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Lewis Hamilton Der Musterschüler


Er ist der erste schwarze Formel-1-Fahrer der Geschichte und gilt als Wunderknabe: Wer ist dieser Lewis Hamilton, der so schnell ist wie Weltmeister Fernando Alonso?
Von Elmar Brümmer

Gelb muss der Helm sein, auf jeden Fall. Nicht einfach gelb, sondern leuchtend wie ein Textmarker. Nur so hält es der Vater aus, wenn der Sohn Rennen fährt. Er will ihn auf eine halbe Meile Entfernung erkennen können, wollte das schon immer, als der Kleine noch im Kart saß. Übertriebene Fürsorge von Anthony Hamilton - sein Sprössling wäre auch so ganz leicht im Fahrerfeld auszumachen. Bis heute, bis in die Formel 1, gilt: Wo Lewis Hamilton ist, ist vorn. Er fährt für McLaren-Mercedes, hat also ein schnelles Auto. Und doch: So ein Debüt hat niemand erwartet, so ein Debüt gab es in der Formel 1 noch nie. Fünf Rennen, fünfmal nacheinander aufs Siegerpodest gefahren, viermal davon Zweiter, zweimal den Weltmeister Fernando Alonso aus dem eigenen Rennstall hinter sich gelassen - Hamilton, 22 Jahre alt, ist in die Szene eingedrungen wie ein Hurrikan. Aber er ist nicht nur schnell und heißer Favorit auf den Sieg beim Großen Preis von Kanada an diesem Wochenende. Er ist auch smart, nett, gut aussehend. Ein perfekter Typ zur Heldenverehrung. In seiner Heimat England sind die Einschaltquoten der Rennen um 50 Prozent in die Höhe geschnellt. Man wartet ja seit Damon Hill auf einen neuen Siegfahrer, nun hat der Poker um Hamiltons erste Biografie begonnen, sein Haus im Londoner Vorort Tewin Wood wird rund um die Uhr von Kameraobjektiven bewacht. Exklusivtermine mit "Lew", so nennt ihn die englische Presse zärtlich, gibt es seit Wochen nicht mehr. Bloß keine Ablenkung.

Zur Verabredung mit dem stern aber, im McLaren-Hauptquartier beim Londoner Flughafen Heathrow, erscheint Lewis Hamilton wie verabredet. Das Erste, was man von ihm sieht, hoch oben auf einem verglasten Steg, schmerzt in den Augen. So hell ist es hier. Lewis Hamilton, die neue Lichtgestalt des Motorsports, inszeniert von Imageberatern? Nein, Hamilton hat nur die Morgensonne im Rücken. Fürs Fotoshooting hat die Pressedame ein frisches T-Shirt rausgelegt, das er brav überstreift. Sie hätte auch gern, dass Lewis dazu seine ebenso blütenweißen Zähne zeigt: "Komm, lächle doch mal!" Hamilton wartet, bis die konzentrierte Pose im Kasten ist, dann entgegnet er höflich: "Lächeln hatten wir schon. Ich möchte dem Fotografen einfach verschiedene Gesichtsausdrücke bieten." Am liebsten würde man ihn jetzt am Nacken packen, irgendwo da muss der Chip stecken, der so viel Perfektion steuert. Denn Hamilton erzählt, er habe früher freiwillig sein Kinderzimmer aufgeräumt, nach seinem ersten Formel-1-Rennen selbst seine Wäsche gewaschen. "Wenn ich täglich aufräume, besteht erst gar keine Gefahr, dass es unordentlich wird. Diszipliniert sein, das heißt aber auch, sich ernsthaft auf seine Aufgaben zu konzentrieren, statt nur herumzuhängen. Ich habe diese Disziplin gelernt. Lernen müssen."

Seine Schnelligkeit verhindert Klassenkeile

Ein Streber also. Einer, der eigentlich von seinen neuen Kameraden sofort Klassenkeile beziehen müsste - wäre er nicht besser als sie. Im Falle der Formel 1: schnell. Unheimlich schnell. So entkommt er dem unerbittlichen Straßenkampf im Mittelfeld, der schon viele Talente kleingekriegt hat. Längst sind die britischen Reporter ausgeschwärmt, um Schattenseiten zu finden. Ein Modellathlet, das ja, aber nicht vielleicht auch ein modellierter? Noch haben sie nichts gefunden. Es ist sein ungezwungener Charme, der Lewis Hamilton so außergewöhnlich macht. Im Nu hat Grand-Prix-Vermarkter Bernie Ecclestone beschlossen, die von Michael Schumacher hinterlassene Leerstelle durch Hamilton zu besetzen: "Der Junge ist ein Geschenk für die Formel 1. Er ist jung, sieht gut aus, und er redet auch mit den Leuten."

Manieren aber wirken nur dann unwiderstehlich, wenn einer auch erfolgreich ist. Hamilton ist das, was man einen "kompletten Fahrer" nennt. Mit Gefühl, Willen, Intelligenz, Fitness, technischem Verständnis und viel Instinkt. "Würde man ihm Michaels Helm aufsetzen", sagt Ecclestone, "könnte man denken, dass er Schumacher ist." Ein größeres Kompliment hat der Formel- 1-Boss nicht zu vergeben. Weltmeistertauglich werden Hamiltons Fähigkeiten durch das Gen, auf jede veränderte Situation blitzschnell richtig zu reagieren. Damon Hill, Englands letzter Weltmeister, urteilt: "Bei Lewis erscheint das Auto als Teil seines Körpers." Deshalb sehe alles so leicht aus, was Hamilton tut. Dabei ist es das Ergebnis jahrelanger Vorbereitung. Noch nie ist ein Novize so umfassend vorbereitet worden auf die Formel 1: eine Karriere mit gedrückter Vorspultaste. Und kein Geringerer als der mächtige Ron Dennis, der Chef von McLaren-Mercedes, spielt seit Jahren die Super-Nanny. Wie der eine zum anderen kam, gehört zu den schönsten Episoden, die in der Szene kolportiert werden. Vielleicht auch, weil es Hamilton war, der Dennis ausgesucht hat - nicht umgekehrt.

"Melde Dich in neun Jahren wieder"

Ein Winterabend 1995, die Preise für die besten britischen Rennfahrer werden verliehen. Ein aufgeweckter Knirps in einem viel zu großen und für sein Alter viel zu ordentlichen Anzug tritt an den Tisch von Ron Dennis, der schon damals einen Ruf wie Donnerhall hat. Der kecke Zehnjährige hat zwei Fragen an Dennis: Ob er ein Autogramm haben könne? Und: Ob er eines Tages mal für sein Team fahren dürfe? Dennis ist ebenso perplex wie gerührt, kritzelt Klein-Lewis eine Widmung ins Poesiealbum und seine Telefonnummer dazu. "Melde Dich in neun Jahren wieder", das hat Dennis geschrieben - und hält es selbst nicht aus, so lange zu warten. Zwei Jahre später, Hamilton hat gerade zum dritten Mal in Folge den Gokart- Titel erobert, greift Dennis zum Telefon: "Lewis, ich will dir helfen." Der Junge wird für das Nachwuchsprogramm von McLaren-Mercedes rekrutiert, von nun an werden gut sechs Millionen Euro in seine Ausbildung gesteckt. Eine Langzeitinvestition. Lewis zahlt sie mit Rekordrunden zurück. Die Leidenschaft und Entschlossenheit des Fahrschülers imponiert Dennis, er erkennt Motive seiner eigenen Vita wieder, die ihn vom ölverschmierten Mechaniker zum Millionär werden ließ.

Die Hamiltons kamen in den 50er Jahren aus der Karibik nach Großbritannien, der Großvater nahm einen Job als Bahnarbeiter an, und auch der Vater heuerte dort an. Dass Anthony Träume hatte, erkannte man am besten am Namen seines Sohnes, den er nach Carl Lewis taufte, dem 100- Meter-Olympiasieger von Los Angeles. Allerdings umgedreht: Lewis Carl. Ein Wunderkind aber schien der Junge nicht zu sein. Lewis war ängstlich, kam in der Schule nicht klar, sein Vater schickte ihn zum Karatetraining. Das schulte den Körper, aber auch die Seele. "Für mich war das Wichtigste daran, dass ich Selbstvertrauen aufbauen konnte", sagt Hamilton. "Für mich ist das Leben ein Wettbewerb. Ich gehe nicht mit Erwartungen an Aufgaben heran, sondern mit einem Ziel." Das Ziel ist von jeher klar: der Schnellste zu sein. Auch schon im Gokart, auch wenn die Rivalen älter und größer waren. Zusammen zogen Vater und Sohn von Rennstrecke zu Rennstrecke. Dabei wurden sie, so heißt es, die besten Freunde. "Ich weiß, dass ich einen Teil meiner Kindheit für den Sport geopfert habe", sagt Lewis Hamilton. Das fahrende Gewerbe sei eine Charakterschule gewesen: "Durch den Motorsport bin ich schneller erwachsen geworden. Ich war ja immer mit Erwachsenen zusammen, und ich wollte, dass sie mich respektieren."

Idole: der Papa und Ron Dennis

Die Dankbarkeit ist der Ursprung seiner permanenten Selbstbeschleunigung: Lewis Hamilton braucht bis heute keine anderen Idole als Papa Anthony und Ziehvater Ron Dennis. "Ich habe ihn dazu erzogen, stets nach dem Höchsten zu streben", hat sein Vater Anthony mal gesagt, "und ich bin stolz auf das, was er erreicht hat. Stolzer auf den Menschen als auf die Resultate. Lewis entkräftet das Vorurteil, dass nette Jungs nicht gewinnen können." Die Parallele zum weltbesten Golfer Tiger Woods ist schnell gezogen. Auch der ist schwarz, auch der ein rundum properer Kerl. Lewis Hamilton hat kein Problem mit der Schwarz-Weiß-Denke, sagt er: "Für mich bedeutet es nicht so viel, der erste Schwarze zu sein - für den Sport an sich aber wohl eine ganze Menge. Vielleicht fallen ein paar Hürden, wenn es einer mal geschafft hat." Beim Großen Preis von Monaco war Hamilton kurz davor, es zu packen, den ersten Sieg zu landen. Doch sein Team McLaren-Mercedes pfiff ihn zurück, damit Kollege Alonso gewinnen konnte. Als er zur Fürstenloge hochstieg und den Pokal für den Zweiten entgegennahm, lächelte Hamilton wie so oft – dieses Mal so, als ob man ihm einen Strauß Brennnesseln in die Hand gedrückt hätte.

Aber er begehrte nicht auf, machte sich klein für sein Team. Es gibt aber nicht wenige Beobachter, die behaupten: Der Hamilton ist wirklich so. Einfach ein feiner Kerl. Der Einzige, der ihm Konkurrenz mache, sei sein Bruder Nicolas. Der 15- Jährige ist trotz zerebraler Kinderlähmung der große Spaßvogel an der Rennstrecke, er wirbelt im Rollstuhl das Fahrerlager durcheinander und bringt Gefühle in die oft so glatte und sterile Hightech-Welt. Ihm, dem großen Bruder, bringe Nicolas Inspiration und Motivation, sagt Lewis Hamilton: "Immer wenn ich glaube, Probleme zu haben, denke ich an sein Leben. Er kann nicht die Hälfte der Dinge tun, die ich tun kann, und ist dennoch glücklich. Gemessen daran, kommen einem die eigenen Probleme viel kleiner vor." Kürzlich hat er Nicolas ein Computerspiel gekauft, mit dem sie am Bildschirm gegeneinander Rennen fahren können. Lewis Hamilton verliert häufig, aber das macht ihm ausnahmsweise nichts aus. Es ist eine Version vom letzten Jahr. Im Silberpfeil, seinem Auto, sitzt ein gewisser Kimi Räikkönen.

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