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Formel 1: Am Rande des Kollaps

Die Formel 1 steckt in einer tiefen finanziellen Krise. Brancheninsidern zufolge sei der unerwartete Ausstieg von Honda nur der Anfang einer möglichen Welle an Rückzügen der Hersteller. Jetzt kommen die ersten Vorschläge, wie man der Krise begegnen kann. Vor allem Mercedes tut sich dabei hervor.

Mit Testfahrten in Jerez müht sich die Formel 1 um Normalbetrieb, doch abseits der Rennstrecke wird der Kampf um die Zukunft der Motorsport-Königsklasse härter. Branchenexperte Ferdinand Dudenhöffer erwartet nach dem Ausstieg von Honda den Rückzug weiterer Hersteller.

"Das ist ein klassisches Streichinstrument", sagte der Leiter des Forschungsinstituts "CAR" an der FH-Gelsenkirchen. Mercedes-Motorsportchef Norbert Haug forderte im Zuge des Sparkurses den Verzicht auf das Prestigeprojekt Hybridtechnologie, um so kurzfristig Kosten zu senken. "Die Zeit der Spielchen ist vorbei", warnte Haug im Fachmagazin "Motorsport aktuell".

Auf der Piste im spanischen Jerez setzten die meisten Teams am Dienstag ihre Vorbereitungen auf die neue Saison fort. Leer blieb dabei jedoch die Garage für den bisher von Honda finanzierten Rennstall, der weiter nach einem Käufer sucht. Immerhin drehten die Williams-Boliden ihre Runden, nachdem in den vergangenen Tagen heftig über die Zukunft des Teams spekuliert worden war. "Wir stehen eindeutig zu unserem Formel-1-Engagement", sagte ein Sprecher des Arbeitgebers von Pilot Nico Rosberg der BBC.

Automobil-Fachmann Dudenhöffer zufolge muss sich die Motorsport-Königsklasse dennoch für eine weitere Schrumpfkur rüsten. Wegen der Absatzkrise der Autobauer und der drohenden Konsequenzen für deren Mitarbeiter sei das teure Engagement in Rennserien "sozial nicht mehr akzeptierbar", befand Dudenhöffer. Zudem würden Aktionäre die Millionen-Ausgaben für den Sport stärker hinterfragen. "Da kann ich mir nicht vorstellen, dass man sagt, Formel 1 ist eine heilige Kuh."

Auch bei den Autobauern Mercedes, der am Montag rund 20 000 Angestellten Kurzarbeit verordnete, und BMW "wird intern sicher darüber diskutiert", sagte Dudenhöffer. Erich Klemm, Chef des Daimler-Gesamtbetriebsrats, wollte sich öffentlich nicht zum weiteren Formel-1-Engagement äußern.

"Wir sind mitten in einer weiteren Sparrunde", betonte Mercedes-Mann Haug. Große Sparpotenziale hat der Motorsportchef beim Energie-Rückgewinnungssystem Kers ausgemacht, das der Formel 1 von der kommenden Saison an einen grünen Anstrich verpassen soll. "Kers ist allerdings eine extrem teure Übung und die größte Kostensparmaßnahme wäre, auf Kers komplett zu verzichten oder es zumindest zu verschieben", sagte Haug. "Kosten über mindestens 25 Prozent des Motorenbudgets" ließen sich so einsparen. Renault-Teamchef Flavio Briatore zufolge stemmt sich allein BMW gegen eine Verschiebung.

Die Sorge um das Formel-1-Spektakel treibt auch die TV-Sender RTL und Premiere um, die auch im nächsten Jahr die Fernsehrechte halten. Der Pay-TV-Sender Premiere, wirtschaftlich selbst in unruhigem Fahrwasser, mochte sich nicht zu den jüngsten Negativ-Schlagzeilen äußern. "Der gesamte Sport und auch die Formel 1 können sich aus der derzeitigen Krise nicht rausnehmen", sagte RTL-Sprecher Matthias Bolhöfer, gab jedoch vorsichtig Entwarnung: "Das Produkt als solches ist nicht in Gefahr."

DPA / DPA

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