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Formel 1 vor dem Saisonstart: Gedrängel auf der Bullenweide

Die Qualifikation für das erste Rennen hat es bestätigt: Die Titelverteidigung wird für Sebastian Vettel ist kein Selbstgänger – McLaren und Mercedes haben aufgeschlossen. Ferrari wird leiden müssen.

Von Tim Schulze

Die Wochen vor einem Saisonstart sind für die Fans der Formel 1 fast genauso spannend wie die laufende Weltmeisterschaft. Sie sehnen die Nachrichten aus den Fahrerlagern herbei wie das Manna vom Himmel: Welche Fahrer werden gefeuert oder angeheuert? Welche Regeländerungen gibt es? Wie laufen die ersten Tests? Und auch wichtig: Wie sehen die neuen Autos aus?

Einige der Fragen sind beantwortet: Die neuen Autos kommen mit ihrem Höcker in der Frontpartie ziemlich hässlich daher (nur der neue McLaren macht da eine löbliche Ausnahme, weil er auf die Hakennase verzichtet). Die Regeländerungen fielen nach den Revolutionen der vergangenen Jahre vergleichsweise bescheiden aus, viel Wert wurde auf höhere Sicherheitsstandards gelegt. Das Personalkarussell drehte sich nur bei den mittleren und kleinen Teams, die Rückkehr des ehemaligen Weltmeisters Kimi Räikkönen, der für Lotus (ehemals Renault) ins Cockpit steigt, ist in dieser Rubrik die aufregendste Meldung. Die Spitzenteams treten hingegen mit demselben Personal an.

Doch die entscheidende Frage wird erst im November nach 20 Rennen beantwortet sein: Wird Sebastian Vettel als drittem Fahrer nach Juan Manuel Fangio und Michael Schumacher der Hattrick gelingen? Die Erfolgsbilanz des Heppenheimers in der abgelaufenen Saison liest sich beeindruckend: Er schaffte es in 19 Rennen 18 Mal ins Ziel, 17 Mal stand er auf dem Podium, 15 Mal eroberte er den ersten Platz in der Startaufstellung, 11 Mal gewann er ein Rennen. Vettel dominierte und krönte sich zum jüngsten Doppelweltmeister aller Zeiten. Die Konkurrenz fuhr wie ein Kindergarten auf Bobbycars aussichtslos hinterher.

Die Bullen straucheln

In der 62. Formel-1-Saison will die Konkurrenz den Anschluss schaffen – und es scheint ihr gelungen zu sein. Das Qualifying zum großen Preis von Australien hat jetzt bestätigt, was sich nach den Tests angedeutet hatte: Die Kräfteverhältnisse haben sich, zumindest zu Beginn der Saison, verschoben. Die McLarens mit Lewis Hamilton und Jenson Button stehen in Australien in der ersten Startreihe, dahinter folgen Romain Grosjean im Lotus und Michael Schumacher im Mercedes. Titelverteidiger Sebastian Vettel im Red Bull muss sich mit dem ungewohnten sechsten Platz begnügen, hinter seinem Teamkollegen Mark Webber.

Im Weltmeisterteam waren sie sich vorher darüber bewusst, dass sie etwas von ihrer Überlegenheit eingebüßt haben. Die Tests liefen zwar gut. Doch zum Abschluss der Vorbereitungsphase gab es noch einmal gravierende Neuerungen am Red Bull, die Vettel nicht mehr testen konnte. Wegen eines Getriebeschadens musste er am letzten Testtag vorzeitig abbrechen. Es spricht viel dafür, dass "alle Teams näher zusammengerückt" sind, wie Vettel zugibt. Der 24-Jährige verzichtete im Vorfeld auf großspurige Prognosen. Sein Urteil wurde im Qualifying in Melbourne jetzt bestätigt. Vor allem McLaren hat sich zur ernstzunehmenden Konkurrenz für das Weltmeisterteam aufgeschwungen. Auch dahinter ist mit einer größeren Verschiebung in der Hierarchie zu rechnen. Für Dreifach-Weltmeister Niki Lauda "ist der Geheimtipp, dass der Mercedes gleichauf sein könnte". Auch diese Prognose hat sich im ersten Qualifying bestätigt. Formel-1-Nostalgiker sehnen nichts mehr herbei, als ein Duell zwischen Rekordweltmeister Michael Schumacher mit seinem "Ziehsohn" Vettel in gleichstarken Autos. Ihr Wunsch wird in Erfüllung gehen.

Desaster für Ferrari

Bleibt die Frage nach Ferrari, die in Melbourne ein Desaster erlebten. Fernando Alonso und Felipe Massa gehen von Platz 12 und 16 ins Rennen. Die stolze Scuderia aus Maranello ist das Sorgenkind. Die Italiener scheinen ihren Status als Topteam eingebüßt zu haben, so wie es die Konkurrenz und die Experten nach den Testleistungen vorausgesagt haben. Ob das so bleibt, ist eine andere Frage. Die Saison ist lang und ein Comeback nie ausgeschlossen. Der neue Bolide erhielt ein radikales Lifting, heraus kam eine Rote Göttin mit Hakennase, wie die "Süddeutsche Zeitung" spottete – und eine Göttin mit bescheidenen Fähigkeiten. Alonso ahnte die Katastrophe: "Wir werden in den ersten Rennen leiden." Wohl war.

Tim Schulze

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