HOME

Formel 1: Die Stellvertreter

Kimi Räikkönen ist schweigsam, liebt das Risiko und fährt nun für Ferrari. Seinen Platz bei McLaren nimmt Fernando Alonso ein. Der ist impulsiv, ein Streber und Weltmeister. Die Formel 1 braucht beide, um Michael Schumacher zu ersetzen

Von Elmar Brümmer

Den Rennanzug runtergerollt bis auf die Hüften, Haare und feuerfestes Unterhemd gleichermaßen triefend vor Schweiß und Champagner, eine spanische Flagge schlampig um die Schultern - Fernando Alonso eilt so derangiert die Boxengaragen von S‹o Paulo entlang, wie man sich einen vorstellt, der gerade zum zweiten Mal in Folge Formel-1-Weltmeister geworden ist und im Nebenjob noch die Ära Schumacher beendet hat. Er will feiern, den frischen Ruhm genießen, aber ein letztes Mal bitten die Ingenieure des Renault-Teams ihren scheidenden Fahrer zum technischen Briefing nach dem Rennen. Vor dem Besprechungszimmer trifft er auf Ron Dennis, Chef des Rennstalls von McLaren-Mercedes - und sein neuer Arbeitgeber für 2007. Eine Laune der Raumverteilung im Fahrerlager, Vergangenheit und Zukunft liegen für den Champion Tür an Tür. Dennis, der Mister Penibel der Branche, lässt sich zu einer kurzen Umarmung hinreißen, dann wird es pathetisch. Sie schütteln sich nicht einfach die Hände, sie umklammern sie, die Blicke fest auf den anderen fixiert, als Alonso sagt: "Wir wiederholen das nächstes Jahr, okay?" Der Schwur wird mit einem Grinsen besiegelt. Am 18. März in Melbourne, beim Start in die neue Saison, muss er zum ersten Mal eingelöst werden.

Fernando Alonso, 25, ist die rechtmäßige Nummer eins als Nachlassverwalter des zurückgetretenen Michael Schumacher. Allein wird er das entstandene Machtvakuum aber kaum ausfüllen können. Es braucht mindestens zwei Mann, um einen Schumacher ersetzen zu können. Das Erbenjahr der Formel 1 wird daher beseelt durch die Hoffnung auf ein großes Duell: Kimi Räikkönen, 27, hat den Platz im Silberpfeil für Alonso frei gemacht, um das Cockpit des Deutschen bei Ferrari zu übernehmen. Ein Partnertausch auf diesem Niveau ist höchst selten, aber der Rennserie konnte nichts Besseres passieren.

Eigentlich hätte man den Wechselmütigen dringend vom neuen Job abraten müssen: Alonso trifft auf ein Team, das seit 1999 ohne Titel ist; Räikkönen hat den ebenso schwierigen Job, die direkte Schumacher-Nachfolge antreten zu müssen. Aber beiden sind bei ihrer Fahrerflucht die sportlichen Aussichten in neuer Umgebung mindestens so wichtig wie die persönlichen Beweggründe. Sie kommen aus zerrütteten sportlichen Verhältnissen, hatten genug von ihren Ziehvätern. Kimi Räikkönen musste wie ein Schulbub einen blauen Brief von Ron Dennis quittieren, in dem ein besseres Benehmen gefordert wurde. Alles nur, weil er sich in einem Nachtclub spontan mit den anwesenden Striptänzerinnen solidarisierte und offenbart hat, was man seither den "kleinen Kimi" nennt. Dennis hingegen zeigte er fortan lediglich die kalte Schulter, für ihn blieb der Chef nur noch ein "Kontrollfreak". Fernando Alonso und Renault-Teamchef Flavio Briatore verband nach sechs Jahren gemeinsamen Aufstiegs zum Schluss eine ebenso herzliche und professionelle Abneigung. Unmittelbar vor dem entscheidenden Rennen um die WM klagte der Fahrer sein Team an: "Ich fühle mich ein wenig allein gelassen." Dass es trotzdem mit dem Titel klappte, schreibt er sich hauptsächlich selbst zu.

Beziehungsfähigkeit muss sich erst erweisen

Die Verbindungen, die Räikkönen bei Ferrari und Alonso mit McLaren einging, sind deshalb zunächst Zweckehen. Das Risiko für Fahrer wie Rennställe ist gleichermaßen hoch, die Beziehungsfähigkeit muss sich im großen Umbruchjahr der Formel 1 erst erweisen: Alonso ist zu heißblütig für die kühle McLaren-Welt, Räikkönen ein bisschen zu cool für die emotionale Scuderia. Programmierte Kulturschocks. In der Antwort auf die Frage, wer wen mehr verändern wird oder wer sich schneller in der neuen Umgebung wohlfühlt, liegt der Zündschlüssel zum Erfolg. "Wenn sich das Umfeld ändert, steigt auch die Motivation. Für Ferrari zu fahren ist etwas Besonderes", sagt Kimi Räikkönen, als er im Ferrari-Skicamp in den Dolomiten zum ersten Mal aus der roten Wäsche guckt. Erster Eindruck der Talkrunde: Der Mann kann ja doch sprechen. Freiwillig sogar. Und mehr als die zwei Worte "Yes" und "No". Korrekt gezählt sogar drei: "Buongiorno a tutti".

Für Sentimentalitäten ist kein Platz, das soll es vorerst an Freundschaftsangeboten auch gewesen sein: "Man hat mich nicht verpflichtet, damit ich hier die Sprachschule besuche." Die Vergangenheit bewältigt er ebenfalls in einem Atemzug: "Rot ist wärmer als Silber." Ob er sich glücklicher fühle als früher? "Ich bin glücklich." Ein Geradeausdenker, ganz klar. Stunde null in der Formel 1. Bei der Suche nach der neuen Führungspersönlichkeit geht es um Ära und Aura, und das wird von den Typen entschieden. Die individuelle Emanzipation vom "Über-Schumi" funktioniert nur durch die Übernahme bestimmter Tugenden des abgetretenen Meisters. Um diesen Vergleich kommt keiner der beiden herum. Alonso ist Schumacher sehr nahe in der ausgeprägten Fähigkeit zur schnellen, aber gründlichen Analyse. Die Ingenieure bei McLaren sind verblüfft, wie er jede Runde präzise in Sektoren zerlegt, Verbesserungsvorschläge macht. Von Räikkönen hatten sie nie viel erfahren. Dazu toppt Alonsos Fahrstil zum Teil noch Schumachers Aggressivität, McLaren verstärkte im neuen Auto schon mal vorsorglich die Vorderradaufhängungen, um Alonsos extrem spätem und ruckartigem Einlenken in die Kurven Rechnung zu tragen. Rüden Zweikämpfen auf der Piste ist der Spanier keinesfalls abgeneigt, der Hang zum Nachtreten ist da. Vielleicht fand der amtierende Weltmeister deshalb nie einen Draht zu Michael Schumacher, sie waren sich in vielem wohl zu ähnlich.

Wie mit Scheuklappen durchs Feld

Räikkönen ist eher ein natürliches Fahrtalent, daher natürlich immer am Limit. Er steuert mit bedächtigen, von außen kaum wahrnehmbaren Lenkradbewegungen wie mit Scheuklappen durchs Feld. So knapp und kompromisslos, wie er spricht, drückt er sich auch mit dem dosierten Tritt aufs Gaspedal aus. So tut er intuitiv das Richtige, glaubt - ähnlich wie Schumacher -, dass alle Risiken kalkulierbar sind, vor allem aber von ihm kontrollierbar. Er interessiert sich wirklich für nichts anderes als das Rennfahren. Vor Weihnachten, als ihn McLaren noch nicht für Ferrari-Testfahrten freigab, war er sichtlich genervt und wusste zuerst nichts mit sich anzufangen: "Was hätte ich auch tun sollen?" Immerhin, er kam auf die Idee mit dem Fitnessraum. Sein gestählter Körper wirkt jetzt weit erwachsener als seine Gesichtszüge.

Am Ende ist jeder Fahrer nur so gut wie sein Auto oder sein Team. Alonso will sich das zunutze machen. Beinahe andächtig lauschen ein paar Hundert Mitarbeiter im Foyer der Rennfabrik in Woking seiner flammenden Antrittsrede. So bringt man eine Mannschaft auf seine Linie, mehr noch als mit auf militärische Ordnung getrimmter Haarpracht. Weiß ja auch kaum einer, dass er sich ein paar Wochen vorher mit einer ähnlichen Ansprache beim Renault-Rennstall verabschiedet hat. Er wirkt dabei sehr ernst, aber auch sehr stolz. Immerhin ist er der einzige unter den 22 Fahrern im Feld, der schon mal Weltmeister war.

Das zelebriert er an dem Abend, als die spanische Polizei die Innenstadt von Valencia für ihn sperrt. Hunderttausend Menschen stehen am Straßenrand, um die Ehrenrunden mit dem neuen Silberpfeil zu erleben. Auf der Showbühne dreht er weit stärker auf, die weltweit gefeierten Artisten des Cirque du Soleil werden zu Statisten. Privat ein echter Versteckspieler, stürmt Alonso mit dem Mikrofon in der Hand an die Rampe, rudert mit den Armen: Alle Scheinwerfer auf mich! "Ich fühle mich wie ein neuer Fahrer, so erfrischt, optimistisch und glücklich wie seit sechs Jahren nicht mehr." Dann reckt er vor den Ehrengästen die Fäuste, fordert den Applaus heraus: "Wir werden der Maßstab für die Zukunft sein. Unser Ziel muss der Titel sein."

Da schwingt neben viel Selbstvertrauen auch der Gehaltsvorschuss mit, sein Salär soll sich gegenüber Renault auf geschätzte 22 Millionen Euro verdreifacht haben. Etwa das gleiche Kilometergeld wie bei Räikkönen. Von Alonso wird dafür neuer Input für eine verunsicherte technische Truppe erwartet, gilt er doch von den Fähigkeiten her als der "kompletteste" aller aktiven Piloten. Offen ist nur, ob ihm - bei allem erklärten Willen - McLaren-Mercedes den nötigen Freiraum lässt. "Ich fühle mich an die Erfahrungen mit Ayrton Senna, Niki Lauda und Alain Prost erinnert. Er weiß wirklich, was er will", lobt Ron Dennis. Ein Team neu zu definieren, wie es Schumacher mit Ferrari gelungen ist, das wäre ein Sternchen hinter Alonsos anvisiertem Titelhattrick. Die Mannschaft, im Vorjahr erstmals seit 1996 ohne einen Grand-Prix-Sieg geblieben, steht in der Bringschuld. Daimler-Boss Dieter Zetsche verlangt von seiner britischen Rennfiliale: "Mercedes muss vorne stehen." Mit Alonso gelten keine Ausreden mehr. Aber vorerst ist die Nummer eins, die er mitbringt, nur geliehen. Seitenhiebe auf die Konkurrenz verteilt Alonso gezielt, aber die Ironie muss man schon raushören: "Ferrari wird Michael nicht sehr vermissen..."

Der große, rote Schatten in Maranello

Das wäre schön für Räikkönen, wird aber nicht so kommen. Schumacher bleibt in seiner nebulösen Funktion als "Super-Assistent" immer der große, rote Schatten in Maranello. Schon für den Roll-out des neuen Ferrari im Januar unterbrach er seinen Urlaub. Nur mal eben über die Schulter gucken...? "Ich bin nicht Schumacher", sagt Räikkönen beim Amtsantritt deshalb so nüchtern wie trotzig. Räikkönen weiß, dass alles, was er tut oder lässt, an Schumacher gemessen wird. Aber er fordert auch das Persönlichkeitsrecht: "Ich werde ich selbst sein, mich nicht verbiegen lassen. Denn nur so kann ich mir sicher sein, mein Bestes zu tun." Der Stoiker verdrängt auch die vermeintlich wohlmeinenden Hinweise seines Ex-Arbeitgebers, er solle doch für Ferrari besser seinen Lebensstil ändern. "Selbst wenn ich bei McLaren meine Einstellung geändert hätte, wäre das Auto nicht schneller und zuverlässiger geworden." Darauf einen Doppelten!

Ferrari-Generaldirektor Jean Todt war stets auf den Typen Räikkönen als Schumacher-Nachfolger fixiert, seit Alonso vor Jahren ein Testfahrerangebot verschmäht und sich mit Briatore verbündet hatte. Todt sah die Ehre verletzt, so was nimmt er krummer als jeder Pate. Und er outet sich auch als Räikkönens Bruder im Geiste, indem er bekennt, sehr faul sein zu können - aber auch genauso konsequent. Räikkönen bewies dies bei seinem Wechsel. Bereits Anfang 2005 war der Finne sich mit Ferrari einig, verschwieg das aber anderthalb Jahre lang seinem Noch-Arbeitgeber McLaren. Dass er ein komplett unpolitisch denkender Mensch ist, könnte ihm auch im Intrigendschungel zu Maranello helfen. Mindestens so hart wie die Auseinandersetzung mit Alonso wird der interne Crashkurs. Denn der Finne ist nicht das einzige pure Fahrtalent, mit dem das vom Management her völlig umgekrempelte Ferrari-Team an den Start geht.

Schumachers ehemaliger Adjutant, der Brasilianer Felipe Massa, 25, gefällt sich aufgrund der älteren Rechte als Herausforderer. Eine klare Nummer-eins-Regelung wie bisher gibt es im Team nicht mehr, man lässt die beiden aufeinander los. Räikkönen aber sagt, dass er auch mit Michael Schumacher als Teamkollegen kein Problem gehabt hätte, warum dann mit Massa? Sein Führungsanspruch ist klar. Er muss im siebten Formel-1-Jahr beweisen, dass er ein Pilot ist, der nicht nur Rennen gewinnen kann, sondern auch eine WM. Und wenn er dafür den härteren Weg gehen muss, bitte schön, so ist das Leben, so ist sein Leben.

print

Wissenscommunity