Großer Preis von Italien Die Nerven liegen blank


Der Formel 1 ist an Nervenkitzel nicht zu überbieten: Die Silberpfeile führen Ferrari vor, McLaren-Boss Ron Dennis vergießt Tränen nach dem Doppeltriumph von Monza, Alonso und Hamilton liefern sich ein heißes Duell um den WM-Titel - und über allem schwebt die Spionageaffäre, die alles entscheiden kann.
Von Elmar Brümmer, Monza

Wären Formel-1-Rennen mit Leidenschaft zu gewinnen, würde es dieses Ergebnis nicht geben: Zum ersten Mal in der Geschichte feiert McLaren-Mercedes einen doppelten Erfolg beim Großen Preis von Italien, und über die Gemütslage bei Gastgeber Ferrari gibt allein schon der Rückstand des drittplatzierten Kimi Räikkönen Ausdruck. Mehr als eine halbe Minute hinter den Silberpfeilen lahmte der rote Rennwagen ins Ziel. Der steife Nacken des Fahrers taugt als Begründung, aber der frühe Ausfall von Felipe Massa mit einem mechanischen Schaden zeugt noch von etwas anderem. Den Italienern droht im Endspurt die Luft auszugehen. Sie sehen Rot, in jeder Hinsicht. Hamilton (92 Punkte) und Alonso (89) haben nun schon respektable Punktepolster auf Räikkönen (74) und Massa (69). Zumal noch kein Silberpfeil in diesem Jahr ausgefallen ist, die Ferrari-Piloten kamen jeweils zweimal nicht ins Ziel.

Die Nerven liegen bei McLaren-Mercedes blank

Die große Hoffnung der Italiener auf eine entscheidende Wende in dieser WM muss nun einem entsprechenden Urteil am Grünen Tisch bei der neuerlichen Anhörung im Spionage-Skandal kommenden Donnerstag gelten. In Monza nutzte der Scuderia nicht einmal der flankierende Eingriff der Staatsanwaltschaft Modena etwas, die kurz vor Beginn der Qualifikation am Samstag noch eilig Ermittlungsbescheide für ein Zivilverfahren zustellte. Sieben McLaren-Teammitglieder müssen sich demnach rechtfertigen. Die Betroffenen werten die Art und Weise der Ermittlung als bewusstes Störfeuer. Die Nerven liegen blank, das ist klar. Mercedes-Sportchef Norbert Haug versucht die bitter ernste Angelegenheit humorvoll abzutun: "Ich kann nur sagen: Hätten wir Ferrari kopiert, wären wir heute nicht so schnell gewesen."

Die Tränen von Teamchef Ron Dennis nach dem vierten McLaren-Doppelerfolg in dieser Saison zeugen von dem enormen Druck, der auf dem britischen Rennstall lastet. Die Floskel "Die beste Antwort gibt man auf der Strecke" konnte angesichts des sportlichen Hochs schon vor dem Rennen in die Presse-Mitteilungen getippt werden. Aber die Ängste, vor allem bei den Fahrern, vier Runden vor Ende dieser spannendsten Weltmeisterschaft seit Jahren von den Funktionären bestraft zu werden, sind groß. Advokaten sind in dieser Woche wichtiger als Aerodynamiker.

Kampf an allen Fronten

Auch an der zweiten Front abseits der Rennstrecke geht der Kampf bei McLaren-Mercedes weiter. Die kühle Gratulation zwischen Dennis und Alonso und die interpretierbaren Worte des ungeliebten Champions, dass ihm der Fahrer-Titel weit wichtiger ist als die Konstrukteurs-WM, sprechen Bände. In den spanischen Medien wird schon die Perspektive für den Titelverteidiger aufgezeigt: Rücktritt oder Renault. Seinen ersten Triumph beim Großen Preis von Italien feiert er als persönlichen Sieg, mit vier Einzelerfolgen hat er jetzt die meisten aller Fahrer. Auf die Frage, warum er nicht wie sonst üblich nach der Zielflagge ganz nah an die Mauer, also hin zum Kommandostand seines Teams gefahren sei, wich er wenig glaubhaft aus: "Dafür sind wir hier zu schnell." Vielleicht ist er ja noch schneller weg... Auf die Frage, ob er im nächsten Jahr bei McLaren bleibe, antwortete er: "Ich bleibe in der Formel 1..."

Gegenspieler Lewis Hamilton, der sich mit seinem querstehenden Auto überraschend den zweiten Platz von Kimi Räikkönen zurück holte, und damit wichtige Zähler für einen WM-Titel in seinem Lehrlingsjahr machte, fährt öffentlich das volle Gegenprogramm. Als Kämpfer für die gemeinsame Sache. In keinem Satz versäumt der farbige Brite, allen im Team zu danken, Zuversicht auszustrahlen und die Marken-WM als enorm wichtig herauszustellen: "Das würde zeigen, dass wir durch nichts zu stoppen sind." Im Konkurrenz- und im Titelkampf ist Hamilton keineswegs so brav.


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