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Schumacher-Interview: "Wer sich nicht hinterfragt, hat keinen Erfolg"

In einem Interview spricht Michael Schumacher über seine Chancen am Sonntag in Hockenheim und das spannende Titelrennen mit seinem Bruder

Michael Schumacher, im Vorjahr konnten Sie sich als frisch gekürter Weltmeister bei ihrem Heimrennen in Hockenheim von den Fans feiern lassen; dieses Mal haben Sie nur sieben Punkte Vorsprung vor McLaren-Mercedes-Mann Kimi Räikkönen. Mit was für unterschiedlichen Gefühlen treten Sie beim Großen Preis von Deutschland an?

"Meine Gefühlslage ist eindeutig: Vorfreude. Die Tatsache, dass ich diesmal nicht als Weltmeister nach Hockenheim komme, ändert daran nichts - das war im letzten Jahr eine Ausnahme, und dessen war ich mir immer bewusst. Diesmal habe ich sieben Punkte Vorsprung, gut so. Freuen wir uns also auf ein spannendes Rennen."

Bislang zwei Mal (1995 und 2002) konnten Sie den deutschen Grand Prix gewinnen. Was sind die Gründe für die für Ihre Verhältnisse bescheidene Bilanz und verbessern Sie diese am Sonntag?

"Stimmt schon, bisher lief es gerade mit Ferrari in Hockenheim meistens irgendwie gegen uns. Mal war der Zuschnitt des damaligen Kurses eher ungünstig für unser Auto, mal ist etwas anderes passiert. Vielleicht ist ja im vergangenen Jahr der Knoten geplatzt, wünschen würde ich es natürlich. Ich würde gerne meine Bilanz dort verbessern, keine Frage, nur wollen das die anderen Fahrer auch..."

Ist Rubens Barrichellos Sieg in Silverstone ein Beleg dafür, dass Ferrari im Titelrennen die Nase wieder vorn hat und der zweifache Doppelerfolg von Williams-BMW davor in Monaco und Magny- Cours nur ein Strohfeuer war?

"Nein, er ist ein Beleg dafür, dass es in diesem Jahr sehr eng zugeht zwischen den drei Top-Teams und dass manche Strecken auf Grund ihrer speziellen Charakteristik einem Team entgegenkommen, andere Strecken dann wieder einem anderen Team. In diesem Jahr sind die Stärken stark streckenspezifisch. Voraussagen lassen sich daher nur mehr schwer machen, vor allem auf Strecken, auf denen nicht getestet werden kann. Aber mit Sicherheit hat Silverstone gezeigt, dass wir unsere kurze Schwächephase überwunden haben und im Titelrennen wieder voll dabei sind."

Ihr Manager Willi Weber ist felsenfest davon überzeugt, dass Sie den Titel verteidigen und zum sechsten Mal Weltmeister werden. Haben Sie noch irgendwelche Zweifel daran?

"Willis Meinung in Ehren, aber so lange ich den Titel nicht in der Tasche habe, habe ich permanent Zweifel. So bin ich nun mal, das liegt in meinem Naturell. Ich hinterfrage mich ständig. Meine Erfahrung ist: wer sich nicht hinterfragt, hat keinen Erfolg."

Nach Ralfs beiden Siegen sprachen viele wieder vom Bruderduell. Hat er angesichts von 16 Punkten Rückstand auf Sie noch eine reelle WM-Chance?

"Silverstone hat doch gezeigt, wie schnell es gehen kann: vorher war er WM-Aspirant, jetzt heißt es, er könne nicht mehr eingreifen. Wenn es sich so schnell in die eine Richtung ändern kann, geht das auch in die andere Richtung. Es sind noch fünf Rennen zu fahren, da kann noch viel passieren."

Wer ist Ihr schärfster WM-Rivale: Räikkönen, weil er am nächsten dran ist, oder doch das weiß-blaue Duo Juan Pablo Montoya und Ralf Schumacher, weil der Williams-BMW mehr Potenzial als der Silberpfeil zu haben scheint?

"Noch gibt es für mich keinen 'schärfsten' Rivalen. Alle sind stark, und alle haben ihre Chancen. Zuletzt sprach die Tendenz eher für die BMW-Williams, und die Tatsache, dass McLaren- Mercedes das neue Auto noch nicht bringen kann, stützt vielleicht diese Tendenz. Aber von den Punkten her ist Kimi noch immer mein härtester Gegner, und die Punkte Vorsprung, die er vor den anderen Fahrern hat, sind in diesem Jahr schwer aufzuholen."

Was für ein Vorteil ist es für Sie, dass McLaren-Mercedes das neue Auto erst beim drittletzten Saisonlauf in Monza - wenn überhaupt - einsetzt?

"Ich hoffe doch, ein großer! Nein, im Ernst, bevor ich dazu etwas sagen kann, müssen wir alle erst einmal wissen, was Fakt ist."

Welches der drei Top-Teams Ferrari, Williams-BMW und McLaren- Mercedes profitiert am meisten vom sechswöchigen Testverbot bis zum 1. September, für welches bringt diese Zwangspause die größten Nachteile?

"Da ich in die Planungen und Arbeitsabläufe der anderen beiden Teams nicht eingeweiht bin, kann ich dazu nicht viel sagen. Ich denke, am schwierigsten ist es für ein Team, das die Tests zur Weiterentwicklung des Autos bräuchte. Ich kann nur für uns sprechen, und wir haben beim letzten Test vor der Pause extrem hart gearbeitet und sind zufrieden mit den Erkenntnissen, die wir daraus gezogen haben. Insofern haben wir keine Nachteile."

Das Gespräch mit Michael Schumacher führte dpa-Korrespodent Elmar Dreher

DPA

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