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Angriff auf Polen: Der Weg in den Vernichtungskrieg

Mit dem Beschuss der Westerplatte begann vor 70 Jahren der Zweite Weltkrieg. Die Deutschen sahen in ihm lange nur einen Blitzkrieg. Dabei führte die Wehrmacht von Anfang an einen Vernichtungskrieg.

Von Andreas Mix

Deutsche Soldaten zerstören den Schlagbaum an der deutsch-polnischen Grenze in der Nähe von Danzig

Der Beginn der Polen-Invasion: Deutsche Soldaten zerstören den Schlagbaum an der deutsch-polnischen Grenze in der Nähe von Danzig

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Der August 1939 war ein heißer Monat. Während die Menschen in Europa das herrliche Sommerwetter genossen, wurden die Diplomaten der Großmächte immer nervöser. Das "Dritte Reich" steuerte geradewegs auf einen Krieg zu. Bereits im Mai hatte Hitler seinen Generälen angekündigt, "bei erster passender Gelegenheit Polen anzugreifen". Die Gelegenheit schuf der Diktator mit einem ungeheuerlichen Coup: Am 22. August verkündete die NS-Propaganda, dass sich das Deutsche Reich mit der Sowjetunion verbündet. Innerhalb weniger Stunden schlossen die Außenminister Joachim von Ribbentrop und Wjatscheslaw Molotow im Kreml einen Nichtangriffspakt. In einem geheimen Zusatzprotokoll teilten sie Ostmitteleuropa untereinander auf. Damit war für Hitler der Weg in den Krieg frei. Das Bündnis der beiden ideologischen Todfeinde überraschte nicht nur die Regierungen in Warschau, Paris und London. "Sogar hier in Berlin reiben sich die Leute die Augen", berichtete der Journalist William L. Shirer der CBS.

Hitler verfolgte nicht nur territoriale Ziele

Einen Tag bevor Hitler seinen Außenminister nach Moskau schickte, lud er die Wehrmachtsspitze auf den Obersalzberg, um sie auf den bevorstehenden Feldzug einzuschwören. Dass "die Frage 'Polen' irgendwie gelöst werden" muss, darüber waren sich konservative Gegner des NS-Regimes wie der Chef der Abwehr Wilhelm Canaris mit Hitler einig. Die Militärs und Diplomaten sahen in der 1918 auf Kosten der Verlierer des Ersten Weltkriegs entstandenen II. Polnischen Republik einen "Saisonstaat" und unverschämter Nutznießer des Versailler Vertrags. Hitler verfolgte aber nicht bloß territoriale Ziele. Von seinen Generälen forderte er "brutales Vorgehen", "größte Härte" und "Verfolgung bis zur völligen Vernichtung". Der Krieg gegen Polen sollte ein Vernichtungskrieg sein.

Als die Deutschen in den frühen Morgenstunden des 1. September aus dem Radio oder den eilig gedruckten Sonderausgaben von dem "Gegenangriff" erfuhren, der tatsächlich ein schlecht getarnter Überfall war, reagierten sie zum Ärger des Regimes keineswegs begeistert. "Nun stellen Sie sich Berlin aber bloß nicht als Stadt voller kriegslüsternem Pöbel vor, den es nach Blut dürstet und der ‘Auf nach Warschau!’ brüllt. Die Dinge sind nicht mehr so wie 1914", beobachtete Shirer. Die Lebensmittelmarken, die in den letzten Augusttagen ausgegeben wurden, erinnerten die Deutschen allzu deutlich an die Entbehrungen des letzten Kriegs.

Frankreich und England kamen nicht zur Hilfe

In den ersten Kriegstagen bombardierte die deutsche Luftwaffe zahlreiche polnische Orte. So wurde die Kleinstadt Wielun bereits in den Morgenstunden des 1. September in drei Angriffswellen dem Erboden gleichgemacht. Die deutschen Armeen hinterließen auf ihrem Vormarsch eine breite Blutspur. "Die polnische Bevölkerung ist fanatisch, verhetzt und zur Sabotage sowie zu Überfällen fähig", belehrte das Oberkommando des Heeres die Truppe. Die Folge war eine regelrechte Freischärlerhysterie. "Die ausgestellten Posten sehen hinter jedem Busch einen Heckenschützen. Es kommt vor, dass ein ganz Nervöser auf seinen eigenen Schatten schießt. Und wehe, wenn ein Schuss fällt, dann knallt alles, was Patronen hat", beschrieb ein Leutnant den Einsatz seiner Einheit in Südpolen. Bevorzugtes Ziel der Aggression waren die Juden. In vielen Orten kam es zu spontanen Pogromen. Wehrmachtssoldaten trieben Juden auf Marktplätzen und in Synagogen zusammen, misshandelten sie, schnitten ihnen die Bärte ab. In Konskie wurde die Regisseurin Leni Riefensthal am 12. September Zeugin einer Erschießung von Juden durch eine Nachrichtenabteilung der Wehrmacht.

Der Krieg gegen Polen war zu dieser Zeit praktisch entschieden. Frankreich und England, die Polen durch einen Beistandspakt verpflichtet waren, erklärten Deutschland am 3. September zwar den Krieg, kamen ihrem Bündnispartner jedoch nicht zur Hilfe. Nach tagelangem Beschuss musste die eingeschlossene Hauptstadt Warschau am 27. September kapitulieren. Die Rote Armee hatte 10 Tage zuvor gemäß den Absprachen des Hitler-Stalin-Paktes die polnischen Ostgebiete besetzt. In Brest nahmen Generäle der Wehrmacht und der Roten Armee eine gemeinsame Truppenparade ab. Damit war Polens Schicksal endgültig besiegelt. Am 6. Oktober ergaben sich die letzten Truppen den Deutschen.

"Blitzkrieg" wurde zur NS-Legende

In dem Krieg starben über 66.000 Soldaten polnische Soldaten – mehr als sechs Mal so viele wie auf deutscher Seite. Fast 700.000 Mann gerieten in deutsche Gefangenschaft. Die Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei, SS-Verbände, Milzen des volksdeutschen „Selbstschutzes“ und Wehrmachtseinheiten ermordeten in den ersten Kriegswochen mehr als 12.000 Zivilisten und Tausende Kriegsgefangene. Die NS-Propaganda stilisierte den blutigen Sieg zu einem "Blitzkrieg" – eine Legende, die in der Bundesrepublik lange fortlebte. Dabei sollte der Überfall auf Polen bloß das Vorspiel zu einem fürchterlichen Besatzungsregime mit Terror, Zwangsarbeit und Völkermord sein.

Dass in Deutschland die Dimension des Vernichtungskriegs nicht bekannt ist, verbittert viele Polen und führt immer wieder zu politischen Verstimmungen. Die Deutschen, so der Vorwurf der konservativen Medien, erinnern nur an den Holocaust und die eigenen Opfer von Bombenkrieg, Flucht und Vertreibung. Mit einem großen Museum des Zweiten Weltkriegs, das 2014 in Danzig eröffnet werden soll, will Polen der Welt seine Sicht auf den Krieg vermitteln: Dass zwei Diktaturen im September 1939 über das Land herfielen, es mit Terror und Völkermord überzogen. Die Einsicht reifte in Deutschland nur langsam; in Russland wird sie bis heute nicht geteilt.