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6:1-Sieg gegen OSC Lille in der Champions League: Unendlicher Spaß für die Bayern

Uli Hoeneß hatte vor dem Spiel gegen den OSC Lille gefordert, die Franzosen "wegzuputzen". Das hat der FC Bayern auf beeindruckende Weise getan – nur Manuel Neuer hatte keinen Spaß.

Von Tim Schulze

Der Torhüter Manuel Neuer war ein einziges Mal an diesem Abend richtig außer sich. Der Bayern-Keeper bekam nur einen nennenswerten Schuss auf sein Tor – und der saß. Neuer fischte den Ball aus dem Netz, fluchte und warf das Spielgerät wütend auf den Rasen. Seine Reaktion kann man verstehen. Seine Mitspieler spielten gegen den OSC Lille wie in einem Trainingskick an einem lauen Sommerabend in der Vorbereitung. Der Ball lief fast ohne Gegenwehr durch ihre Reihen, sie kombinierten, schossen Tore wie am Fließband und waren einfach nur gut drauf. Kurzum: Die Bayern hielten sich an die Forderung von Präsident Uli Hoeneß vor dem Spiel, Lille "wegzuputzen". Alle Münchner Profis, die auf dem Platz standen, hatten eine Menge Spaß gegen einen Gegner, der jegliche Champions-League-Reife missen ließ. Nur Neuer, der hatte keinen Spaß.

Er muss sich wie im falschen Film vorgekommen sein. Schon am vergangenen Sonntag im Spiel beim Hamburger HSV erlebte der Keeper einen sehr ruhigen, sehr unspektakulären Einsatz, in dem er kaum geprüft wurde, während seine Vorderleute die Hamburger mit 3:0 auseinandernahmen. Wahrscheinlich hat sich Neuer auf das Spiel gegen die Franzosen sehr gefreut. Auf ein paar Aktionen, in denen er seine Klasse hätte beweisen können.

Die Gäste aus Frankreich konnten einem leidtun

Stattdessen blieb er beschäftigungslos, bis auf diese eine Ausnahme in der 58. Minute, als die Bayern schon mit 5:0 führten und ein wenig nachlässig agierten. Javier Martinez attackierte seinen Gegenspieler zu nachlässig. Lilles Salomon Kalou zog beherzt ab und der Ball flog direkt unter die Latte. Das einzige Mal also, als Neuer im Mittelpunkt stand, kassierte er ein Tor. Es gab da noch einen Ball in der 80. Minute, der an die Latte ging. Das verbesserte die Laune des Torwarts auch nicht mehr.

Neuers Kollegen bekamen dagegen das Gute-Laune-Grinsen gar nicht mehr aus dem Gesicht. Bastian Schweinsteiger leitete die Gala-Vorstellung der Bayern in der Allianz Arena mit seinem Freistoßtor in der 5. Minute ein. Das war der erste Druck schnell weg, und das merkte man der Mannschaft von Jupp Heynckes an. Sie spielte mit hohem Tempo, ballsicher und variabel. Die Franzosen waren dagegen sichtlich geschockt durch den frühen Rückstand und wussten in der Folge gar nicht, wie ihnen geschah. Der blendend aufgelegte Thomas Müller vergab zunächst eine hochkarätige Torchance. Doch die Bayern zogen das Tempo weiter an und stürzten Lille ins Verderben. Eine furiose Kombination mit Arjen Robben und Franck Ribéry schloss Claudio Pizarro in der 18. Minute erfolgreich ab. Ein abgefälschter Freistoß von Robben und zwei weitere Tore durch Pizarro, jeweils nach Vorlage von Philipp Lahm, entschieden die Partie. In der 33. Minute führten die Münchner mit 5:0. Die Gäste aus der nordfranzösischen Stadt konnten einem leidtun.

Klare Ansage von Heynckes

Pizarro stand beispielhaft an diesem Abend für die neue Stärke der Bayern, die in der Breite und Qualität des Kaders liegt. Neben dem erkrankten Mario Mandzukic, für den Pizarro in die Mannschaft gerutscht war, und Mario Gomez, der nach seiner Verletzung noch nicht hundertprozentig fit ist, steht ein weiterer erstklassiger Angreifer bereit. Drei Tore sind ein Ausrufezeichen. Die größte Herausforderung für Trainer Jupp Heynckes bleibt es, den Konkurrenzkampf weiter in konstruktive Bahnen zu lenken. Das gilt für alle Mannschaftsteile. Im Mittelfeld rotierte diesmal Toni Kroos auf die Bank. Heynckes Lob für den 34-jährigen Pizarro fiel im Hinblick auf seine künftige Rolle nüchtern aus: "Claudio ist dafür angestellt, dass er gute Spiele und Tore macht." Das ist eine klare Ansage: Niemand darf Ansprüche anmelden. Spitzenleistungen gehören zum Anforderungsprofil. Mit Blick auf das Spiel hob Heynckes die Schwäche des Gegners hervor: "Wir haben in der ersten Halbzeit wie aus einem Guss gespielt, aber natürlich war der Gegner nicht allererste Klasse".

Den Bayern-Profis ging diese Nüchternheit kurz nach Schlusspfiff ab. "Da gibt es nur ein Wort: eine Superleistung. Es macht so viel Spaß, für alle. Für die Zuschauer, aber auch für uns. Dafür ist man Fußballspieler geworden", schwärmte Robben. Mit seiner Torausbeute war der Niederländer dennoch nicht zufrieden. In der zweiten Halbzeit vergab Robben drei weitere gute Gelegenheiten, doch das war zu diesem Zeitpunkt ohne Bedeutung.

Nur die kleinlichen gelben Karten des rumänischen Schiedsrichters Ovidiu Alin Hategan für Ribéry und Schweinsteiger waren kleine Wermutstropfen (der Schiedsrichter hatte vor dem Spiel sogar Florent Balmont von Lille vom Feld geschickt, weil seine Unterhose die falsche Farbe (!) hatte). Der eingewechselte Toni Kroos erhöhte die Torausbeute, wieder nach Vorarbeit von Lahm. Der Kapitän war ebenfalls ein wenig berauscht: "Man hat gesehen, dass wir von Anfang an Gas gegeben haben. Wir haben einen richtigen Lauf. So kann es weitergehen."

Das ist ein verständlicher Wunsch. In der Tabelle der Gruppe F sind die Bayern jetzt mit neun Punkten Zweiter hinter Valencia, das ebenfalls neun Zähler hat. Dahinter rangiert Bate Borisov mit sechs Punkten. Gegen beide Teams spielen sie noch. Und dann wird auch Manuel Neuer endlich wieder Spaß haben. Von der K.o.-Phase ganz zu schweigen.

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