Schärenmeer Wo schon der Zar so gerne war


Hier kommt die kleine Kreuzfahrt für zwischendurch: Im Schärenmeer vor der finnischen Küste, wo einst die russischen Herrscher auf kaiserlichen Yachten den Sommer zelebrierten, tuckert heute ein kleiner Dampfer durch die Inselwelt und macht die Passagiere glücklich.
Von Wolf Thieme

Eine Kreuzfahrt auf einem britischen Kriegsschiff wollte ich schon immer machen. "HMS Kilchernan", ein Geschütz vorn, Wasserbombenwerfer und Schnellfeuerkanonen über die Decks verteilt, das hat ja was. Als Schrecken der Meere tat sie im Zweiten Weltkrieg ihren Dienst, U-Boot-Jäger (gegen uns) vor Gibraltar und Westafrika. Was da im Hafen von Helsinki behäbig am Kai liegt, hat wenig von einem Seeadler. Eher etwas von einem Suppenhuhn. Bewaffnung wie Tarnanstrich getilgt und der Name aus dem Schiffsregister der Royal Navy gestrichen.

"Kristina Brahe" heißt sie jetzt, und neben den gewaltigen Pötten nach Estland und Schweden wirkt sie ziemlich klein. Wahrscheinlich könnte sie im Swimmingpool der "Queen Mary" ihre Runden drehen. Vom Geleitboot zum finnischen Kreuzfahrtschiffchen, dazwischen Fähre in Norwegen. Ein langes Leben: 64 Jahre hat Frau Brahe jetzt auf dem Buckel. Der tosende Atlantik ist weit weg, die "Kristina Brahe" nur noch für Finnlands Küstengewässer lizenziert. Sie schippert zwischen den Schäreninseln, ein Grubenpferd der Seefahrtgeschichte, doch eins mit Charme.

Hinaus ins Schärenmeer

Das "Bitte an Bord kommen zu dürfen" habe ich mir verkniffen. Schließlich stehen keine strammen Sailors mehr an der Reling, sondern der gemütliche Kapitän Jonataan Ahlroos und sein Chief Officer Timo Oikarinen, Finnen wie fast die gesamte Crew von 16 Köpfen. An einem hellen Sonntagmorgen legen wir ab. Hinaus ins Schärenmeer, der "Zarenroute" folgend. Russlands Herrscher kamen, da Finnland einst zu ihrem Imperium gehörte, gern in die nordische Sommerfrische und streiften auf den kaiserlichen Yachten die Inselkette entlang, bis Niklaus II., der letzte Zar, den Thron verlor und durch Ermordung ausfiel.

Auf der "Kristina Brahe" gibt es kein höfisches Zeremoniell, kein modisches Styling und keine mit Klunkern behängten Passagiere, es gibt nicht mal einen Captain’s Table. Käpt’n Ahlroos steht lieber auf der Brücke und freut sich, wenn seine Gäste zu ihm kommen und schwimmende Elchfamilien beobachten. Eine Reise mit Frau Brahe soll an die "guten alten Zeiten" erinnern, womit natürlich nicht die snobby Hofgesellschaft der Zarenzeit oder der Zweite Weltkrieg gemeint sind, sondern die 30er oder 60er Jahre, als man Kreuzfahrten noch altmodisch als Entspannung genoss und von Animateuren und Bordprogrammen nach dem Immer-etwas-los-Prinzip verschont blieb.

Holzgetäfelt wie in der guten alten Zeit

Ein Salon mit Bar, das Restaurant, alles holzgetäfelt wie in der wirklich guten alten Zeit, ein kleiner Shop mit Ansichtskarten, aber ohne Zeitungen. Kein Radio, sondern Swing im Bordlautsprecher. Bullaugen statt Kabinenbalkons. Die Passagiere unterhalten sich, während draußen ein Panorama vorbeigezogen wird, das schöner ist als ARD und RTL. Inseln und Inselchen, Klippen und Riffs. Eine Reise für Globetrotter, die "alles schon gesehen haben, keine Schnösel mögen und unterwegs nicht belästigt werden wollen wie in den arabischen Ländern", sagt die englische Passagierin Maggie Shield.

Durch den Wirrwarr des Schärenmeers, auf der Schiffskarte ein erschreckender Anblick mit vielen Messdaten, steuert Ahlroos mit ruhiger Hand und meist per Autopilot. Das große Steuerrad ist für immer festgezurrt und wie das Kupfergehäuse des Kompasses mit dem Aufdruck "U.S. Navy" eine Reminiszenz an das Baujahr 1943, als die "Kristina Brahe", damals noch "Patrol Craft Escort 830", in Chicago vom Stapel lief und an die englische Marine verliehen wurde. Ahlroos, die Hand an einer Art Joystick, ist mit Radar und Satellitennavigation bestens gerüstet, aber mehr als alle Technik hilft ein gutes Auge und das Bauchgefühl, ob der Hobbysegler auf Gegenkurs das Schiff wirklich gesehen hat und nicht plötzlich vor den Bug läuft. Von Full Speed bis Stillstand braucht die "Kristina Brahe" 400 Meter.

Resolute Spanierinnen mit Landkarte

"Wie hat man früher navigiert, als es noch keine Technik gab?", frage ich. "Kein Problem", sagt der Käpt'n, "wenn man nicht mehr weiterwusste, hielt man einfach an." Wir sind nur eine Hand voll Ausländer unter Finnen - neun Engländer, zwei Deutsche und vier resolute Spanierinnen aus Barcelona, die erst mal auf der Landkarte suchen mussten, wo sie überhaupt hinfahren, und lernten, dass es in Finnland weder Fjorde wie in Norwegen noch Eisberge gibt und man im Hochsommer keine dicken Socken trägt. Etwas verloren stehen sie auf der Insel Jussarö, unserem ersten Aufenthalt, zwischen den Überresten einer stillgelegten Eisenerzmine von 1860 und Militärbaracken mit Kugellöchern. Das hier soll attraktiv sein?

Nur für Finnen. Jussarö war bis 2005 militärisches Sperrgebiet. Erst jetzt können Zivilisten das Manövergebiet betreten und lauschen nun den Anekdoten des finnischen Touriführers Jan Peter. Der hält lange, sehr, sehr lange Vorträge in der Landessprache, erzeugt Gelächter bei den Einheimischen, während die Ausländer mit ein paar Zahlen abgespeist werden. Dass die Soldaten in der Bar "Texas" nur Milch serviert bekamen und der Inselkommandant sich das Nummernschild des einzigen Autos selbst bastelte, hätte auch die ausländischen Passagiere amüsiert. Doch Führer Jan Peter schämt sich wohl seines spärlichen Englischs und ist damit nicht der Einzige. Auch später, auf der Insel Kökar, stellt uns der Lehrer, der zu einer alten Robbenfängersiedlung geführt hat, nach dem Vortrag auf Finnisch ins Abseits. Die Reederei hat Mühe, auf den dünn besiedelten Inseln überhaupt einen Guide zu finden. Für diese Saison ist Abhilfe versprochen. Immerhin hat uns Jan Peter auf Jussarö gezeigt, wie das Eisenerz der Insel jeden Kompass irritiert: Die Nadel dreht sich um 180 Grad.

Die Bilder ähneln sich

Es ist nicht so, dass man alle Schäreninseln kennt, wenn man eine gesehen hat. Aber die Bilder ähneln sich. Ein grüner Buckel. Eine rostbraun oder blau gestrichene Hütte. Am Ufer ein Bootshaus. Das ist kein Bootshaus, werde ich belehrt, sondern eine Sauna, am Schornstein erkennbar. Ein Häuschen auf einer Schäreninsel, weit und breit kein Nachbar und aus der Sauna direkt in die kalte Ostsee, das ist des Finnen Traum. Fünf Millionen Finnen, zwei Millionen Saunas. Was wir für Duschkabinen gehalten haben, sagt Ahlroos, sind Seezeichen.

Abends laufen wir das Städtchen Tammisaari an, Finnlands südlichsten Festlandspunkt. Vier von fünf Einwohnern sprechen Schwedisch, hören können wir es nicht, weil zwischen den schönen Holzbauten kein Mensch zu sehen ist. Die "Kristina Brahe" bleibt über Nacht am Kai, ich sehe ein paar Lichter funkeln, die Passagiere ziehen sich nach dem reichhaltigen Büfett in ihre Kabinen zurück oder lauschen im Salon dem musikalischen Alleinunterhalter.

Finnland lebt, wenigstens hier

Ich gehe hinaus in die Nacht und stoße in den leeren Straßen auf die Szenekneipe "Santa Fé", proppenvoll, laute Musik, viel Bier, viel Dart, na also. Finnland lebt, wenigstens hier. Denn auf der Insel Jurmo, 7 Kilometer mal 1,5 Kilometer, unserer nächsten Station im Nationalpark Schärenmeer, wohnen nur noch sechs Menschen. Vor 100 Jahren waren es 40. Strom gibt es seit zehn Jahren. "Wenn du hier leben willst, musst du viel Selbstvertrauen haben", sagt ein finnischer Passagier. Es ist die Stille, die den Großstädter erschlägt - oder besser erschlagen würde, wenn die Spanierinnen und ihr Redestrom nicht wären.

Auf Utö, Finnlands südlichster bewohnter Insel mit immerhin 60 Einwohnern, empfängt uns eine raue Landschaft. Weiter als hier ist man nirgendwo vom Festland weg. 30 Seemeilen südlich sank 1994 die Fähre "Estonia", Hubschrauber brachten Überlebende und Tote. Das Unglücksschiff liegt noch heute dort, in 50 Meter Tiefe, und es ist nicht das einzige. Von Katastrophen in den Gewässern ringsum kann die rührige Führerin viel erzählen, noch eindringlicher ist das von ihr eingerichtete kleine Museum, sogar Ausrüstungsstücke der kaiserlichen deutschen Marine sind angeschwemmt worden.

Mut antrinken fürs Singen

Kökar, eine der Åland-Inseln, ist schon wieder Zivilisation. Post, Kindergärten, Hotels und ein köstliches Schärenbrot aus Roggenmehl, mit Sirup versetzt, das eine geschäftstüchtige Insulanerin für fünf Euro am Kai verkauft. Auf Nauvo, der letzten Station, gibt es sogar Souvenirshops. Auf dieser Insel soll der finnische Sommer mit 180 Sonnentagen am längsten sein, sagt unser Guide im strömenden Regen. Deshalb flüchten wir früher als geplant zurück auf die nun schon vertraute Frau Brahe und kosten vom Koskenkorva, dem finnischen Wodka, der uns Mut macht, Lieder in der Landessprache zu singen. Der Alleinunterhalter verteilt Texte und gibt die Melodie vor, dann folgt die Ballade vom Seeräuber Rospe (1 Wodka), danach der "Polnische Partisanenwalzer" (1 Wodka), "Moskauer Lichter" (1 Wodka) und zum Schluss, schon etwas atonal, "Those were the days" - "Oi niitä aikoja", besser kriegt das auch kein Finne hin. Beeilung, bitte. Meeresgrund und Schäreninseln heben sich, von der Last der Gletscher befreit, jährlich um drei Millimeter. In 1000 Jahren wird die Reise mit der "Kristina Brahe" nicht mehr möglich sein.

print

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker