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Großer Preis von Singapur: Roter Alptraum in dunkler Nacht

Die Formel 1 hat eine gelungene Nacht-Premiere auf dem Stadtkurs in Singapur gefeiert. Die tragik-komische Lachnummer von Ferrari sorgte für viel Spektakel. Mit Alonso hat das Rennen einen überraschenden Champion und für ein deutsches Quartett lohnte sich die Nachtschwärmerei ebenfalls.

Von Elmar Brümmer, Singapur

Es lässt sich trefflich streiten, was das erste Nachtrennen der Formel-1-Geschichte bedeutet: Hat es nur geblendet? Oder gar erleuchtet? Einigen wir uns in der Mitte – auf eine glänzende Premiere! Die Nacht der Bilder verdeutlichte die Macht der Bilder: Das Panorama von Singapur hat sich eingebrannt wie keine andere Rennstrecke. Und der Happinessfaktor von 30 Prozent, der in der Stadt nach der gelungenen Premiere festgestellt wurde, dürfte beim großen Sieger ein Vielfaches betragen. Zum zweiten Mal in Folge feiert die Formel 1 einen Üerraschungs-Champion, und Sebastian Vettels würdiger Nachfolger heißt: Fernando Alonso.

Fürs Drama war nicht der befürchtete Regen zuständig, den hatte der Südwind rechtzeitig vor dem Start vertrieben. Das Chaos, dass dieses Rennen mitentschieden hat, war hausgemacht bei Ferrari. Es kostete Felipe Massa nicht nur den Sieg, sondern vielleicht sogar den Weltmeistertitel. Der Brasilianer trollte sich nach einer neuerlichen Tankpanne auf Rang 13. ins Ziel.

Rosberg ist einer der großen Gewinner von Singapur

Alpträume und Träume wechselten sich in der Hitze der Nacht auf der extrem welligen Piste nach einem eher langweiligen ersten Rennviertel ab - und der zweite große Gewinner des 800. WM-Laufes hieß Nico Rosberg. Der Wiesbadener schaffte in seinem 50. Formel-1-Einsatz mit dem Williams-Team seine beste Platzierung: Rang zwei nach fast zwei Stunden Ausdauerrennen, noch vor seinem Kumpel Lewis Hamilton im Silberpfeil. Der 23 Jährige konnte nur noch stammeln: "Super! Super! Ich musste alles geben, alles riskieren. Das war am Ende ziemlich hart, aber es ist richtig toll!"

Nicht nur für Rosberg, gleich für ein ganzes deutsches Quartett hat sich die Nachtschwärmerei richtig gelohnt: Timo Glock brachte seinen Toyota völlig korrekt als Vierter ins Ziel, Monza-Sieger Sebastian Vettel den Toro Rosso beachtlich auf Rang fünf, Nick Heidfeld wurde im BMW Sechster. Drei Rennen vor Saisonende macht es die Stadtrundfahrt von Singapur in der Weltmeisterschaft weiter spannend, Lewis Hamilton verbesserte immerhin seine Führungsposition auf jetzt 84 Punkte vor Massa (77). BMW-Pilot Robert Kubica (64) und der Fünftplatzierte Titelverteidiger Kimi Räikkönen (57) und Nick Heidfeld (56) bleiben interessierte Außenseiter.

Erste Genugtuung für Alonso

Für Fernando Alonso, den Weltmeister von 2005 und 2006, war es die erste Genugtuung seit seinem unrühmlichen Abgang bei McLaren, erstmals zahlte sich seine Schinderei bei Renault aus: "Einfach fantastisch. Das wird Tage dauern, bis ich es begreife. Ich dachte schon, für mich ist Siegen unmöglich." Das französische Team hat nicht mal einen Simulator, im Rennen fiel in der zweiten Runde die Trinkflasche aus, am Ende fiel die Champagnerpulle zu Boden - aber seinen Durst stillte Alonso auf gekonnte und stolze Art auf der Piste. Er machte Macho-Teamchef Flavio Briatore beinahe zum Poeten: "Der liebe Gott hat es uns zurückgezahlt!" Was so ein Erfolg alles bewegt: Plötzlich sieht es so aus, als ob Alonso sich am Jahresende nicht vorzeitig Richtung Honda oder BMW vom Acker machen will. Im Spektakel von Singapur, das auch ein großes Strategiespiel wurde, war die Entscheidung für Renault fast "hausgemacht" – als Nelson Piquet sein Auto in die Barrieren gerammt hatte und eine ewig lange Safety-Car-Phase einleitete. Das mischte alles auf: Nico Rosberg und Robert Kubica kamen zu früh in die Box, mussten später Nachsitzen. Rosberg dachte schon, sein Rennen sei vorbei. Alonso, der von Rang 15 (!) aus gestartet war, hatte schon früher nachgetankt – das war der entscheidende Schachzug, der ihn bei der Neutralisierung nach vorn spülte. Nicht nur Mercedes-Sportchef Norbert Haug verzweifelte an den komplizierten Nachtankregularien, die alles durcheinander wirbelten, was zuvor gegolten hatte: "Eine Regel, die weiter hinten Fahrende belohnt und Vordere bestraft, werde ich nie verstehen."

Ferrari-Team unterlief folgenschwerer Fehler

Alleine hätte es wohl aber nicht zum Sieg gereicht, Spitzenreiter Felipe Massa wurde im 17. Umlauf vielleicht um den Weltmeistertitel gebracht. Er raste mit dem Tankrüssel im Heck los, weil ihm die futuristische Ampel an der Ferrari-Box kurz das grüne Licht gezeigt hatte. Der Brasilianer gab schon Gas, als die von Ferrari selbst entwickelte Elektronik den Irrtum bemerkte und auf Rot sprang. Die anderen Teams vertrauen noch auf handgemachte Hinweisschilder, so genannte "Lollipops". Aber Massa riss Mechaniker Claudio Bersini und hätte fast noch einen anderen Wagen gerammt. Erst Ende der Boxengasse blieb er dann stehen. Fünf Ferrari-Männer rannten ihm hinterher, minutenlang mühten sie sich, den Schlauch aus dem Heck zu kriegen. Was für eine Panne, was für eine Lachnummer! Schon in Valencia hatte es mit Kimi Räikkönen einen ähnlichen Zwischenfall an der Tanke gegeben. Massa wurde später wegen Verkehrsgefährdung bestraft, er kam als Vorletzter ins Ziel. Auch Titelverteidiger Kimi Räikkönen verspielte wohl alle (ohnehin theoretischen) Chancen, als er vier Runden vor Schluss den zweiten Ferrari in die Mauern setzte. Und ein Dreher von Massa kostete auch noch Adrian Sutil die Zieldurchfahrt. Es war zum Rot sehen. Showtime Singapur. Die Flutlichter über der Piste sind erloschen, aber das Leuchten in den Augen bleibt. Bei Formel-1-Vermarkter Bernie Ecclestone funkeln sie sogar: "Singapur ist schon jetzt das Kronjuwel der Formel 1. Ich habe immer gesagt, dass wir uns nach Osten orientieren müssen, nicht nach Westen." Sieger Fernando Alonso stimmte dem – natürlich – zu: "Was für eine besondere Stimmung hier herrschte. Ich hoffe, wir werden noch viel mehr Nachtrennen haben." So lange man den richtigen Durchblick behält...

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