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Pakistan: Sechs Paddel gegen den Unbezwingbaren

Die Rondu-Schlucht im Norden Pakistans ist eine der letzten Großschluchten, die noch nie von einem Kajak durchquert wurden. Ein Team von sechs Extrempaddlern hat es jetzt erneut versucht.

Von Manuel Arnu

Als Bernhard die gewaltige Wasserwand vor sich sieht, ist es zu spät. Er wollte einen Durchschlupf zwischen den Wassermassen erwischen, hatte aber die reißende Strömung des Indus falsch eingeschätzt. Einen Wimpernschlag später findet er sich in einem pulsierenden Inferno aus Gischt und Gletscherwasser wieder. Der Löwenfluss hatte seine Krallen ausgefahren und den Paddler nicht mehr losgelassen. Wie in einer Waschmaschine wird das Kajak in der Wasserwalze durchgebeutelt, bis Bernhard sich entscheidet, es per Notausstieg zu verlassen. In den Fluten des Indus ein tödliches Risiko! Sofort zieht es den Extremsportler in die Tiefe, und es wird dunkel um ihn. Erst nach langer Zeit erkennt er in atemloser Stille in der Ferne ein Licht. Die Wasseroberfläche, das Sonnenlicht, das Leben …

Mehr als 500 Kubikmeter Schmelzwasserfluten donnern schätzungsweise über die steilen Katarakte der Rondu- Schlucht. Nicht weniger als das Gewicht von 13 vollbeladenen Sattelschleppern. Sekunde für Sekunde. "Die Wassermassen sind gewaltig, man fühlt sich wie ein Streichholz in der Klospülung", berichtet Olaf Obsommer, 37, von der Schlucht des Indus im Norden Pakistans, einer der längsten und tiefsten Schluchten der Erde. Noch nie konnte sie mit einem Kajak durchgehend befahren werden. Sie ist der Grund, weshalb es den Dokumentarfilmer aus dem bayerischen Nußdorf, den 28-jährigen Bernhard Mauracher aus dem Zillertal und vier weitere Extrempaddler aus Deutschland und Österreich in diesen entlegenen Winkel der Erde verschlug. "Der Indus ist eine der letzen Herausforderungen im alpinen Wildwassersport." Noch fließt er in einer einzigartigen Kulisse. Dafür nimmt man schon mal einen zwölfstündigen Flug und 750 beschwerliche Kilometer auf steinigen Wegen in Kauf.

Das Inferno aus Wasser und Fels liegt im Fadenkreuz von Himalaya, Karakorum, Pamir und Hindukusch, sie zählen zu den vier höchsten Gebirgen der Welt. Nirgendwo gibt es eine größere Konzentration extrem hoher Gipfel. Pakistan beherbergt fünf Achttausender, zahlreiche Gipfel messen über 7000 Meter. Längere Gletscher als in Pakistan gibt es nur in den Polarregionen. Kurz: geografische Verhältnisse, von denen Wildwasserfreaks träumen.

Solche Stromschnellen findet man in Europa nicht

Das mit allen Wassern der Erde gewaschene Expeditionsteam hat bereits Erstbefahrungen wildester Flüsse in Papua- Neuguinea, Chile, Skandinavien, Indien, Afrika hinter sich, hier jedoch wartet die schwerste Prüfung auf sie. Trotz penibler Trainingspläne und Wuchtwassertrainings auf Alpenflüssen ist Viktor Klaus, ein 39-jähriger Ingenieur aus Reutlingen, bereits am ersten Tag mulmig zumute: "Wir haben die Wassermassen unterschätzt, solche Stromschnellen findet man in Europa nicht." Die erste Etappe sollte eigentlich zum Akklimatisieren dienen, aber schon die ersten, vermeintlich leichten Stromschnellen waren gewaltig. Wie würden erst die berüchtigten Rapids sein?

Die Einheimischen bezeichnen den Indus als Löwenfluss, weil seine Quelle in Tibet einem Löwenmaul entspringen soll. Und weil er extrem gefährlich ist. Wenn der Wasserstand im Sommer ansteigt, reißt seine Urgewalt regelmäßig Menschen in den Tod. Die 14 Turbinen des 40 Kilometer langen Tarbela-Stausees nahe der Hauptstadt Islamabad produzieren mehr als ein Viertel des gesamten Strombedarfs des Landes aus Wasserkraft.

Wer sich Gedanken über den Tod macht, ist schon verloren

Die nächsten Tage bescheren den Paddlern schwerste Bedingungen. Wasser explodiert zwischen Felsriesen, das Gefälle ist enorm, und die fahrbaren Linien sind kaum zu erahnen. Die Sonne brennt in der Schlucht unerbittlich, jeden Tag ein bisschen mehr. Sie zehrt an Kraft und Konzentration. Gleichzeitig legt der Indus täglich an Gewalt zu. Es ist ein Wettlauf mit der Zeit. Noch ist der Tiger im Winterschlaf, aber wehe, wenn er im Sommer erwacht. Dann stürzt ein unvorstellbarer Mahlstrom durch die Schlucht und reißt alles fort, was sich ihm in den Weg stellt. Die einzige Möglichkeit, die Rondu-Schlucht zu knacken, ist ein kurzes Zeitfenster zwischen Winter und Schneeschmelze. Und die ist inzwischen voll im Gange. Die Paddler kämpfen mit Atemlosigkeit in den langen Stromschnellen. Ist es die Höhe oder die Angst, die die Luft aus den Lungen presst? Körperliche Fitness ist eine entscheidende Voraussetzung für extremes Wildwasser, aber psychische Stärke ist mindestens genauso wichtig, um der Gewalt des Flusses mental gewachsen zu sein. Jeden Augenblick lauern Gefahren, die bei falscher Entscheidung tödliche Folgen haben können. Die Devise lautet deswegen: Ängste ausblenden, auf eigene Stärken fokussieren. Wer sich Gedanken über den Tod macht, ist schon verloren.

Große Felstrümmer versperren die Sicht, dazwischen weißes, wild schäumendes Wasser. Ein Fluss an der Grenze zur Befahrbarkeit. Wenn jetzt ein Paddel bricht, ist das ungefähr so, als würde bei Tempo 200 auf der Autobahn die Lenkung brechen.

Die Anwesenheit der kleinen, bunten Bootfahrer spricht sich im Tal in Windeseile herum, jeden Tag säumen mehr sensationslustige Zuschauer die Ufer. Frauen, die im Indus Wäsche waschen, begleiten die Paddler mit schrillen Schreien. Kleine, schmutzige Kinder aus trostlosen Goldwäscherlagern rennen über Sandbänke mit den Kajaks um die Wette. In Rondu salutieren mehr als 100 Schüler in Uniform vor ihrer Schule und winken den vorbeiziehenden Paddlern zu. Von Fanatismus und Gewaltbereitschaft keine Spur. "Bevor ich ankam, war ich skeptisch", gesteht Teammitglied Peter Fink, 34, Ingenieur aus dem österreichischen Wängle. "Aber nach wenigen Tagen habe ich gesehen, dass die Realität mit dem, was man in den Medien über Pakistan hört, nichts gemein hat. Ich habe selten so hilfsbereite und freundliche Menschen wie die Pakistaner erlebt."

"Wer kämpft, ist näher bei Gott"

Nach jeder Etappe müssen die Kajaks aus der Schlucht geschleppt werden, eine mühsame Prozedur am Ende eines kräftezehrenden Tages, aber die Gefahr, die Kajaks durch das stetig steigende Wasser zu verlieren, ist zu groß. Die Abende sind ein willkommener Kontrast zur harten Arbeit auf dem Wasser. Im Gegensatz zu Bergsteigern, die ihre Zelte in eisiger Höhe aufstellen müssen, können Paddler auf grünen Wiesen am Schluchtrand Erholung vom Tage suchen und die nasse Ausrüstung vom heißen Wind der Rondu-Schlucht trockenföhnen lassen. Baschir, der Expeditionskoch, hat tagsüber ein mehrgängiges Menü vorbreitet, das er vor Sonnenuntergang im Gemeinschaftszelt serviert: Gemüsesuppe, geschmortes Lamm, Fladenbrot, Curry, Gemüsereis und Desserts.

Am Abend bittet Muhammad Khan, Polizeipräsident des Bezirks Rondu, die erstaunte Truppe zur Audienz. "Haben die Kajakfahrer eigentlich einen Notfallplan?", fragt er Chalil Schah, den pakistanischen Expeditionsbegleiter. Ebenso stolz, die mutigen Kajakfahrer kennengelernt zu haben, ist Khan heilfroh, wenn die "verrückten Touristen" seinen Bezirk verlassen und ohne Zwischenfall wieder Ruhe einkehrt. "Inschallah!", entgegnet Chalil. "So Gott will, wird nichts passieren." Dass die Paddler auf dem Indus an ihre Grenzen gehen müssen, vernimmt der Polizeipräsident mit Genugtuung. "Das ist gut", sagt er, "denn wer kämpft, ist näher bei Gott."

Am fünften Paddeltag erreicht das Team den unfahrbaren Wasserfall von Astak. Bis dorthin sind in den 90er Jahren zwei internationale Kajakteams vorgedrungen, mussten ihre Expeditionen jedoch abbrechen, weil im furiosen Finale der Schlucht die Wildwasserschwierigkeiten ihren Höhepunkt erreichen. Bernhard Mauracher treibt seine Teamkollegen an, er will die Schlucht unbedingt als Erster bezwingen, aber die Zeit zerrinnt wie mürbes Gletschereis in der Sonne. In der Eile begeht er einen Fehler: Er nimmt sich zu wenig Zeit, um die Fahrtroute durch eine flussbreite Wasserwalze zu studieren - und wird vom Wasserdruck mehrere Meter versetzt. Sofort verschlingen ihn die Wassermassen und geben ihn nicht mehr frei. Erst nach endlosen Sekunden taucht er kurz vor der Bewusstlosigkeit an der Oberfläche auf und kann sich ans Ufer retten. "Verdammt viel Glück", murmelt er am Abend.

Die Kajakfahrer kämpfen weiter. Kilometer um Kilometer. Keiner will aufgeben. Doch die Stromschnellen werden brutaler und zwingen zu kraftraubenden Portagen. Als Peter Fink kurz vor einer unfahrbaren Stromschnelle die Kontrolle über sein Kajak verliert und ebenfalls schwimmen muss, bricht die Motivation der Truppe vollends ein. "Wir wollen unser Glück nicht überstrapazieren", sagt Peter. Die Männer beschließen, die Schlucht an der nächstmöglichen Stelle zu verlassen.

Am Ende kamen die Paddler weiter als alle Expeditionen zuvor, auch wenn die letzten 30 Kilometer der Rondu-Schlucht unbezwungen bleiben. Der Löwe wurde besänftigt, aber nicht gezähmt.

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