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Boeings Dreamliner in Berlin: Pannen, Versprecher und Currywurst

Boeings neuer Langstreckenjet hat einen deutschen Airport angeflogen. Bei der Premiere in Tegel sorgte ein Freud'scher Versprecher für Verwirrung.

Von Till Bartels

Der Dreamliner ist für Fluggesellschaften, die Boeings neuestes Flugzeug bestellt haben, ein Albtraum. Bereits 41 Exemplare haben die Werkshallen bei Seattle im US-Bundesstaat Washington verlassen. Doch bisher hat keine Airline eine Maschine erhalten, noch nie durfte ein Passagier mit dem modernsten Jet der Welt fliegen.

Grund für die Verzögerung: Dem Dreamliner fehlt bis heute die Zulassung der Behörden. Boeings Prestigeobjekt liegt mehr als drei Jahre hinter dem Zeitplan zurück. Erstkunde All Nippon Airways sollte die erste Maschine ursprünglich 2008 erhalten. In Deutschland hat Air Berlin 18 Stück bestellt. Um die Gemüter zu beruhigen, schickte Boeing ein Exemplar nach Berlin. Nach der Luftfahrtmesse in Le Bourget landete das Flugzeug am Samstagmorgen in Berlin-Tegel. Air Berlin bereitete der Boeing 787, so die offizielle Bezeichnung, einen feierlichen Empfang - mit Selters, Currywurst und Reden.

Von außen wirkt der Dreamliner, der für lange Strecken bis zu 15.200 Kilometern mit maximal 250 Passagieren konzipiert ist, sehr kompakt. Die tiefsitzende Nase verleiht dem Rumpf eine elegante Linienführung. Auch unterstreichen die geschwungenen Tragflächen mit den leicht nach oben gebogenen Flügelspitzen der Neuentwicklung einen dynamischen Charakter. Die Anordnung Cockpitscheiben erinnert an die Caravelle, ein französisches Flugzeug aus den 50er-Jahren.

Geduldsprobe für die Airlines

Berlins Flughafenchef Rainer Schwarz begrüßte in seiner Ansprache vor den 130 Gästen auch den "Vizepräsidenten von Airbus". Der Simultanübersetzerin stockte der Atem, war doch bei dieser Boeing-Veranstaltung kein Manager der Konkurrenz aus Toulouse geladen. Stattdessen war Scott Fancher, der General Manager des 787-Programms, eigens aus Seattle angereist. Dieser lobte sein neues Luftfahrzeug, das angeblich 20 Prozent weniger Kerosin verbraucht als vergleichbare Flugzeuge. Joachim Hunold von Air Berlin überspielte die Freud'sche Fehlleistung des Gastgebers geschickt und freute sich, wenigstens nicht mit der Lufthansa verwechselt zu werden. Er schien auch ein Stück erleichtert zu sein: "Heute sehen wir das Flugzeug, was wir 2007 bestellt haben."

Denn für Air Berlin ist jetzt erst Halbzeit beim langen Warten auf den neuen Flieger. Der Erstflug der Boeing 787 fand mit 27 Monaten Verspätung im Dezember 2009 statt. Später soll das Reisen mit diesem neuen Flugzeugtyp für den Passagier angenehmer werden: Der Dreamliner bietet größere Fenster und ein neues LED-Kabinenbeleuchtungssystem der deutschen Firma Diehl Aerospace. Der Luftdruck in der Kabine entspricht nur einer Höhe von 1800 Metern, im Gegensatz zu herkömmlichen Maschinen von 2400 Metern. Auch soll die Luftfeuchtigkeit um 15 Prozent höher sein.

Testflieger ohne Sitzbänke

Im Inneren der in Tegel gelandeten Maschine war von den Innovationen noch nichts zu sehen, denn das Flugzeug ist ohne Sitzbänke, sondern nur mit Kästen, Balancetanks und Messinstrumenten ausgestattet, um mehr über die Flugeigenschaften zu erfahren. Nach Angaben eines Boeing-Mitarbeiters sind inzwischen 95 Prozent der Erprobungsflüge abgeschlossen. Im September dieses Jahres soll All Nippon Airways endlich die erste Maschine übergeben werden.

Bei der Erprobung des Dreamliners hatte es immer wieder Pannen gegeben. Zuletzt musste ein Testflugzeug am 10. November 2010 in Texas notlanden, weil in einem Elektronikschaltkasten Feuer ausgebrochen war. Als Schwachstelle erwies sich das eigentlich Revolutionäre: Wie bei keinem anderen Flugzeug kommt bei der Boeing 787 kohlenstofffaserverstärkter Kunststoff zum Einsatz. Das macht den Flugzeugrumpf leichter, dennoch mussten Verstärkungen eingebaut werden. Insgesamt leidet der Dreamliner im Vergleich zur Planung an fast sechs Tonnen Übergewicht.

Auch die weltweit verstreute Fertigung von Baugruppen erwies sich als Hindernis. "Wir sind beim Outsourcing zu weit gegangen, sowohl im Herstellungsprozess als auch bei den Ingenieursarbeiten", sagte Boeing-Chef James McNerney. Am Rande der Luftfahrschau in Paris versuchte er die enormen Zeitprobleme bei der Dreamliner-Fertigung positiv darzustellen: "Wir haben sehr viel über Verbundwerkstoffflugzeuge und deren Potenzial gelernt". Air Berlin muss sich derweil noch in Geduld üben. Erst im Frühjahr 2014 soll der erste Dreamliner zur Flotte stoßen.

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