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Formel 1 in Brasilien: Drama bei Ferrari, Chaos bei Mercedes: das vermutlich kurioseste Rennen des Jahres

Zwischenzeitlich waren wir beim Grand Prix in Brasilien beinahe kurz eingeschlafen, doch dann brach auf einmal die Hölle los. Wieso es ein schwarzer Tag für Ferrari und Mercedes war und sich auf einmal gleich zwei Fahrer zum ersten Mal auf dem Treppchen wiederfanden.

Max Verstappen und Pierre Gasly bei der Siegerehrung in Brasilien

Max Verstappen und Pierre Gasly (vorne) bei der Siegerehrung in Brasilien – die beiden sind gute Freunde

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Man möchte sich kaum vorstellen, was Toto Wolff an diesem Sonntagnachmittag durchgemacht hat. Zum ersten Mal in sechs Jahren verpasste der Mercedes-Chef ein Rennwochenende und musste aus der Ferne verfolgen, wie seinem Team das Rennen schlichtweg aus der Hand genommen wurde. Und von Ferrari-Boss Mattia Binotto wollen wir gar nicht erst anfangen. Aber von vorne.

Bereits im Qualifying hatten die Silberpfeile den jungen Wilden von Red Bull und einem erstarkten Vettel den Vortritt lassen müssen und fanden sich ungewohnterweise auf den Startplätzen drei und vier wieder. Und während Weltmeister Hamilton den Führenden immer wieder unter Druck setzte, wollte es für eine Position als Anführer der Herde irgendwie nicht reichen. Als dann auch noch Rauch aus Valtteri Bottas austrat und der Finne seinen Wagen in der 52. Runde abstellen musste, schien das miese Wochenende (für Mercedes-Verhältnisse) perfekt. Immerhin hatten die Silberpfeile seit Österreich 2018 kein Rennen mehr wegen technischer Defekte vorzeitig beenden müssen. Doch damit war das Drama noch lange nicht beendet.

Denn während der Safety-Car-Phase, in der Bottas Auto sicher aus dem Streckenbereich entfernt wurde, entschied man sich bei Red Bull dazu, Max Verstappen noch einmal in die Box zu holen und damit zwar die Führung abzugeben, aber dafür mit den weicheren, roten Reifen auf dem zweiten Platz wieder aufzutauchen. Und als hätte er gewusst, was auf ihn wartete, maulte Hamilton über Team Radio an seinen Renningenieur Peter "Bono" Bonnington: "Ich bin zu leichte Beute". So leicht, sogar, dass der junge Holländer mit dem Ausnahmetalent ihn noch in der ersten Kurve nach dem fliegenden Wiederbeginn einsackte. Team-Kollege Albon derweil mogelte sich an Sebastian Vettel im Ferrari vorbei und auf einmal sah es aus, als könnten seine Jungs Team-Chef Christian Horner mit einem ersten und dritten Platz das perfekte nachträgliche Geburtstagsgeschenk machen.

Grand Prix in Brasilien: Zum Ende brach die Hölle los

Und während wir alle befürchtet hatten, dass das nun auch wirklich die letzte spannende Szene eines anderweitig nur mittel mitreißenden Rennens bleiben würde, brach nur wenige Runden später auf einmal die Hölle aus – und vermutlich auch Mattia Binottos Schweißdrüsen. Mit einem eleganten Manöver hatte Ferrari-Youngster Charles Leclerc gerade Team-Kollege Sebastian Vettel überholt, doch das wollte der vierfache Weltmeister nicht einfach auf sich sitzen lassen und setzte zu einem Gegenschlag an. Einige werden sagen, Leclerc hätte ihm nicht genug Platz gelassen, andere, dass Vettel hätte sehen müssen, dass der Platz nicht ausreicht. So oder so berührten sich die Wagen, was zu Reifenpannen an beiden Wagen und dem Ende des Rennens für Ferrari resultierte. Leclerc sagte nach dem Rennen, er habe Vettel auf der Innen- nicht der Außenseite erwartet und auch Sebastian selber sah die Schuld im Nachhinein nicht bei seinem Teamkollegen.

So oder so fanden sich Fahrer, Teams und Fans in Runde 66 von 71 auf einmal in einer äußerst ungewohnten Situation wieder. Nur ein Mercedes und keine Ferraris unter den ersten fünf? Beinahe undenkbar und doch die Realität. Als dann auch noch Mercedes entschied, Hamilton während der Safety-Car-Phase, in der die Ferraris von der Strecke geräumt wurden, neue Reifen aufzuziehen und ihn damit auf Platz vier zurückfallen zu lassen, drehte sich die ganze Welt auf den Kopf. Hätte Bernd Mailänder im Safety-Car das Rennen ins Ziel gefahren, wären mit zwei Red Bull und einem Toro Rosso drei Honda-Motoren aufs Treppchen geklettert. Doch es sollte anders kommen: Nach einem fliegenden Neustart überholte Hamilton Gasly im Toro Rosso und verfolgte somit nun Alexander Albon, der kurz vor seinem ersten Treppchen in der Formel 1 stand. Einziges Problem: Die Lücke, die Hamilton zu seinem Überholvorteil nutzen wollte, schloss sich wieder und so kickte der sechsfache Weltmeister den Rookie unsanft aus dem Rennen und sich selbst wieder hinter Gasly.

Mit einem atemberaubenden Finish in dem Pierre Gasly sich, wie er später erzählte, sogar im Auto duckte, um schneller zu werden, fuhr der Franzose einen spektakulären zweiten Platz nach Hause, dicht gefolgt von Hamilton und Carlos Sainz im McLaren, der sich irgendwie von Startplatz 20 auf einen starken vierten Platz vorgearbeitet hatte. Gasly fand sich somit zum ersten Mal in seiner Karriere auf einem Podiumsplatz wieder – ausgerechnet in der Saison, in der er zur Hälfte des Rennkalenders vom Mutterschiff Red Bull zurück in den Tochter-Rennstall Toro Rosso degradiert worden war. Eine Erleichterung, die in seinen Schreien über das Team-Radio klar rauszuhören war.

Hamilton und das Damokles-Schwert der Stewards

Und damit hörte das Drama nicht auf. Während Hamilton zwar noch als Drittplatzierter aufs Podium und in die Pressekonferenz durfte, hing eine mögliche Zeitstrafe der Stewards, wegen des Zwischenfalls mit Albon, wie ein Damokles-Schwert über seinem Kopf – und es sollte fallen. Eine 5-Sekunden-Strafe degradierte ihn auf den siebten Platz und beförderte Carlos Sainz, der bislang auch noch nie auf dem Podium gestanden hatte, auf den dritten Platz. Ein Erfolg, der vielleicht nicht vor Millionen Fernsehzuschauern, aber dennoch gebührend mit dem Mc-Laren-Team gefeiert wurde.

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🌶 WE DID IT!! VAMOS!! #carlossainz

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Hamilton, ganz der Gentleman, entschuldigte sich übrigens mehrfach bei Alexander Albon, schrieb auf Instagram: "Ich habe alles gegeben, um zu gewinnen. Auf dem Weg dorthin bin ich leider mit Alex Albon kollidiert. Ich möchte mich bei ihm entschuldigen. Ich weiß, wie hart das sein kann, aber auch, dass er eine großartige Karriere vor sich hat." Albon selbst schrieb: "Dieses Rennen tut ein bisschen weh, aber das ist nun einmal Racing."

Nach der ganzen Aufregung ist es jedenfalls schwer, sich vorzustellen, was wir bis März machen sollen, wenn die Formel 1 in zwei Wochen, nach dem Saisonabschluss, für die Winterpause die Lichter ausmacht. Toto Wolff jedenfalls wird vermutlich damit beschäftigt sein, seinen Terminkalender zu optimieren, damit er nie wieder ein Rennen verpasst.

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