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Bayern besiegen Marseille: Bereit für Real Madrid

Nach dem 2:0-Erfolg gegen Marseille ist für die Bayern das Erreichen des Champions-League-Halbfinales nur noch Formsache. Dort heißt der Gegner vermutlich Real Madrid. Und wenn schon!

Von Klaus Bellstedt

Nach einer halben Stunde hatten die Bayern genug. Mit körperlicher Präsenz und viel Härte hatte Olympique Marseille bis zu diesem Zeitpunkt alles zunichte gemacht, was die Münchner auch versuchten. Nun hieß es selber mal Flagge zeigen. Die Folge: Innerhalb von vier Minuten kassierten die Bayern in diesem Viertelfinal-Hinspiel der Champions League gleich drei Gelbe Karten. Philipp Lahm wegen Meckerns, Toni Kroos und Luiz Gustavo wegen überharten Einsteigens. Die vier Granden des deutschen Rekordmeisters oben auf der Tribüne der Baustelle Stade Vélodrome, die Herren Franz Beckenbauer, Karl-Heinz Rummenigge, Karl Hopfner und Uli Hoeneß, sahen nicht glücklich aus. Marseille spielte zwar bieder, aber die Südfranzosen waren für ihre bescheidenen Verhältnisse im Champions-League-Modus. Sie fighteten. Und dass die Bayern jetzt endlich dagegen hielten, war goldrichtig.

Es spricht für die Mannschaft von Trainer Jupp Heynckes, dass sie nach ihrem Leistungstief zu Beginn der Rückrunde mittlerweile auch wieder in jenen Partien zu überzeugen weiß, in denen es wie gegen Hoffenheim oder Berlin nicht darum geht, möglichst viele Doppelpässe und im Idealfall zehn Tore per Hackentrick zu erzielen. Gegen "OM" nahmen die Bayern das Spiel des Gegners schlicht an - mag es noch so sehr wehgetan haben. Körperlich.

Winning Ugly

Dass es zur Pause durch das Tor von Mario Gomez (44.) 1:0 für die Münchner stand, war eigentlich nur die logische Konsequenz der im Laufe der Partie vorgenommenen veränderten Gangart des roten Ensembles. Das Spiel der Gäste war viel variabler und auch technisch besser. Umkämpft war es, ja und zerfahren, aber richtig gefährlich wurde es für Torwart Manuel Neuer eigentlich immer nur dann, wenn Marseille von den Bayern zu überfallartigen Kontern eingeladen wurde. Genauso war hier in der Gruppenphase noch Borussia Dortmund unter die Räder gekommen. Aber Bayern ist nicht Dortmund - zumindest nicht auf internationalem Terrain.

Winning Ugly heißt ein berühmtes Buch des ehemaligen amerikanischen Tennisprofis Brad Gilbert. Der Leitfaden in Sachen Sportpsychologie beschreibt, wie man seine Gegner zermürbt und mit bestimmten Tricks eigentlich immer den Platz als Sieger verlässt. Es ist nicht übermittelt, ob Jupp Heynckes seinen Spielern in der Nacht vor dem Spiel gegen Marseille das Büchlein als Bettlektüre aufs Kopfkissen gelegt hat, aber so eine Art Münchner Zermürbungstaktik war in dieser Partie schon zu erkennen - besonders in der zweiten Hälfte.

Erschreckend schwaches "OM"

Da ließen die Bayern ihren Gegner nämlich wunderbar ins offene Messer laufen - und setzten selber immer wieder kleine Nadelstiche in Form von klug durchdachten Gegenangriffen und verwirrendem Kombinationsfußball (Robben, Ribéry, Müller). Klar, "OM" musste nach dem Rückstand mehr tun, das spielte Toni Kroos und Co. in die Karten. Aber wie sie es dann auch zu Ende spielten, noch dazu in einem Europapokal-Auswärtsmatch, das war schon extraklasse.

Das 2:0 durch den starken Arjen Robben (69.) dient dafür als Beweis. Das Endergebnis kam nach einem wunderbaren Doppelpass mit Thomas Müller zustande. Leicht und locker schob der Niederländer aus fünf Metern den Ball ins lange Eck und erzielte sein drittes Königsklassen-Tor in dieser Saison. Das war cool, das war eiskalt, und das war allerhöchstes Champions-League-Niveau - gegen ein zugegebenermaßen am Ende erschreckend schwaches Olympique Marseille.

Keine Angst vor Ronaldo

Einen weiteren Beleg auch für die Cleverness der Bayern in dieser Partie lieferte Bastian Schweinsteiger, der zehn Minuten nach seiner Einwechslung in der 71. Minute wegen eines taktischen Fouls die Gelbe Karte sah. Ein Schelm, wer Böses dabei dachte. Fakt ist: Schweinsteiger ist im Rückspiel gegen Marseille in sechs Tagen nun gesperrt - und geht in das wahrscheinliche Halbfinale gegen Real Madrid nun gänzlich unbelastet.

Apropos Real Madrid: Im Rückspiel am kommenden Dienstag in der Münchner Endspiel-Arena sollten die Bayern gegen den hilflosen Dortmund-Bezwinger ihren sechsten Halbfinal-Einzug in der Königsklasse locker perfekt machen. Und dann geht es aller Voraussicht nach gegen die Königlichen aus Madrid. Als Bayern-Fan muss einem bei dem Gedanken nicht wirklich schwindelig werden. Denn die Erkenntnis aus dem 2:0-Erfolg gegen "OM" lautet: Nach zuletzt teilweise brillant herausgespielten Siegen war der Erfolg in Marseille eher das Produkt von harter Arbeit und viel Cleverness. Die Münchner können mittlerweile wieder fast alles. Genau deshalb müssen sie auch keine Angst vor Cristiano Ronaldo und Mesut Özil haben.

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