Formel 1 Crashtest für die Seele


Davonfahren, einfach davon fahren. Etwas anderes bleibt auch Robert Kubica gar nicht übrig. Das Problem nach Horror-Unfällen ist nicht das Vergessen, sondern nicht immer dran erinnert zu werden. Das geht auch dem Polen aus dem BMW-Team so, über dessen Start beim GP der USA erst heute entschieden wird.
Von Elmar Brümmer, Indianapolis

Formel-1-Piloten glauben nicht an den Fluch der Angst - sie befinden sich eher auf der Flucht vor der Angst. An der nötigen Branchen-Poesie zum Aufreger der Woche fehlt es nicht. "Wir Rennfahrer haben bei Unfällen ein sehr kurzes Gedächtnis, wie ein Goldfisch. Und diejenigen, die sich erinnern, sind die, die aufhören", sagt der Alters-Präsident des Fahrerfeldes, David Coulthard (36).

Wann ist in der Formel 1 ein Mann ein Mann? Ist er, wie bei Grönemeyer, wirklich außen ganz hart und innen ganz weich? Wer dem Vorurteil von den Berufs-Rasern folgt, der wird über Kubicas unbedingten Willen behaupten: Kopflos, der junge Mann. Der junge Mann aus Krakau selbst behauptet: "Mein Kopf ist meine Stärke. Ich habe in den letzten Jahren gelernt, dass 50 oder mehr Prozent des Erfolgs vom Kopf und der mentalen Vorbereitung ausgehen."

"Wer mich nicht kennt, hält mich für sonderbar"

Angst ist ein Wort, für das es keine Übersetzung ins Polnische zu geben scheint. Lange vor dem Horror-Streifen von Montreal fragte er zu diesem Thema den Reporter zurück: "Warum auch? Vor was?" Als Fakt, nicht als Faszination betrachtet er sein Tun: "Wenn ich fahre, habe ich keine Emotionen. Ich konzentriere mich auf das, was ich zu tun habe." Das klingt ziemlich abstrakt, hilft aber allen Crash-Piloten, die Dinge zu verarbeiten. Direkt nach seiner Entlassung aus dem Hospital in Montreal wollte der 22-Jährige noch nicht darüber befinden, ob er sich das Videoband vom Unfallhergang anschauen wird: "Ich war doch ohnehin dabei... " - Galgen-Humor.

"Wenn mehr Menschen wüssten, was sie wollten, und wenn sie positiv darüber denken würden, könnten sie es auch erreichen", lehrt einen Robert Kubica. Das hat er nicht aus seinem Buch, sondern aus seinem bisherigen Lebenslauf. "Wer mich nicht kennt, hält mich wahrscheinlich für etwas sonderbar. Dabei bin ich nur ein bisschen anders. Ein bisschen ist gut. Vor vier Jahren gewann er das Formel-3-Rennen auf dem Nürnberger Norisring - mit links. Weil der rechte Arm in einer Schlinge hing. Nach einem Unfall als Beifahrer in einem Privatwagen hatten die Ärzte Kubica eigentlich sechs Monate Zwangspause verordnet, aber dann wäre die Saison gelaufen gewesen. So wurde sie zum Durchbruch. Die Narbe, die sich von der Schulter den Arm herunter zieht, ist beim PS-Siegfried heute noch deutlich sichtbar.

Helm auf, Visier runter, pedal durchdrücken

Die Gladiatoren der Neuzeit sind in einem alle gleich: Angst vor der eigenen Courage zu haben, wäre das Ende ihres Lebens auf der Überholspur. Deshalb läuft der Verdrängungswettbewerb auf Hochtouren. Aber leider gibt es keine schützende Karbonhülle für Gedanken, ist der härteste Teil des Comebacks, der Robert Kubica erst noch bevorsteht, ein Crashtest für die Seele. In Indianapolis lauert eine Strecke mit einem Vollgasanteil von 61 Prozent, 332 km/h Spitze, wieder begrenzen Mauern die Piste. Aber die Verantwortung für sein Tun trägt nicht allein der Pilot. Manchmal muss man diejenigen, die zu fokussiert sind, schützen - vor sich selbst, ihrem Ehrgeiz, ihren Obsessionen. Gefühlte Sicherheit ist eigentlich Unsicherheit. Fürchtet Euch nicht!

Verharmlosung wäre ebenso falsch wie Übertreibung. Keiner weiß das besser als Ralf Schumacher, der 2004 und 2005 spektakulär in die Betonballustrade im Speedway von Indianapolis gekracht ist. Er begegnet der Schicksalskurve heute scheinbar achtlos: "Ich komme mit keinem anderen Gefühl hierher als zu jeder anderen Rennstrecke auch." So oberflächlich wie möglich wird das Rest-Risiko behandelt, damit das Entsetzen erst gar nicht ins Bewusstsein sickern kann, sondern sich leicht wegwischen lässt. Die Schrecksekunde, die viele Unfallfahrer im Straßenverkehr noch lange plagt, habe bei ihm erst gar nicht stattgefunden, sagte Ralf Schumacher nach 14 Wochen Pause mit einem doppelten Wirbelbruch: "Es ist einem klar, dass so etwas passieren kann. Deshalb hat es mich auch keine Überwindung gekostet, wieder ins Auto zu steigen."

Eine Routine, die sich auch Robert Kubica wünscht: Helm auf, Visier runter, Pedal durchdrücken. Einfach davonrasen. Auch den eigenen Gefühlen. Die Antreiber sind immer auch Getriebene.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker