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Formel-1-Weltmeister über Klimapläne: Nico Rosberg: "Es ist einfach nicht realistisch, dass jeder Mensch jetzt Greta Thunberg wird"

Die Formel 1 hat ihre Klimapläne für die Zukunft veröffentlicht – bis 2030 will man CO2-neutral fahren. Greenpeace sieht diese Pläne kritisch, Nico Rosberg wünscht sich mehr Wertschätzung – wir haben mit beiden gesprochen.

Nico Rosberg

Früher fuhr Nico Rosberg in der Formel 1, heute setzt er sich aktiv für Klimaschutz ein – für ihn kein Paradoxon

Getty Images

Die Formel 1 will grüner werden – und das ziemlich fix. Bis 2025 schon sollen alle Events nachhaltig gemacht werden, bis 2030 hat man sich das Ziel gesetzt, die Rennserie klimaneutral zu machen. "Wir glauben, dass die Formel 1 auch weiterhin als Pionier der Automobilindustrie fungieren kann", so Chase Carey, CEO der F1, in einem Statement: "wir erkennen die wichtige Rolle an, die alle Organisationen in der Lösung dieses globalen Problems haben."

Der umfassende Plan, der zu Beginn dieser Woche veröffentlicht wurde, konzentriert sich dabei neben den Boliden vor allem auf die Logistik (45 Prozent), die Büro- und andere Firmenräume (19,3 Prozent) und sämtliche Geschäftsreisen, die im Rahmen des Rennkalenders anfallen (27,7 Prozent). Denn die Boliden an sich machen nur weniger als ein Prozent des Gesamt-CO2-Ausstoßes der Formel 1 aus. Wie das mit strittigen Themen nun einmal so ist, hagelte es direkt Kritik. Man wolle vermutlich nur ein paar Bäume pflanzen, hieß es da, auch das Wort "Greenwashing" fiel.

Das sagt der Greenpeace-Experte zum Formel-1-Klimapaket

Wie ist das Klimapaket der Formel 1 also einzuordnen? "Dass eine Sportdisziplin, die seit Jahrzehnten vom Verbrennen von Öl lebt, sich jetzt dazu durchringt, auch mal was in Sachen Klimaschutz zu machen, kann man natürlich begrüßen", sagte ein Mobilitätssprecher von Greenpeace Deutschland dem stern. Gleichzeitig glaube er nicht, dass dies aus einem Eigeninteresse der Formel 1 entstanden sei, sondern vielmehr "eine notwendige Reaktion auf die gesellschaftliche Stimmung". CO2-neutral bedeute weiterhin nicht, dass keinerlei CO2 mehr ausgestoßen würde, sondern lediglich, "dass sie unter dem Strich bei Null landen". Wie die Rechnung schlussendlich durchgeführt werde, sei das eigentlich Interessante an der Sache. Und wenn der Rennkalender weiterhin ausgebaut würde, müsse man ohnehin hinterfragen, wie ernst es der Rennsportserie mit ihren Klimaplänen sei.

Auch unter nachhaltig gewonnenen Kraftstoffen könne man sich konkret erst einmal nichts vorstellen: "Heutzutage sind alternative Kraftstoffe wahnsinnig energieaufwändig. Man braucht unfassbare Mengen an Energie, um beispielsweise Kraftstoff aus Wasserstoff herzustellen. Verglichen mit einem strombetriebenen Auto sprechen wir da etwa vom Faktor eins zu fünf. Da kann man jetzt nicht wirklich von klimaambitioniertem Vorgehen sprechen."

Überhaupt sehe Greenpeace keinerlei Sinn darin, an einer Weiterentwicklung des Verbrennungsmotors zu arbeiten: "Das kann der Blick in jeden Weltklimabericht zeigen: Wir müssen so schnell raus aus dem Öl, dass man jetzt nicht noch Formel-1-Entwicklungsteams braucht, die den vielleicht noch einen Tick effizienteren Diesel- oder Benzinmotor entwickeln." Daher sei auch das Argument, die Formel 1 würde mit ihren Entwicklerteams zur Innovation der Straßenautomobilindustrie beitragen, längst hinfällig. Diese Argumentation, so Greenpeace, treffe wenn überhaupt nur auf die Formel E zu. Denn auch wenn das Auto an sich nur einen winzigen Bruchteil des CO2-Ausstoßes ausmache, gäbe es hier "einen technologischen Benefit".

Zwar könne man Teile der Argumentation auch auf andere internationale Sportarten anwenden, doch: "Beim Fußball muss man keine tonnenschwere Rennstallinfrakstruktur hin und her fliegen. Natürlich werden da auch ein paar CO2-Emissionen zustande kommen, aber die Frage ist ja, was dahinter steckt. Und hinter der Formel 1 mit ihren Verbrennungsmotoren steckt ein gewisser Lebensstil, der damit gepflegt und als Wunschvorstellung etabliert wird. […] Mannschaftssport hat ganz viele Dinge, die für ihn sprechen. Motorensport nur sehr wenige."

Nico Rosberg und Ehefrau Vivian Sibold

Nico Rosberg und Ehefrau Vivian Sibold bei der Verleihung der Green Awards im Rahmen des Greentech Festivals 2019. Das Festival soll auch 2020 wieder stattfinden.

Picture Alliance

Das harte Fazit des Mobilitäts-Experten: "Bei der verbrennungsmotorenbetriebenen Formel 1 sehe ich mittelfristig unter Klimagesichtspunkten keine Existenzberechtigung."

Nico Rosberg: "Die Formel 1 geht einen konsequenten Schritt"

Einer, der das ganz anders sieht, ist Nico Rosberg. Der Formel-1-Weltmeister von 2016, der inzwischen zwar nicht mehr selber fährt, aber weiterhin unter anderem als TV-Experte bei RTL fungiert, hat sich viel mit dem Thema nachhaltige Mobilität auseinandergesetzt. Neben Investments in Hersteller von E-Scootern und Elektrofliegern, begründete er das Greentech Festival für nachhaltige Technologie – und bewegt sich nebenbei nur noch mit Elektrofahrzeugen von Carsharing-Anbietern durch seine Heimat Monaco. Trotzdem ist er nach wie vor Verfechter seiner großen Liebe Formel 1: "Ich finde, die Formel 1 macht da mit ihrer Initiative einen ganz tollen Job und das muss man wertschätzen", so Rosberg gegenüber dem stern zum Klimapaket. Natürlich sei nichts perfekt, "aber ich finde es klasse, dass die Formel 1 diesen sehr konsequenten Schritt geht. Da geht es nicht darum, ein bisschen was zu verändern – die gehen mit diesem Paket aufs Ganze und haben sich sehr aggressive Ziele gesetzt, nämlich bis 2030 komplett bei Null zu sein, was ihren CO2-Fußabdruck angeht."

Nico Rosberg bei einem Rennen der Formel-E-Serie

Nico Rosberg bei einem Rennen der Formel-E-Serie, in die er auch investiert. Während E-Motoren zwar komplett strombetrieben sind, wird dieser derzeit auch noch nicht ausschließlich nachhaltig produziert.

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Mittelfristig halte er den Hybrid-Motor der Formel 1 noch immer für eine sinnvolle Lösung: "Wir dürfen nicht vergessen, dass das – in Deutschland übrigens auch im Vergleich zum Elektromotor – der effektivste Motor ist, den es derzeit gibt, weil die Energiezufuhr durch alternative Energien in Deutschland bei nur 40 Prozent liegt. Der Hybrid-Motor ist unglaublich effizient. Und wenn man dann auch noch mit synthetischen Kraftstoffen arbeitet, die, wie von der Formel 1 angekündigt, ohne große Emissionen produziert werden, dann glaube ich, dass man da schon sehr weit kommen kann."

"Man schafft es ja sogar, eine Greta Thunberg zu kritisieren"

Wenn wir alle darauf hinarbeiten würden, das Klimaproblem auf lange Sicht in den Griff zu bekommen, würde es nichts bringen, nur zu kritisieren: "Es ist einfach nicht realistisch, dass jeder Mensch jetzt Greta Thunberg wird." Im Grunde sei er nicht gegen die Meinung von Greenpeace, aber wenn man so wolle, gäbe es immer irgendetwas zu bemängeln."Man schafft es ja sogar, eine Greta Thunberg zu kritisieren, weil ihre Kollegen vom Segelboot zurückfliegen", so Rosberg. "Aber das ist extremistisch und einfach völlig unrealistisch." Und die Formel 1 habe sich mit ihren Plänen wirklich Großes vorgenommen: "Unser Ziel sollte es sein, unsere CO2-Emissionen überall, also auch in allen Businesses und allen Sportarten, extrem zu reduzieren." Die Gesellschaft müsse "bewusst" mit dem Klimaproblem umgehen und "spannende Kompensierungsformen finden."

Nico Rosberg und Florian König

Nico Rosberg hängte 2016 als Weltmeister den Helm an den Nagel, fungiert nun unter anderem als TV-Experte für RTL

Picture Alliance

Erst vor Kurzem war der amtierende Weltmeister Lewis Hamilton kritisiert worden, nachdem er auf Instagram zu Veganismus aufgerufen hatte. Er sei ein Heuchler, der versuche, die Welt zu retten, indem er kein Fleisch esse, gleichzeitig aber mit einem Privatjet durch selbige fliege. Hamilton kündigte daraufhin an, in Zukunft unter anderem nur noch Linienflieger zu nutzen. Rosberg zur Verantwortung der Fahrer: "Natürlich müssten alle anfangen, Linie und Economy zu fliegen. Denn auch First Class ist schon ein unglaublicher Multiplikator. Aber das ist nicht realistisch."

Abgesehen davon dürfe man nicht vergessen, welche Mehrwerte der Sport mit sich bringe: "Er ist inspirierend, er gibt Menschen Hoffnung, er gibt Menschen eine schöne Zeit, er begeistert sie und hilft ihnen aus schweren Momenten raus, wenn sie sehen, wie ihre Idole Großes erreichen. Das ist ja auch eine soziale Stärke, die Sport prinzipiell hat und unserer eben auch." Außerdem könne die Klimainitiative auch als Vorbild Menschen wirken, die die Formel 1 idolisieren.

Und was sagt er zu der Kritik von Greenpeace, ein erweiterter Rennkalender würde die Glaubwürdigkeit des Formel-1-Klimavorhabens in Frage stellen? "Wenn die Versprechen eingehalten werden, dass es am Ende CO2-neutral ist, dann kann man auch 30 Rennen in den Kalender schreiben. "

tis

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