Ausbruch Klinsmanns Medienschelte


Nach dem Spiel gegen die USA holte Jürgen Klinsmann in echter "Rudi Völler-Manier" zum Schlag gegen seine Kritiker aus. Pessimismus und die aggressive Berichterstattung hätten die WM in Gefahr gebracht.

Nach der Wiedergutmachung auf dem Platz holte Jürgen Klinsmann zum persönlichen Befreiungsschlag aus. Der zuletzt heftig attackierte Bundestrainer nutzte die Gunst der Stunde zu einer emotionalen Generalabrechnung mit seinen Kritikern, die an den legendären Wutausbruch von Vorgänger Rudi Völler nach dem 0:0 in Island im September 2003 erinnerte. "Da wird Politik gegen einen gemacht, die zu weit geht und respektlos ist, die aggressiv ist und versucht, Stimmung zu machen beim Publikum. Das hat nichts mit der Arbeit zu tun", beschwerte sich Klinsmann am Mittwochabend nach dem 4:1-Sieg gegen die USA, im Gesicht gezeichnet vom aufgestauten Ärger.

Der nach der 1:4-Vorführung in Florenz sehnlichst erwartete Erfolg gegen eine amerikanische Verlegenheitself war vor allem ein Sieg für Klinsmann. Dass sein unkonventioneller WM-Kurs mit jungem Personal und konsequenter Offensiv-Taktik mit hohem Risiko verbunden war und ist, hat der Trainer-Neuling nie verschwiegen. Doch mit Pessimismus und negativer Aggressivität hätten "einige Leute" nach dem Rückschlag gegen Italien sogar das WM-Unternehmen im eigenen Land gefährdet, klagte der Wahl-Amerikaner und schloss an: "Man kann letztendlich alles kaputt machen, bevor es los geht. Auf dem besten Weg dazu waren wir. Gott sei Dank hat die Mannschaft eine sehr gute Reaktion gezeigt."

"Der Trainer hat sehr viel Kritik eingesteckt"

Nach einer Halbzeit der Verunsicherung und von einem Großteil der 64.500 Fans in Dortmund zur Pause ausgepfiffen, leitete ausgerechnet Bastian Schweinsteiger den Stimmungsumschwung ein. Nach den unbegründeten Wettvorwürfen hatte Klinsmann den 21-jährigen Münchner zunächst aus der Öffentlichkeit genommen und erst nach der Pause aufs Feld geschickt. "Es war super für ihn, dass er ein Tor gemacht hat und er weiß, dass alle hinter ihm stehen", betonte Bayern-Kollege Michael Ballack.

Der DFB-Kapitän (79.), der mit seinem 30. Länderspieltor neben Schweinsteiger (46.), dem überraschend agilen Oliver Neuville (73.) und Miroslav Klose (75.) die deutliche Steigerung der deutschen Elf nach der Pause in einen zählbaren Erfolg umgewandelt hatte, freute sich aber auch speziell für Klinsmann. "Natürlich war der Sieg auch für den Trainer wichtig nach so einer Niederlage in Italien. Wenn danach Nebenkriegsschauplätze zum Hauptschauplatz eröffnet werden, ist es klar, dass es Diskussionen gibt. Aber der Trainer hat sich vor die Mannschaft gestellt, hat sehr viel Kritik eingesteckt."

"Das ist unsere Chance, da müssen wir hundertprozentig drauf bauen"

Dem Bundestrainer hat das positive Ergebnis gegen die USA vor allem gut getan, "weil wir jetzt gezielt weiter arbeiten können, ohne dass uns immer wieder Knüppel zwischen die Beine geschmissen werden". Für Klinsmann ist die unmittelbare Vorbereitung, die am 14. Mai mit der Nominierung des 23-köpfigen WM-Aufgebots eingeläutet wird, die Trumpfkarte, auf die er alles setzt. "Das ist unsere Chance, da müssen wir hundertprozentig drauf bauen, dass wir so einen Geist entwickeln, der uns dann zusammen mit den Zuschauern sehr weit treibt", erklärte Oliver Kahn, der vor allem mit seiner Glanztat gegen Eddie Johnson nach 66 Minuten das Pflänzchen Hoffnung düngte und zugleich Werbung für seine Berufung zum WM-Torwart betrieb.

Die Partie gegen den Fünften der FIFA-Weltrangliste zeigte, auf welch schmalem Grat die WM-Mission verläuft. "Wir haben in Phasen des Spiels gemerkt, dass wir noch nicht so gefestigt sind", bemerkte Christoph Metzelder, auf den Klinsmann große Hoffnungen setzt. "Gewisse Diskussionen wird es bis zum ersten WM-Spiel geben", sagte der Dortmunder Vize-Weltmeister von 2002 voraus. "Das war von Vornherein klar: Wir haben mit einem neuen Trainer angefangen, der immer noch dabei ist, eine junge Mannschaft aufzubauen. Viele sagen, dass die Weltmeisterschaft vielleicht einen Tick zu früh kommt", erklärte Kapitän Ballack.

"Es muss halt alles passen bei uns"

Die Aussagen des 4:1 über die Wettbewerbs-Fähigkeit des Gastgebers halten sich in Grenzen. Zumindest geben die Heimbilanz mit zuletzt vier Siegen in Folge - nur Brasilien konnte in der Klinsmann-Ära in Deutschland gewinnen - und die Signale der WM-Helden von 2002 einen Hoffnungsschimmer. Die Torschützen Klose, der erstmals seit 15 Monaten im DFB-Trikot wieder traf, Neuville und Ballack waren schon vor vier Jahren an der überraschenden Finalteilnahme in Asien beteiligt. Erstmals seit damals spielten auch die beiden Dortmunder Metzelder und Sebastian Kehl wieder zusammen für Deutschland.

Allerdings warnte Ballack vor unbegründeter Euphorie: "Es ist nicht so, dass wir eine große gestandene Mannschaft hätten, die in die WM geht und sagt: 'Wir erwarten ganz, ganz Großes'. Die Ergebnisse in letzter Zeit waren so, dass man auch mit Ausrutschern rechnen muss. Es muss halt alles passen bei uns." Auf der Tribüne im Dortmunder Stadion trauten sich einige Fans dennoch am Ende, ihr gewagtes Spruchband auszupacken: "Deutschland wird Weltmeister."

DPA DPA

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