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Formel-1-Kolumne: Action, bitte!

Die Kurve Eau Rouge auf der Rennstrecke in Spa ist zwar das steilste Stück der Formel 1. Aber im Gegensatz zu dem, was neben der Piste passiert, verliert sie ihren Zauber. Aber für einen Quickie ist die Formel 1 immer gut. Und der war beim Großen Preis von Belgien richtig sexy.

Von Elmar Brümmer, Spa-Francorchamps

Am grünen Tisch wie in der grünen Landschaft der Ardennen galt: Die Silberpfeile sind die Verlierer des Wochenendes. Kimi Räikkönen und Felipe Massa sicherten den dritten doppelten Ferrari-Erfolg der Saison, die beiden WM-Favoriten Fernando Alonso und Lewis Hamilton begnügten sich über 80 Minuten mit der Teilnahme an der allgemeinen Formationsfahrt an der Spitze.

Vom rasenden Ringelreihen ausgenommen waren nur die ersten zehn Sekunden. Pech, wer von den 65.000 beim Comeback des belgischen Grand Prix noch nicht auf seinem Platz war. Der Verdrängungswettbewerb zwischen Fernando Alonso und Lewis Hamilton war neben all den Kontroversen zwischen den beiden im Buhlen um die Sympathien des Teams (die längst dem farbigen Briten gehören), eine Art Vorschau auf die drei ausstehenden Renn-Filme der Saison.

Rad an Rad jagten sie die Senke runter

Action, bitte! Direkt nach dem Start trieben es die großen Gegenspieler Fernando Alonso und Lewis Hamilton auf die Spitze. Selbst McLaren-Teamchef Ron Dennis blieb der Mund vor Staunen offen, als er das Treiben seiner Schützlinge vom Kommandostand aus beobachtete. Nachdem Kimi Räikkönen und Felipe Massa mit den Ferrari schon einsam davonzogen, drückte sich die herzliche Abneigung zwischen dem Spanier und dem Briten schon auf der Startgeraden aus. Der Spanier quer rüber und drängte Hamilton nach außen, bremste schließlich innen in die erste Kurve, und ließ sich übermäßig weit gen Randstreifen hinaustragen - seinem britischen Gegenspieler blieb nur die Flucht aufs künstliche Gras. Rad an Rad jagten sie die Senke hinunter, doch auf dem anschließenden Steilstück hatte Hamilton den Nachteil der Außenbahn. Einen Überholversuch an dieser Stelle hatte einst Stefan Bellof mit dem Tod bezahlt. Hamilton gab nach, ganz bewusst.

Ein Manöver hart an der Grenze des Legalen, auch wenn Alonso auf Unschuld plädiert: "Ich hatte selbst keinen Platz, nur das Glück, innen zu sein." Ron Dennis, der sich neuerdings ja auch als Fachwart für Emotionen versteht, wollte keinerlei Kritik am Verhalten des ungeliebten Spaniers gelten lassen, als er sich selbst wieder gefasst hatte: "Hören sie auf. Das war doch nicht schlimm, die Jungs fahren um die WM." Die wilde Jagd fand bei Tempo 300 statt, im höchsten Gang.

Erpressung von Alonso

Das gilt auch für die Intrigen: Am Samstag kam in Spa-Francorchamps heraus, dass Fernando Alonso in einem Streitgespräch nach dem Skandalrennen von Budapest seinen Teamchef unter Druck setzen wollte - er habe belastendes Material auf seinem Laptop, dass im Spionageprozess dem Team Schaden zufügen könne. Dennis wollte sich nicht erpressbar machen, und rief von sich aus bei Max Mosley, dem Präsidenten des Automobilverbandes FIA an. Eine Selbstanzeige mit Folgen, auch wenn Alonso die Anschuldigung später zurücknahm. Darauf ermittelte die FIA, wurde fündig und machte den Spanier zum Kronzeugen. Der und der stark belastete Testfahrer Pedro de la Rosa gingen straffrei aus, McLaren-Mercedes aber verliert alle WM-Punkte und muss 100 Millionen Dollar Geldstrafe bezahlen. Eine unerträgliche Situation zwischen Fahrer und Team, die als Zweckbündnis wohl nur noch bis zum Saisonende hält. Hamilton lacht sich ins Fäustchen - wofür Alonso auf der Piste zumindest eine kleine Revanche gelang.

Die eigentliche Spannung von Spa-Francorchamps ergibt sich aus der tendenziell enger gewordenen Fahrerwertung, wo das Ergebnis vom Sonntag eindeutig umgekehrt ist: Die McLaren-Piloten Hamilton (97) und Alonso (95) führen vor Raikkönen (84) und Massa (77). Die WM-Entscheidung kann damit frühestens Anfang Oktober beim vorletzten Rennen in Shanghai fallen. "Da kann noch alles passieren", sagt Sieger Räikkönen. Wollen wir auch schwer hoffen…

Stimmungsaufheller für Ferrari

Wer unbedingt noch einen sportlichen Stimmungsaufheller braucht, kann mit Ferrari den Titel als Konstrukteurs-Weltmeister feiern. Aber halt, der ist nur vorläufig - falls McLaren-Mercedes gegen das Spionage-Urteil nicht doch noch in Berufung ziehen sollte. Schon ist der Sport wieder Politik, das ist scheinbar vom anderen nicht zu trennen.

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