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Südschweden: Überall ist Bullerbü

2007 ist das Astrid-Lindgren-Jahr. Im November wäre die Autorin von "Pippi Langstrumpf" und "Ronja Räubertochter" 100 Jahre alt geworden. Aber wo, bitte schön, findet man ihre verträumten Kinderparadiese? Nicht wundern: in Südschweden eigentlich überall

Von Jan-Philipp Sendker

Guck mal, da ist Bullerbü." "Nein, dort drüben." Unruhig rutschen die Kinder im Auto hin und her. Die Landschaft hier wirkt so vertraut, obgleich wir zum ersten Mal in Schweden sind. Die roten Häuser mit ihren weißen Fenster- und Türrahmen, die Fahnenstange davor, die Kletterbäume im Garten, die Heuschuppen, die Wiesen und Felder kennen Jonathan und Florentine nur zu gut aus den Büchern Astrid Lindgrens und deren Verfilmungen. Wir haben uns nach Småland aufgemacht, um herauszufinden, ob es diese magischen kleinen Höfe wirklich gibt. Weniger den eigentlichen Ort, vielmehr die Art zu leben, wie sie Astrid Lindgren in ihren Büchern beschreibt. Mit Bullerbü verbinden unsere Kinder lange Sommernächte und die Freiheit zu spielen, bis man vor Müdigkeit nicht mehr stehen kann. Bullerbü bedeutet Abenteuer erleben, wilde Beeren im Wald sammeln, in Bächen und Seen baden, auf Bäume klettern, sich im Heu verstecken.

Unser zehnjähriger Jonathan hatte seine Zweifel, ob es das alles noch gibt. Nun macht ihn der Anblick dieser dünn besiedelten Landschaft, der vielen Seen, der Bauernhöfe, die aus seinen alten Bilderbüchern zu stammen scheinen, nachdenklich. Tatsächlich: überall Bullerbü. Schweden macht es Familien mit Kindern auf der Suche nach Abenteuern, nach wilder Natur oder einfach nur nach Ruhe und der Welt von Astrid Lindgren sehr leicht. Für die Florentine, acht, finden wir in der Nähe unseres Ferienhauses schnell Reitmöglichkeiten, wo es mit den Pferden durch den Wald und über Wiesen geht. Man kann Kanu fahren, baden, Bootsausflüge machen und dabei unbewohnte Inseln entdecken oder einfach mal wild zelten. In Schweden gilt das "Allemannsrätt" (Jedermannsrecht), das es jedem erlaubt, auch fremde Grundstücke zu betreten, solange die Privatsphäre der Besitzer respektiert und nichts zerstört wird.

Wir mieten uns ein kleines Aluminiumboot mit Außenbordmotor, um den Östra-Lägern-See und seine Inselwelt zu erforschen. Allerdings wackelt das Schiff zur Freude der Kinder schon beim Einsteigen bedrohlich. Bald geraten wir so ins Schaukeln, dass Mutter und Tochter über Bord fallen. Mit Schuhen, Jeans und Jacke schwimmen sie im Wasser. Jonathan starrt skeptisch in das voll gelaufene Boot. Es dauert, bis wir das Wasser rausgeschaufelt haben und der Rest der Familie zurück ins Boot klettern kann. Nass, erschöpft und genervt nehmen wir Kurs auf den Hafen. Unsere Kinder beruhigen uns mit einem Zitat von Karlsson vom Dach: "Das stört keinen großen Geist." Na denn.

Ein paar Tage später machen wir uns mit einem stabileren Schiff auf zu einer Fahrt ins Land der Abenteuer. Es weht ein leichter Wind, die Wellen klatschen sanft gegen das Boot, der Himmel ist blau und wolkenlos. Das erste Eiland, das wir anlaufen wollen, ist vielleicht 50 Meter lang, mit Bäumen und Büschen bedeckt und hat raue, felsige Ufer. Wir umkreisen es auf der Suche nach einem geeigneten Anlegeplatz, die Kinder hängen am Bug über Bord, halten nach Felsen Ausschau und loten die Wassertiefe aus. "Vorsicht! Ein Stein", schreit Florentine plötzlich. Sofort wird der Rückwärtsgang eingelegt. Von vorn ist lautes Kichern und so etwas wie "reingelegt" zu hören. Der zweite Versuch klappt, Florentine macht einen großen Satz an Land und bindet das Boot an einem Baum fest. Die kleine Insel ist paradiesisch. Mal sind wir Piraten auf einer Schatzinsel, mal Robinson Crusoe, mal Kolumbus, der eine bisher unbekannte Insel entdeckt. Wir finden Knochen eines Tieres. Wie ist es hierher gekommen? Woran starb es? Waren Dinosaurier hier? Die Kinder klettern über die Felsen, untersuchen Moose und Steine, Bäume und Büsche, überall lauern Rätsel und Dinge, die es zu erkunden gilt.

Nach zwei Stunden fahren wir weiter auf eine größere Insel mit einer sandigen Bucht zum Baden. Das Wasser ist so sauber und klar, dass die Kinder schnorcheln können und völlig begeistert von der Unterwasserwelt berichten. "Toll", ruft Jonathan, als er einmal auftaucht, "ich werde hier bleiben und nur noch tauchen." Florentine versucht, mit ihrem Kescher Fische zu fangen. Doch die sind zu flink. Nach zwei Stunden gibt sie entmutigt auf. Kurz darauf lernen wir die schwedische Gastfreundschaft kennen. Wir haben in einem kleinen Hafen angelegt, in der Hoffnung, dort Eis und etwas zu essen kaufen zu können. Pech. Der einzige Lebensmittelladen hat vor einem Jahr dicht- gemacht, erklärt uns eine freundliche Dame, die mit Gästen in ihrem Garten Kaffee trinkt. Eis gibt es nur noch in einer zwei Kilometer entfernten Jugendherberge. Die Frau sieht die enttäuschten Gesichter der Kinder, steht auf, holt ihr Auto und fährt uns zur Herberge und wieder zurück. Florentine ist begeistert: "Sind die Schweden immer so nett zu Fremden?" Nicht immer. Aber oft.

Auf der Suche nach den Schauplätzen der Astrid-Lindgren-Bücher und -Filme erleben wir so manche Enttäuschung. Schon bei der Ankunft auf dem Parkplatz in Sevedstorp, dem Dorf, das den Bullerbüfilmen als Kulisse diente, ist Jonathan irritiert. "Das soll Bullerbü sein? In Bullerbü gibt es keinen Parkplatz." In einem Vorgarten steht ein großer Gartenzwerg. Was sollen Lasse, Bosse und Ole denn damit gemacht haben? Es gibt Ponyreiten und einen Souvenirladen. Für die Kinder ist klar: Hier kann es sich nicht um Bullerbü handeln. Von so was steht nichts in den Büchern.

Auch in Vimmerby suchen wir vergebens nach dem Zauber von Astrid Lindgren. In dem fast 20 000 Einwohner zählenden Ort wurde die Schriftstellerin 1907 geboren, hier wuchs sie auf. Wann immer sie in ihren Geschichten eine Kleinstadt beschreibt, ob bei Pippi Langstrumpf oder Kalle Blomquist, ist es das Vimmerby ihrer Kindheit und Jugend. Leider ist davon nicht mehr viel übrig. Ganz anders sieht es im 60 Kilometer entfernten Eksjö aus. In dieser wunderschönen "kleinen, kleinen Stadt" finden wir zwar keine Villa Kunterbunt, dafür aber eine der am besten erhaltenen Altstädte von Schweden. In den Gassen bekommen wir eine Ahnung von der idyllischen Atmosphäre, die auch in Vimmerby einmal geherrscht haben muss.

Wer auf den Spuren von Lotta und Michel, von Pippi und Kalle durch Südschweden reist, sollte "Astrid Lindgrens Welt" am Stadtrand von Vimmerby nicht versäumen. Es ist eine Art Freizeit- und Vergnügungspark, in dem Figuren und Schauplätze aus den Büchern lebendig werden. Ein Programmrat, bestehend aus Verwandten und Kennern von Astrid Lindgrens Werk, wacht darüber, dass die Anlage im Sinne der Schriftstellerin geführt wird. Ihr Wunsch war es, den Park so zu gestalten, dass er die Kinder zum Lesen anregt. Deshalb gibt es weder Karussells noch Achterbahnen.

Dafür erwarten uns auf dem 120 000 Quadratmeter großen Gelände Nachbildungen der Villa Kunterbunt, der Krachmacherstraße, des Hofes Katthult und der Mattisburg. Mehr als 60 Darsteller spielen von morgens bis abends Szenen aus den Büchern oder spazieren einfach durch den Park, sprechen die Besucher an und zeigen wunderbares Improvisationstheater. Staunend stehen Kinder vor den Figuren, die sie so gut aus den Büchern kennen, klammern sich schüchtern an die Beine ihrer Eltern und fragen Pippi, ob ihr Papa wirklich ein Negerkönig ist.

Unsere Kinder verfolgen gebannt Aufführungen von "Karlsson vom Dach" und "Ronja Räubertochter", obgleich nur schwedisch gesprochen wird. Aber wer die Geschichten kennt, muss die Schauspieler nicht verstehen. Florentine und Jonathan spielen wie Pippi Langstrumpf "Nicht den Boden berühren" und hüpfen und klettern auf einem dafür angelegten Parcours über Steine, Bäche und Zäune. Sie sitzen im Tischlerschuppen, in dem "Michel aus Lönneberga" seine Strafen verbüßen musste, und versuchen wie er, Holzmännchen zu schnitzen. Am späten Nachmittag sind wir zurück an unserem See. Wir planschen und toben bis in den Abend, auf dem Weg zum Haus pflücken wir Blaubeeren und essen damit später die besten Pfannkuchen der Welt. Bullerbü kann wirklich überall sein. Zumindest in Schweden.

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