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Unglücksjet 737 Max: Boeing-Chef über Unglücksflieger: "Wir haben einige Dinge falsch gemacht

Dennis Muilenburg zeigt sich reumütig und hat gegenüber dem US-Kongress das Fehlverhalten seines Unternehmens eingeräumt. Doch ein US-Senator bezeichnet die Jets vom Typ Boeing 737 Max als "fliegende Särge".

Muss zwei Tage Rede und Antwort stehen: Boeing-Chef Dennis Muilenburg beim Hearing vor den Abgeordneten des Handelsausschusses im US-Senat

Muss zwei Tage Rede und Antwort stehen: Boeing-Chef Dennis Muilenburg beim Hearing vor den Abgeordneten des Handelsausschusses im US-Senat

AFP

Das Hearing vor dem Kongress in Washington D.C. begann mit einem Paukenschlag: "Wir wissen, dass wir Fehler und einige Dinge falsch gemacht haben", sagte Dennis Muilenberg, der Chief Executive Officer von Boeing. Sein Schuldeingeständnis am Dienstag erfolgte genau ein Jahr nach dem ersten Absturz einer Boeing 737 Max 8: Am 29. Oktober 2018 war kurz nach dem Start in Jakarta eine Maschine der Lion Air ins Meer gestürzt. Alle 189 Menschen an Bord kamen ums Leben.

Nur wenige Monate später zerschellte eine zweite Boeing 737 Max 8 nach dem Start in Äthiopien. Keine der 157 Menschen überlebte. Nach den beiden Unglücken wurde ein weltweites Start- und Auslieferungsverbot verhängt, dass den US-Flugzeugbauer in eine schwere Krise gestürzt hat. Als Hauptursache gilt bislang eine fehlerhafte Steuerungssoftware von Boeing. Jetzt musste sich der Konzernchef den bohrenden Fragen der Abgeordneten des Handelsausschusses im US-Senat stellen.

US-Senator nennt die Boeing Max "fliegenden Särge"

"Boeing kam kurz nach den Abstürzen in mein Büro und sagte, sie seien das Ergebnis von Pilotenfehlern", schimpfte Senator Richard Blumenthal am ersten Tag der bis zum 30.Oktober angesetzten Hearings. "Diese Piloten hatten nie eine Chance." Er wirft dem Konzern "ein Muster vorsätzlicher Verschleierung" vor. "Sie haben uns belogen", sagt er Muilenberg ins Gesicht und bezeichnete die Boeing Max als "fliegende Särge."

Laut der "Seattle Times" gestand der Boeing-Chef ein, dass eine Warnleuchte, die einen Fehler in einem Anstellwinkel-Sensor hätte anzeigen sollen, aufgrund eines Software-Fehlers nicht funktionierte. Dieser Fehler war Boeing mehr als ein Jahr vor dem ersten Lion-Air-Absturz bekannt, wurde jedoch nicht schwerwiegend eingestuft.

Wie bei Anhörungen auf dem Capitol Hill üblich, blieb auch Muilenberg bei vielen Antworten ungenau und versuchte cool zu bleiben. Das blieb er auch als Familienangehörige von Absturzopfern, die ebenfalls im Raum waren, aufgefordert wurden, aufzustehen und große Fotos ihrer Angehörigen hochzuhalten.

Auf den Tag genau ein Jahr nach dem ersten Absturz einer Boeing 737 Max 8: Angehörige von Absturzopfern beim Hearing in Washington D.C.

Auf den Tag genau ein Jahr nach dem ersten Absturz einer Boeing 737 Max 8: Angehörige von Absturzopfern beim Hearing in Washington D.C.

Getty Images

Die Hinterbliebenen haben noch die zynischen Worte Muilenbergs im Ohr, als nach dem Absturz der Boeing von Ethiopian Airlines von ihm kein Wort des Mitgefühls und Beileids über die Lippen kam. Lediglich sprach er davon "ein bereits sicheres Flugzeug noch sicherer zu machen.“

Aus dem Kommunikationsdesaster im März scheint Boeing inzwischen gelernt zu haben. Jetzt gab Muilenberg sich in Washington kleinlaut: "Wenn wir damals alles gewusst hätten, was wir heute wissen, hätten wir eine andere Entscheidung getroffen", sagte der 55-jährige Manager vor den Senatoren.

Bitter für Boeing

Ein Ende des Startverbots ist weiterhin nicht in Sicht. Aufgrund der angekündigten Schadensersatzprozesse und Regressforderungen von Airlines hat Boeing Rückstellungen in Höhe von 5,6 Milliarden US-Dollar gebildet. Die Produktion der Boeing 737 Max wurde von 52 auf 40 Maschine pro Monat runtergefahren. Mehr als 300 neue Jets stehen unverkauft auf diversen Flughäfen und Parkplätzen herum. Der Quartalsumsatz von Boeing brach von 14 auf 4,7 Milliarden US-Dollar ein.

Nicht nur mit der 737 Max hat Boeing zu kämpfen. Der Zeitplan des Erstflugs, der Flugerprobung und Zulassung der neuen Boeing 777-9 verzögert sich durch Treibwerks- und Türenprobleme um ein Jahr. Eigentlich sollten Lufthansa und Emirates bald die ersten Exemplare erhalten.

Produziert und nicht ausgeliefert: Fabrikneue Boeing 737 Max auf Grant County International Airport in Moses Lake im Bundesstaat Washington.

Produziert und nicht ausgeliefert: Fabrikneue Boeing 737 Max auf Grant County International Airport in Moses Lake im Bundesstaat Washington.

Bei der Produktion des Dreamliners, der Boeing 787, im Werk South Carolina gibt es Qualitätsmängel, ebenso bei den Tankflugzeugen für die Air Force: Die US-Luftwaffe hat vorübergehend die Abnahme der KC-46A auf der Basis der Boeing 767 verweigert, weil sich die Qualitätsprobleme häuften. So wurden Werkzeuge und Abfall in Hohlräumen fabrikneuer Maschinen gefunden.

Am Mittwoch wird das Hearing in Washington fortgesetzt. Der bekannte Verbraucheranwalt Ralph Nader, dessen Großnichte Samya Rose Stumo bei dem Absturz einer 737 Max in Äthiopien ums Leben kam, glaubt, dass die Befragung Muilenburgs kaum etwas bringen wird. "Sie werden ihn prügeln, aber es ist alles Kabuki-Theater", so Nader. "Die Fragen sind hartnäckig. Aber bald werden die Flugzeuge wieder abheben.“

Anders sieht es Senator Jon Tester aus Montana. Er sagte am Dienstag: "Ich würde lieber zu Fuß gehen, bevor ich in eine 737 Max steigen würde."

Quelle: "Seattle Times"

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