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Fußball 95 Millionen Euro für einen Stürmer aus Holland – warum der Transfermarkt überhitzt ist wie nie

Teure Transfers: Antony wechselte für 95 Millionen Euro von Amsterdam nach Manchester
Teure Transfers: Antony wechselte für 95 Millionen Euro von Amsterdam nach Manchester
© MAURICE VAN STEEN/ / Picture Alliance
Die jüngste Transferperiode im europäischen Fußball war reich an verrückten Deals. Vor allem englische Klubs trieben die Preise in die Höhe. Die Bundesliga jedoch blieb gelassen und konnte sogar einige ihrer besten Kräfte langfristig binden.
Der "kicker" ist so etwas wie das Amtsblatt der deutschen Fußballbranche. Sachlich im Ton, seriös in den vermeldeten Inhalten. Doch nun hat sich der "kicker" einer Falschmeldung schuldig gemacht: "Manchester United schnappt sich Antony" hieß es auf der Website des Fachblatts. Richtig ist, dass der brasilianische Stürmer von Ajax Amsterdam nach England wechselt. Falsch ist, dass ManU ihn sich "geschnappt" hätte.  Das klingt federleicht, gerade so, als hätte Antony für ein paar Sekunden auf Transfermarkt getanzt, und Manchesters Sportdirektor habe dann blitzschnell gerufen: "Kauf ich!"
Das Gegenteil stimmt. Der Transfer von Antony zog sich über Wochen, erst erklärte Ajax den Angreifer für unverkäuflich, um ihn dann schließlich für 95 Millionen Euro gehen zu lassen. 

Die Premier League bleibt weiter das Kraftzentrum des europäischen Fußballs

Der Wechsel von Antony, 22, aufgewachsen in Sao Paulo, strahlt weit über Manchester und die Premier League hinaus. Es ist die wohl verrückteste Personalie der Sommer-Transferperiode, die am Donnerstagabend endete. Fast 100 Millionen für einen Stürmer, der in gerade mal 57 Spielen 18 Tore für Ajax geschossen hat, das ist aberwitzig. Zum Vergleich: Erling Haaland, einer der weltbesten Stürmer, ging im Juni für 70 Millionen von Borussia Dortmund zu Manchester City, Robert Lewandowski für 45 Millionen vom FC Bayern nach Barcelona und Sadio Mané für 32 Millionen von Liverpool nach München. Haaland, Lewandowski und Mané sind etablierte Kräfte – Antony wirkt dagegen wie ein Namenloser. 
Dass der Brasilianer dennoch eine solch hohe Ablösesumme erzielt, sagt viel aus über den europäischen Fußball. Dessen Kraftzentrum bleibt weiterhin die Premier League. Von Sommer zu Sommer schiebt sie die Markpreise nach oben, meist in Schritten von zehn bis zwanzig Millionen Euro. Die heute allseits beklagte Inflation wütet hier schon seit Jahren. Für einen handelsüblichen Durchschnittsspieler, der zwischen Ersatzbank und Startelf pendelt, werden in England heute etwa 20 Millionen Euro aufgerufen; eine Stammkraft kostet 40 bis 50 Millionen – und diese Preise zahlen nicht nur Großklubs wie Liverpool, Chelsea, Tottenham und die beiden Vereine aus Manchester. 
Auch Newcastle United bietet mit, ausgestattet mit üppigen Budgets vom neuen Eigentümer, dem 400 Milliarden schweren saudi-arabischen Staatsfonds PIF. Wie es sich für Neureiche in der Premier League gehört, wurde erst mal ordentlich geprasst: Vor wenigen Tagen holte Newcastle für 70 Millionen Euro den jungen Schweden Alexander Isak aus San Sebastian. Jenen Isak, der sich bei Borussia Dortmund einst nicht hatte durchsetzen können. 

Die aktuellen Transfers zeigen: Die Bundesliga kann trotzdem mithalten

Selbst die Aufsteiger in der englischen Liga scheinen über nahezu unbegrenzte Mittel zu verfügen. So holte Nottingham Forest aus Liverpool den Reservisten Neco Williams für 20 Millionen Euro und vom Ligakonkurrenten Wolverhampton für 30 Millionen den englischen U21-Nationalspieler Morgan Gibbs-White. Alles Transfers, die in der Bundesliga kein Verein stemmen könnte – selbst der FC Bayern würde für gehobenes Mittelmaß keine zweistellige Millionensummen ausgeben. 
Zu groß für die Bundesliga: Erling Haaland
Zu groß für die Bundesliga: Erling Haaland
© Simon Bellis/ / Picture Alliance
Mit dem finanziellen Erstarken der Premier League nehmen in Deutschland die Stimmen zu, die fürchten, die Bundesliga werde abgehängt. Es drohe der Ausverkauf der besten Spieler. Aber ist das tatsächlich so? Das aktuelle Transfergeschehen gibt eine eindeutige Antwort: nein. 
Erling Haaland hat zwar die Liga verlassen, doch es war schon bei seiner Vertragsunterschrift in Dortmund vor zwei Jahren klar, dass der BVB nur eine Durchgangsstation sein würde. Haaland steht vor einer Weltkarriere, er besitzt das Zeug einer der ganz Großen zu werden, einer wie Cristiano Ronaldo, Messi oder Mbappé. Für einen solch Hochbegabten war die Bundesliga schon immer zu klein, auch vor zehn oder zwanzig Jahren bereits. 
Gegangen ist auch Robert Lewandowski. Sein Abschied hatte jedoch nichts mit fehlender Finanzkraft seines Arbeitgebers zu tun – es gab lediglich einen Ermüdungsbruch zwischen Lewandowski und dem FC Bayern. Lewandowski wollte einfach weg nach acht Jahren in München. Dort wurde der Mittelstürmer nahezu gleichwertig durch Sadio Mané ersetzt, und andere Offensivspieler wie Serge Gnabry oder Leroy Sané blühen auf. Schon jetzt, wenige Wochen nach dem Ligastart, wird Lewandowski nicht mehr vermisst.

Der Ruf nach Investorengeldern könnte lauter werden

Für die These, dass die Bundesliga stabil dasteht im Fernduell mit der Premier League, spricht auch die Widerstandskraft von Vereinen wie RB Leipzig oder Bayer Leverkusen. Christophe Nkunku, 24, Marktwert 80 Millionen Euro, war einer der begehrtesten Spieler der zurückliegenden Transferperiode. Und trotzdem gelang es Leipzig, den Vertrag mit dem französischen Nationalspieler zu verlängern. Oder Leverkusen: Stürmer Patrik Schick blieb, obwohl heiß umworben. Und Florian Wirtz, 19, das wohl größte Talent des deutschen Fußballs, verlängerte während einer Verletzungspause seinen Vertrag bis 2027.
Christophe Nkunku, 24, konnte von Leipzig gehalten werden
Christophe Nkunku, 24, konnte von Leipzig gehalten werden
© Jose Breton/ / Picture Alliance
So ausgehöhlt und darbend, wie die Bundesliga oftmals dargestellt wird, ist sie also nicht. Noch nicht? Wie sich die Liga langfristig gegenüber der Premier League wird behaupten können, ist offen. Aktuell verbietet es die sogenannte 50+1-Regel, dass Investoren die Mehrheit an einem Bundesligaverein übernehmen können. Damit ist auch der Kapitalzufluss gedrosselt. Doch wenn sich auch sich auch in der die Bundesliga die Fälle häufen sollten, in denen selbst Mittelklassespieler nicht mehr gehalten werden können, wird der Ruf nach Investorengeld lauter werden. Der deutsche Fan mag ein Traditionalist sein und den Turbokapitalismus im Fußball verfluchen, aber verlieren, das tut er auch sehr ungern.

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