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Europa feiert Kälterekorde und hier tanzen sie halbnackt im Schnee: Ischgl macht seinem Namen als Party-Hochburg alle Ehre und bietet damit die perfekte Mischung aus Ski- und Aprés-Ski-Vergnügen.
Von Jens Maier

Wer ein verträumtes Tiroler Bergnest sucht, einen Ort der Stille und Erholung, wird hier nicht fündig: In Ischgl steppt der Bär - und das fast 24 Stunden lang. Während sich die Letzten von den Dorfdiscos nach Hause schleppen, präparieren sich die anderen schon wieder für die Piste. Nein, Erholung ist das wirklich nicht. Und doch fahren alle ausgelaugt aber glücklich nach Hause. Das Geheimnis liegt in der Mischung - aus Party- und Skispaß. Sowohl ausgiebige Partygänger als auch Extrem-Ski-Fahrer kommen in Ischgl auf ihre Kosten.

Falko, 28 Jahre alt und aus der Nähe von Hannover, wundert sich: "Eigentlich hatte ich um diese Uhrzeit mit einem wahren Ansturm gerechnet, doch anscheinend sind die anderen noch später dran." An diesem Samstagmorgen um kurz vor neun herrscht an der Pardatschgratbahn, einer der drei Seilbahnen die vom Dorf ins Skigebiet der Silvretta-Arena führen, noch gähnende Leere. Falko ist am Abend zuvor angekommen und es ist sein erster Aufenthalt in Ischgl. "Bisher bin ich ganz oft in Garmisch Ski gefahren und da herrschte regelmäßig schon um diese Uhrzeit ein riesiger Andrang."

In Ischgl ticken die Uhren anders. Zwar ist kurz nach Saisonstart das Dorf keineswegs ausgebucht und drei Seilbahnen sorgen ohnehin für einen reibungslosen Transport ins bis zu 2872 Meter hoch gelegene Skigebiet, doch um kurz vor neun befinden sich viele Gäste gerade mal auf dem Weg zum Frühstück. Der Grund ist ganz einfach: Wer sich bis in die frühen Morgenstunden in den Discos herumtreibt, kommt schlecht aus dem Bett.

Auch Jens, der seit Jahren regelmäßig nach Ischgl kommt, hatte eine kurze Nacht. Der 35-Jährige aus Frankfurt sitzt mit leicht verquollenen Augen erst um kurz nach zehn am Frühstückstisch, seine Kumpels liegen noch im Bett. "Party gehört in Ischgl dazu", meint er und nippt an seinem extra starken Kaffee, um den letzten Restalkohol zu beseitigen. "Eigentlich hatte ich heute Morgen überhaupt keine Lust aufzustehen, aber ich bin ja auch zum Ski fahren hier", sagt er und versucht damit zumindest einen Rest von Disziplin zu wahren. Kurz darauf wird auch er sich auf den Weg nach oben machen, spät zwar, aber gegen 11.30 Uhr hat er den Bergaufstieg geschafft.

Falko hat um diese Zeit schon zwei Stunden besten Pulverschnees hinter sich. Es hat in der Nacht geschneit, die Schneekanonen und fleißige Helfer haben den Rest erledigt, um die Piste perfekt zu präparieren. "Morgens macht es sowieso am meisten Spaß, denn gegen Nachmittag verwandeln sich die Abhänge meist in Eisbahnen", sagt Falko, der sich verschwitzt von seiner siebten Abfahrt die erste Pause gönnt. Besonders die Strecke von der Greitspitz zur Idalp hat’s ihm angetan, aber auch hinunter auf die Schweizer Seite, zur Alp Trida, sei "einfach spitze". Kein Wunder, denn 40 Lift- und Seilbahnanlagen und 200 Kilometer Piste sorgen dafür, dass in Ischgl Skifahrer und Snowboarder voll auf ihre Kosten kommen.

Inzwischen hat auch Jens sich sein Snowboard untergeschnallt, gemächlich geht's vom Pardatschgrat in Richtung Idalp. Für Stimmung auch in über 2000 Metern Höhe sorgen die insgesamt 13 Hütten mit in der Silvretta-Arena. Die größte mit zwei Restaurants und einer Aprés-Skibar ist die auf der Idalp. Während die Pisten sich immer mehr füllen, warten Jens’ Freunde bereits mit Jagertee auf ihn. Gesungen und gegrölt wird zwar noch nicht, aber die Laune ist gut.

Ganz ohne Alkohol kommt an diesem Mittag auch Falko nicht aus, zum Wiener Schnitzel auf der Sonnenterrasse auf der Idalp gönnt er sich ein Weizenbier. Gespannt sei er, auf seinen ersten wirklichen Ischgl-Abend und ob der Ort wirklich seinem Namen als Ibiza der Alpen alle Ehre machen wird. Eigentlich sei er ja wirklich zum Ski fahren gekommen, aber Ibiza fand er vor drei Jahren, als er dort war, schon auch lustig.

Während Jens und seine Kumpels zum ersten Mal die Seilbahn in Richtung Palinkopf nehmen, bereitet sich Falko schon auf die Talabfahrt vor. Von der Idalp geht’s bis zur Mittelstation und von dort direkt weiter bis ins Dorf. Dem 28-Jährigen tun nach sechs Stunden Ski-Vergnügen mittlerweile die Beine weh. "Hat doch nochmal ganz schön Kraft gekostet, die Talabfahrt", sagt er, nachdem er nach in knapp 30 Minuten 900 Höhenmeter bergab gefahren ist. Das Hotel "Elisabeth" liegt zum Glück direkt an der Pardatschgratbahn. Falko schnallt sich die Skier ab und begibt sich schnurstracks in die Sauna.

Entspannung ist auch bei Jens angesagt. Nach der Pisten-Jause führt sein Weg ihn auch ins Elisabeth. "Schon anstrengend, so ein Tag auf dem Board", bestätigt auch Jens, obwohl er sehr viel weniger Abfahrten hinter sich gebracht hat als Falko. Seine Energien setzt er jetzt frei. Auch im Elisabeth, allerdings in der Eisbar. Dort ist wie jeden Tag ab 15 Uhr, Aprés Ski angesagt. Zu den Klängen von DJ Ötzi wird mitgekrölt, das Bier fließt Durst stillend die Kehlen hinunter. Jens ist in seinem Element. Noch in seine Snowboard-Hose verpackt und mit Snowboard-Stiefeln geht’s nach zwei Stunden einmal quer durchs Dorf zum „Kuhstall“. Dort steppt um 18 Uhr richtig der Bär. Ausgelassene Mädels haben ihren Ski-Overall bereits bis zum Bauchnabel aufgeknöpft, die Jungs sind hemmungslos am Baggern.

Und während halb Ischgl schon bierselig durchs Dorf taumelt, macht sich Falko nach einem verdienten Schläfchen am späten Abend auch auf die Pirsch. Im Madlein pumpt Techno-Beat durch die Gänge, der Laden ist voll. Halbnackte Tänzerinnen heizen dem Publikum kräftig ein. Unter der Meute befindet sich auch Jens, der sich über den "Männerüberschuss", wie er sagt, beschwert. Sein Kumpel Frank ist derweil schon kräftig am Baggern, tanzt eng umschlungen mit einer 25-Jährigen Bayerin. "Hoffentlich blockiert der nicht wieder die ganze Nacht das Hotelzimmer", beschwört Jens. Um kurz nach Mitternacht ist die Stimmung auf dem Siedepunkt. Das Bier fließt in Strömen die Kehlen herunter. Und während Falko sich schon auf den Weg ins Hotel macht, ist die Nacht für die anderen Jungs noch lange nicht beendet. Wer noch keinen Anhang gefunden hat, zieht weiter ins Royal, der neuen Großraumdisco mitten in einem kleinen Dorfnest in Tirol.

Falko steht am anderen Morgen eine Stunde früher auf als am Tag zuvor. Er hat die Piste fast für sich alleine. "So habe ich mir den Urlaub vorgestellt", sagt er strahlend. Jens hingegen liegt um kurz nach 11 Uhr noch immer verkatert im Bett. Bis zum frühen Morgengrauen hat er die Puppen tanzen lassen. Aber genau so hatte er sich den Urlaub in Ischgl eben vorgestellt.


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