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Die Formel-1-Analyse: Vettel schimpft, Schumacher hofft, Alonso siegt

Regen-Unterbrechung, Gurken-Fahrer, der Super-Sauber und ein Gewinner, der nicht das allerschnellste Auto fährt. In Malaysia lief vieles schief und doch kann man einige Rückschlüsse auf die noch junge Rennsaison ziehen. Wir wagen einen Ausflug in die Botanik, verraten wer der Wolf im Schafspelz ist und wie eine Niederlage schmeckt.

Im Augenblick kann man aber kaum etwas vorhersagen", kommentierte Red-Bull-Teamchef Christian Horner laut motorsport-total.com die bislang verrückte Saison der Formel 1. Fernando Alonso (Ferrari) gewann auf dem Sepang International Circuit überraschend vor Sergio Perez (Sauber) und Lewis Hamilton (McLaren-Mercedes).

Wir lassen uns vom Regen-Chaos und den Nebelkerzen von Christian Horner nicht verwirren. Wem die Niederlage am bittersten aufstieß, wer Runde pro Runde Rückschritte macht und was eine Sepang-Gurke ist, lesen Sie in unserer Rennanalyse des Grand-Prix von Malaysia. 

Sergio Perez - Sauber im Schafspelz

Harmlos kommt es daher. Unter dem unscheinbaren Weiß des Chassis, liegt dennoch einiges an Speed verborgen. Vor der Saison hatten alle Experten Lotus als Überraschungsteam und Kimi Räikkönen und Romain Grosjean als Spielverderber für die großen vier auf dem Zettel. In Malaysia zeigte sich ein ganz anderes Teams überraschend stark. Das schweizer Team Sauber-Team verschaffte sich mit Platz zwei Respekt.

Dabei waren Kamui Kobayashi und Sergio Perez schon in Australien hervorragend in die Saison gestartet. Die Sauber-Piloten überfuhren als Sechster und Achter die Ziellinie und sicherten dem Team die ersten WM-Punkte. In Malaysia lief es noch besser. Was war passiert? Sergio Perez ging in der 2. Runde in die Box und wechselte auf Regenreifen. Ein Risiko, das sich auszahlen sollte. Der Mexikaner, der als Neunter gestartet war, schob sich zunächst bis auf den dritten Platz nach vorne, war schließlich schnellster Fahrer auf dem Sepang International Circuit.

"Du bist richtig schnell, Checo! Wir sind im Plan“, funkte es aus der Boxengasse. Und in einem Krimi am Renn-Ende setzte der Mexikaner den Führenden Fernando Alonso stark unter Druck. Sergio Perez unterlief jedoch kurz vor dem Ziel ein Fehler und so gewann Ferrari und nicht Sauber den Grand-Prix von Malaysia. Der Mexikaner hatte dennoch gezeigt, was er kann. Er ist ein wahrer Reifenkünstler, der sein Auto sanft über den Parcours gleiten lässt.

"Wir hatten Glück, dass wir die Position in den Schlussrunden behaupten konnten. Im Vergleich zu Sergio waren wir halt nicht schnell genug", äußerte sich Sieger Alonso nach dem Rennen laut motorsport-total.com respektvoll. Den unscheinbaren weißen Flitzer wird man bei der Konkurrenz nun verstärkt im Auge behalten. "Nimmt man die heutigen Ergebnisse zur Grundlage, dann ist Sergio Perez ab sofort der große Favorit", äußerte sich Red-Bull-Teamchef Christian Horner. Das Perez nun der große Favorit ist, scheint etwas vorschnell geurteilt, doch Horner weist die Favoritenrolle zumindest zu Recht von Sebastian Vettel.

Sebastian Vettel und die Sepang-Gurke

Da es beim Online-Lexikon Wikipedia keinen Eintrag zur Sepang-Gurke gibt, versuchen wir uns an einer Definition. Die Sepang-Gurke (Cucumis Sepangus) ist ursprünglich nicht in Malaysien beheimatet, sondern in Indien. Sie ist vornehmlich im dichten Bewuchs der Rennstrecke anzutreffen und für die anderen Pflanzen nur schwer zu überwinden. Ihre Triebe schlagen zuweilen unberechenbar aus. Damit sei der botanischen Analyse genüge getan, zurück zum Motorsport.

"Wie im echten Leben gibt es eben ein paar Gurken, die auf der Strecke fahren", gab Sebastian Vettel bei RTL deftige Worte in Richtung Narain Karthikeyan ab. Der Inder vom HRT-Team kolidierte in der 48. Runde mit Vettel. Dabei schlitzte er dem Weltmeister den linken Hinterreifen auf und Vettel fiel aus den Punkten. "Er war neben der Strecke, ich war meiner Meinung nach schon vorbei", schob Vettel die Schuld Karthikeyan in die Schuhe.

"Das ist extrem frustrierend. Ein vierter Platz wäre noch zufriedenstellend gewesen, aber so springt gar nix dabei raus", war Vettel restlos bedient und kartete weiter nach. "Da muss man überlegen, ob Autofahren für ihn der richtige Job ist." Karthikeyan kassierte für die Aktion nachträglich eine 20-Sekunden-Strafe, die ihn von Platz 21 auf 22 zurückwarf. Doch der HRT-Pilot sah die Aktion anders als Vettel.

"Ich ließ alle vorbei, weil ich blaue Flaggen gesehen und eine entsprechende Funknachricht gekriegt hatte. Dann kam ich auf die weiße Linie, die noch immer feucht war. Ich bekam viel durchdrehende Räder bei meinen Slicks und musste vom Randstein wieder zurück auf die Strecke. Leider befand er sich dort. Ich konnte nichts machen", sagt er gegenüber autosport.com. Wir sind der Meinung, es war ein Fehler von Karthikeyan. Vettels Aussagen über den Kollegen von HRT schießen aber über das Ziel hinaus.

Gleichsam sind sie entlarvend. Bei Red-Bull und Sebastian Vettel liegen die Nerven blank. In Australien konnte er als Zweiter noch gute Miene zum ungewohnten Spiel machen. In Malaysia drang der bittere Geschmack der Niederlage an die Geschmacksnerven. Vettel wird der Konkurrenz 2012 nicht mehr davon fliegen. "Es ist schwierig, die ersten Rennen wirklich zu bewerten. Es wird sich in Zukunft noch weiterentwickeln, daran arbeiten wir. Im Moment kann man aber kaum etwas vorhersagen“, gab sich Red-Bull-Teamchef Christian Horner laut motorsport-total.com kleinlaut.

Dabei weiß Horner allerdings, wo der Hase im Pfeffer liegt. "Es geht um die Reifennutzung. Das ist wohl das wichtigste Feld derzeit. Das hat sich im Vergleich zum Vorjahr verändert. Verschiedene Autos sind zu verschiedenen Zeitpunkten schnell. Kimi Räikkönen war am Ende des Rennens zum Beispiel voll da und fuhr Bestzeiten. Die Reifen scheinen der Schlüsselfaktor zu sein." Über diesen Schlüsselfaktor kann auch Mercedes ein Liedchen singen. 

Michael Schumacher - Noch schlechter als 2011?

Im Qualifying ist Mercedes GP voll da, für das Rennen sprach Nico Rosberg die Devise gelassen aus: "Es ging Schritt für Schritt rückwärts“, so der Mercedes-Pilot laut focus.de. Michael Schumacher hatte zunächst Pech, als Romain Grosjean ihn berührte und er weit zurückfiel. Danach fand allerdings keine Aufholjagd statt. Das Problem waren wieder die rapide abbauenden Reifen seines Silberpfeils.

"Das ist leider ein sehr enttäuschendes Ende eines ansonsten positiven Wochenendes hier in Malaysia", bedauert Teamchef Ross Brawn. "Unser Auto wirft ein bisschen ein Rätsel auf, das wir lösen müssen. Nach einem ermutigenden Qualifying sowie den Runs mit viel Sprit am Freitag hatten wir heute im Rennen Schwierigkeiten, die Reifen zum Arbeiten zu bringen. Es gab nur kleine Fenster, in denen sie funktionierten und wir nicht gänzlich herausfielen."

Phasenweise war der Mercedes fast drei Sekunden langsamer, als die Spitze der Konkurrenz. Michael Schumacher holte am Ende noch einen WM-Punkt, Nico Rosberg wurde auf Platz 13. durchgereicht. "Ich glaube nicht, dass wir die Reifen zu hart rannehmen - wir nutzen sie einfach nicht richtig. Dieses Problem müssen wir lösen, um mit dem Auto weitere Fortschritte zu erzielen. Das ist besonders enttäuschend, nachdem wir unser Potenzial bereits unter Beweis gestellt haben", ärgert sich Teamchef Ross Brawn laut motorsport-total.com. "Jetzt krempeln wir die Ärmel in der Fabrik hoch und wollen genau das schaffen."

Auch Michael Schumacher zeigte sich nach dem Rennen optimistisch. "Es überwiegt das Positive. Ich gehe mal davon aus, uns fehlt eine Sekunde“, sagte Schumacher laut faz.net. "Vergangenes Jahr waren es zwei Sekunden. Es sind klare Fortschritte zu erkennen. Und ich habe von vornherein gesagt: Man darf nicht von uns erwarten, dass wir um Siege kämpfen, das braucht seine Zeit. Konzentrierte Arbeit wird uns weiter nach vorne bringen.“

Das Fazit nach dem zweiten Rennen der noch jungen Formel 1-Saison 2012 muss also lauten: Viele Teams haben noch viel Arbeit vor sich. Ferrari hat einen überragenden Fahrer, aber kein gutes Auto. Da wartet viel Arbeit, um aus dem Fiat einen Ferrari zu schnitzen. McLaren hat nur manchmal das schnellste Auto. Und Red Bull versteht das eigene Gefährt derzeit nicht. Wenn dann noch der Boxenfunk ausfällt, dann heißt es "Land Unter“ für den Weltmeister. Auf das die Sonne am 15. April in Shanghai wieder aufgeht!

Michel Massing, sportal.de / sportal

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