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AUS DEM STERN 14/2001: Abschied mit Anstand

Thomas Strunz hat alle Spötter überrascht- der Kicker, den Trapattoni zornig abkanzelte, beendete seine Karriere ganz leise.

Thomas Strunz hat alle Spötter überrascht- der Kicker, den Trapattoni zornig abkanzelte, beendete seine Karriere ganz leise. Thomas Strunz hat alle Spötter überrascht- der Kicker, den Trapattoni zornig abkanzelte, beendete seine Karriere ganz leise

Ein Name wie ein Markenzeichen. Thomas Strunz? Aaah, Struunz. Hähähä. »So reagieren alle«, sagt er grinsend. »Alle.« Vier Stummelsätze eines italienischen Fußball-Lehrers genügten, dass im März 1998 aus dem Nationalspieler eine Witzfigur wurde. Aus dem coolen Bayern-Star der Bundes-Struunz. Der archetypische Abzocker. Obwohl er den Trainer gar nicht kritisiert hatte. »Ein Missverständnis«; sagt Strunz heute und lacht, hell und etwas laut.

Was auf die Tirade Trapattonis folgte, war die »Hölle«: Wenn er sich auf die Ersatzbank setzte, grölten die Fans seinen Namen kehlig und hasserfüllt. In der Stadt brüllten ihm die Leute hinterher: »Flasche leer, eh? Was erlauben Strunz?« Drei Wochen lang hoffte er, dass sich alles von allein legen würde. Tat es aber nicht. Irgendwann merkte Strunz, wenn er nicht dagegenhielte, ginge er unter. Setzte sich in die »Harald Schmidt Show«, um zu zeigen, dass er über sich selbst lachen kann. Sprach mit seinem Trainer, mit dem er in all den Tagen kein Wort, nicht mal einen Blick gewechselt hatte. In der nächsten Saison löste Ottmar Hitzfeld Trapattoni ab. Strunz, der Mittelfeldrenner mit der hohen Spielintelligenz, durfte wieder ran. Und langsam wurde in den Stadien aus dem Spottgesang ein fast liebevoller Anfeuerungsruf. Aber das Image des abgebrühten Profis blieb haften - zu selbstsicher, zu wortgewandt trat er auf. Zuletzt kam er in München kaum noch zum Einsatz, obwohl er fit war, nicht wie so oft verletzt. Strunz, 32 Jahre, der ausgemusterte Altstar. »Das Gefühl war nicht mehr da, gebraucht zu werden«; sagt er. »Das Schrecklichste, was ich in meiner Karriere erlebt habe.« Er hätte sich auf die Tribüne setzen können, bis Juni ganz gemütlich Hunderttausende Mark kassieren. Stattdessen ging er am 8. Januar zu Bayern Manager Uli Hoeneß und löste seinen Vertrag auf. »Der hat sich freiwillig in den luftleeren Raum begeben«; staunt Hoeneß.

In der Winterpause war Strunz klar geworden: »Ich will einfach nicht mehr:« Nach zwölf Profijahren, vier Meistertiteln und 41 Länderspielen schlich er sich von der großen Kickerbühne und zog mit seiner Familie aus der Münchner Mietswohnung in sein Haus nach Köln. Hat das ihm einer zugetraut, ihm, Struunz? Kümmert ihn nicht, behauptet er. Aber dann entfährt es ihm, »dass die Leute mir jetzt mit Hochachtung begegnen, darauf bin ich schon stolz«: So langsam begreift der Fußball-Rentner, dass er das Image des Profis Strunz mit einem Federstrich gerettet hat - indem er ihn in den Ruhestand schickte.

Seit Jahren ist der Vater dreier Kinder Mitinhaber einer TV-Produktionsfirma. Spielerberater will er bald werden. Und Italienisch lernen. Eigentlich, sagt er, sei er Trapattoni nicht mehr böse. »Ich bin kein nachtragender Mensch.«

Dann stiefelt er über die Kölner Domplatte davon, mit strunzlangen Schritten und flackernden Haaren, den Kopf nach vorn

gebeugt. Wie früher auf dem Rasen. Kein Blick zurück. Immer so, als hätte er noch etwas vor.

Von Rüdiger Barth

Fotos: Stefan Pick

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