dies war eine der Vorgaben an das Architekturbüro Kochta. Der Trick: Das 360-Grad-Bergpanorama ließ sich durch einen Rundbau realisieren, in dem alle Zimmer nach außen liegen. Viel Glas scheint die Landschaft nahezu ins Haus zu holen. Selbst im Bett liegend kann sich der Gast vom imponierenden Panorama des Watzmann beeindrucken lassen.

Nichts scheint im Hotel an die Vergangenheit des Berges zu erinnern, wer in seinen Nachttisch schaut merkt allerdings, dass er sich in einem Hotel mit Zusatzbedeutung befindet. Dort liegt das fünfhundert Seiten starke Begleitbuch zur Ausstellung im Dokumentationszentrum Obersalzberg mit dem Titel "Die tödliche Utopie" aus. Und plötzlich ist der Blick aus dem Fenster ein anderer als zuvor. Genau diese Aussicht hatte „er“ vielleicht, als er vor 65 Jahren hinausschaute. Nein, Normalität ist eine Übernachtung an diesem Ort nicht, wird es vielleicht auch nie sein. Aber während in Berlin an vorbelasteten Stellen seit 50 Jahren wieder gefeiert wird, soll dies am Obersalzberg verboten sein? Höchste Zeit, den Berg wieder zu beleben und ihn zu dem zu machen, was er ist: einer der schönsten Flecken Deutschlands mit deutscher Vergangenheit.

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