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Formel-1-Weltmeister Jenson Button: Champion aus dem Nichts

Ein Rennmärchen ist wahr geworden, als Felipe Massa die Zielflagge schwenkte. Der neue Formel-1-Weltmeister heißt Jenson Button. Wie aus dem Nichts eroberte der Brite den Titel. Die Welt hat dennoch ihre Zweifel: Ist der 29-Jährige ein würdiger Weltmeister? Ist er.

Von Elmar Brümmer, Sao Paulo

Platz fünf, nicht Sex, macht den vermeintlichen Playboy-Rennfahrer Jenson Button zum glücklichsten Mann der Formel 1 - denn dieser Platz im Großen Preis von Brasilien und die süße Belohnung von drei WM-Punkten reichen dem Piloten von Brawn-Mercedes, um vorzeitig 31. Weltmeister der Formel-1-Geschichte zu werden.

Cool geblieben, zweiter Matchball souverän genutzt. Rubens Barrichello, dem zehn Runden vor Schluss die Luft im Reifen ausging und Außenseiter Sebastian Vettel haben das Nachsehen. Die ungewöhnliche Podiumsbesetzung mit dem Australier Mark Webber (Red Bull), dem Polen Robert Kubica (BMW) und Buttons britischem WM-Vorgänger Lewis Hamilton (McLaren-Mercedes) geriet lediglich zur Rahmenhandlung.

Ein Rennmärchen ist wahr geworden, als Felipe Massa die Zielflagge schwenkte. Button grölte ziemlich schräg "We are the World champions" ins Bordmikrofon. "Er verdient es, wirklich!", strahlte Teamchef Ross Brawn, "ich bin erleichtert. Es war ein so hartes Jahr." Mit einer Landung auf den Punkt genau. Findet auch Mercedes-Sportchef Norbert Haug, der Stuttgarter Leasing-Motoren als Glücksstern an Brawn liefert: "Der Kunde ist jetzt König in der Formel 1."

Klarer Befehl an Button


Bloß nicht rechnen! Ein klarer Befehl an Jenson Button vor dem Großen Preis von Brasilien - und nach dem Qualifikations-Wirrwarr mit Startplatz 14 verspürte der Brite keinerlei Lust auf eine Titelkalkulation. Das Rennen schien gelaufen, mit seinem größten Gegenspieler Rubens Barrichello auf der Pole Position.

Denkste! Zu jeder Hochrechnung in dieser Formel-1-Saison gehört zwingend die Chaos-Theorie, und unterm Strich steht nach den 71 Runden von Interlagos der Brite mit seinem fünften Platz einen Grand Prix vor Saisonschluss als Champion fest. Rubens Barrichello nützt sein achter Rang ebenso wenig etwas wie Sebastian Vettel sein vierter.

Mit 15 Punkten Vorsprung auf den neuen Zweiten Vettel und 17 auf Barrichello Vorsprung fährt Button zur Krönung nach Abu Dhabi - uneinholbar. In der Wüste darf er auch Freundin Jessica Michibata, ein japanisch-argentinisches Unterwäschemodell, in die Arme schließen. Die hatte er, um nicht abgelenkt zu werden, nach Hause geschickt. Den Konstrukteurs-Titel für Brawn-Mercedes hat es in Südamerika als Extra bereits dazu gegeben, Vettels Red-Bull-Team bleibt der zweite Rang. Allerdings: Einen finanziellen Bonus bekommt der neue Champ nicht. Im Gegenteil, der zehnte britische Weltmeister muss um eine Gehaltserhöhung fürs nächste Jahr bangen.

Karambolage in Sao Paulo


Keine Runde dauerte der 16. WM-Lauf auf der Berg- und Talbahn in Sao Paulo, da musste das Rennen nach dem Billard-Spiel mit Rennwagen neutralisiert werden. Adrian Sutil, Jarno Trulli und Fernando Alonso spielten ebenso Karambolage wie Lewis Hamilton, Giancarlo Fisichella, Kimi Räikkönen und Mark Webber. Button rückte Zug um Zug nach vorn, ließ Vernunft und Instinkt Paarlaufen - und ging trotz aggressivem Antritt immer nur so viel Risiko ein wie nötig. Sebastian Vettel blieb im Schlepptau, aber der hatte wirklich alle Chancen in der verregneten Qualifikation verloren. Von 15 auf vier, und dabei nie die Nerven verloren zu haben, ist immerhin ein Achtungserfolg. Und die Basis für eine Revanche. In Abu Dhabi will der Heppenheimer nichts anderes als den Vize-Titel, so enttäuscht wie er über das vorzeitige Ende seiner Träume war: "Brasilien ist immer ziemlich wild. Platz vier war hier das Maximum".

Jenson Button ist ein Champion aus dem Nichts, geboren aus den Trümmern der eigenen Karriere. Die Welt hat dennoch ihre Zweifel: Ist der 29-Jährige ein würdiger Weltmeister? Ist er. Denn hätte er seine sechs Siege nicht in den ersten, sondern den letzten sieben Rennen geholt, würde er jetzt als Held und nicht bloß als "Vorsprungverwalter" gefeiert. Solche Anfeindungen prallen an dem Briten ab: "Diese Meisterschaft wird in 17 Rennen herausgefahren. Es gibt eben Situationen, in denen man kein Risiko eingehen will. Wie ein Champion zu fahren bedeutet für mich, am Ende mit mehr Punkten vor den anderen ins Ziel zu kommen."

Es stimmt, er hat in diesem Rennjahr häufig von den Fehlern anderer profitiert, aber er hat selbst auch kaum welche gemacht - und mehr Runden angeführt als seine beiden direkten Verfolger Barrichello und Vettel zusammen. Im Jahr 2004 stand er zwar häufiger auf dem Podium, wurde aber nur WM-Dritter. Dann sich doch lieber zur Nummer eins zittern. Aber diese Partie ist zu Ende. In seinem zehnten Formel-1-Jahr.

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