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Formel 1 in Barcelona Wie Sebastian Vettel die Mercedes-Dominanz brechen will


Beim Formel-1-Grand-Prix in Barcelona wollte Sebastian Vettel mit einem fast neuen Auto die Dominanz des Mercedes-Teams brechen. Daraus wird wohl nichts werden.
Von Stephan Draf, Barcelona

Wenn die Formel 1 nach Barcelona kommt, schwingt immer ein Hauch von Weihnachten mit. Die Rennfamilie versammelt sich auf ihrem Heimatkontinent, die europäischen Fans haben ihre Helden wieder näher bei sich, die Bescherung findet wieder Sonntags um 14 Uhr statt, und nicht zu Zeiten, an denen sich der gemeine Mitteleuropäer gerne noch im Bett wälzt.

Auch für die Fahrer birgt Barcelona ein Versprechen – es gibt etwas auszupacken: Die neuen Autos sind da. Traditionell versehen die Rennteams zum Grand Prix von Spanien ihre Autos mit technischen Updates – was in den ersten Rennen nicht funktioniert hat, soll nun passend gemacht werden. Für Ferrari und Sebastian Vettel war ein besonders großes Überraschungspaket avisiert worden, ein zu 70 Prozent neues Auto sollte den 27-Jährige um die Strecke tragen, mit neuem Frontflügel, neuem Heckflügel, einem neuen Diffusor für bessere Aerodynamik, einer neuen Motoren-Software für reibungsloseren Rennverlauf. Statt einem sollte Vettel gleich vier Pakete auspacken dürfen.

Enttäuschter Vettel

Nach dem Qualifying allerdings schaute Sebastian Vettel drein wie ein enttäuschtes Kind, das in seiner Geschenkbox zwar viel Einwickelpapier, aber nicht das Gewünschte gefunden hatte. "Die Lücke zu Mercedes ist immer noch da, das ist die schlechte Nachricht", hatte er schon nach den ersten Trainings-Sessions gesagt, der dritte Platz im Qualifying hinter Lewis Hamilton und dem überraschend starken Nico Rosberg fühlt sich auf einer Strecke, auf der üblicherweise die Autos in der ersten Startreihe gewinnen, wie eine vorweg genommene Niederlage an. Zwar weigerte sich Vettel am Samstagnachmittag, Trübsal zu blasen: "Immerhin sind wir immer noch die ersten hinter Mercedes." Aber, so gestand er ein, "die beiden Jungs neben mir scheinen sich sehr wohl zu fühlen" – und grinste etwas neidisch auf die Mercedes-Fahrer auf dem Pressepodium neben ihm.

Genau dieses Wohlbefinden hatten Ferrari und sein deutscher Vorzeigefahrer in den vergangenen Wochen schüttern wollen: "Wir müssen die neuen Teile natürlich kennen und verstehen lernen. Aber wenn wir uns keine Verbesserung versprechen würden, hätten wir sie nicht dabei. Hoffentlich haben wir mehr Rundenzeit gefunden als die anderen", erzählte der viermalige Weltmeister wieder und wieder, und schloss eine Kampfansage an: "Hoffentlich sieht Mercedes bald Rot."

Zeichen setzen

Das Kalkül: Ein Erfolg in Barcelona – dazu zählt in Zeiten eines bislang übermächtigen Lewis Hamilton auch schon Platz zwei – könnte ein Zeichen für den weiteren Verlauf der Saison setzen. Im Vorfeld hatte die Ferrari-Taktik des Zweifel-Säens durchaus Wirkung gezeigt, die Mercedes-Verantwortlichen zeigten sich mittelschwer besorgt, im Fahrerlager summte man von insgesamt 50 PS, die Ferrari seit dem Winter "gefunden" habe.

Einzig Weltmeister Hamilton wischte alle Fragen zu den erstarkten Ferrari weg: "Alle reden von diesem Psycho-Zeug, aber der einzige Psychokrieg ist in mir selbst. Du kannst selbst dein schlimmster Feind sein, also kämpfst Du gegen diesen unsichtbaren Gegner", sagte der Brite. Übersetzt: Schlagen kann ich mich nur selbst. Morgen könnte ihn sein Teamkollege Rosberg Lügen strafen, für einen Ferrari-Erfolg allerdings müssten schon beide Mercedes Fehler machen -ein Szenario, dass sich selbst optimistische Ferraristi kaum vorstellen können. Zumal auch die Zeiten, die Ferrari in den Freien Trainings erzielte, nicht zu weiterer Hoffnung Anlass geben: Nach den sogenannten "long runs", in denen die Teams mit vollem Tank über mehreren Runden Rennbelastung simulieren, lag Ferrari deutlich hinter den Mercedes zurück, bis zu einer Sekunde pro Runde.

Die meisten Karten liegen also auf dem Tisch und für morgen scheinen Sebastian Vettel und Kimi Räikkönen, scheint Ferrari kein gutes Blatt zu haben. Ihr letzter Trumpf könnte der Umstand sein, dass die Ferraris bislang erheblich besser mit den Reifen umgingen als die Mercedes. In Barcelona könnte das entscheidend sein: Der Kurs gilt als Reifenfresser-Strecke. In den langgezogenen Kurven heizen sich die Reifen auf bis zu 130 Grad auf, der ungewöhnlich raue Asphalt strapaziert die Reifen zusätzlich, das auch für morgen angesagte Sommerwetter wird ein Übriges tun. Wie die meisten anderen Fahrer klagten auch Hamilton und Rosberg über mangelnde Bodenhaftung. Das passt: Zu Stirnrunzeln führte bei Mercedes in dieser Saison höchstens, dass es weder Hamilton noch Rosberg gelang, den Mercedes gleichzeitig schnell und reifenschonend zu fahren.

Vettel sieht es "realistisch"

Vettel allerdings schloss ein rotes Wunder für morgen aus: "Man muss da realistisch sein – die Mercedes waren auf allen Reifenarten schneller." Als er gefragt wurde, warum nur er und nicht sein Teamkollege Räikkönen mit dem rundumerneuerten Auto fuhr, reagierte Vettel erstaunlich offen: Keiner von beiden habe sich gestern mit dem Auto wohl gefühlt, man habe auf Nummer sicher gehen wollen.

Der inzwischen ausgeschiedene Ferrari-Chef Luca di Montezemolo raunte schon vor Tagen: "Ich hoffe, dass wir ein gutes Paket haben und kein 'Pack'. Im Italienischen gibt es das Wort 'paco', was eine Schachtel beschreibt, die von außen wertvoll aussieht, aber leer ist." Sein Gefühl hat ihn wohl nicht getrogen. Und so findet Weihnachten halt doch, wie üblich, im Dezember statt.


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