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Bayern München: Sag mir, wo die Champions sind

Nach dem verlorenen Finale herrscht bei den Bayern Tristesse. In der neuen Spielzeit muss sich einiges ändern, um das "Vizekusen"-Stigma möglichst schnell wieder abzulegen.

Von Cord Sauer

Vizemeister, Vize-Pokalsieger, Vize-Champions-League-Sieger - die Liste der zweiten Plätze ist so lang wie noch nie bei den Bayern. Andere Vereine können von einer solchen Saison nur träumen, doch für die Münchner ist es eine verkorkste Spielzeit, die aufgearbeitet werden muss. Worauf kommt es jetzt bei den Bayern an? Was muss sich ändern? Ein Ausblick auf die größten Baustellen im Team.

1. Berechenbare Flügelzange

In München wirbelt die beste Flügelzange der Welt. Mit Franck Ribéry links und Arjen Robben rechts ist Bayern ausgezeichnet besetzt. Doch genau hier liegt auch eine große Gefahr: Hat "Robbery" wie in Berlin gegen den BVB mal keine Lust, hinkt die Offensive der Münchner. Einen kreativen Geist im offensiven Mittelfeld, einen, der das Spiel parallel an sich reißt, gibt es nicht.

Nach dem Pokaldebakel gegen Dortmund litt das Bayern-Spiel auch gegen Chelsea unter Einfallslosigkeit. Geballte Offensive wurde nicht in Tore umgemünzt, was auch daran lag, dass der Gegner genau wusste, was auf ihn zukommen würde.

2. Wer ist hier der Boss?

"Ich habe heute keinen Jens Jeremies gesehen, der schon beim Einlaufen den Gegner in die Waden beißt." Uli Hoeneß brachte es nach dem vergeigten Finale auf den Punkt. Wo ist momentan der aggressive Leader auf dem Platz? Es gibt ihn nicht mehr. Stefan Effenberg, Oliver Kahn und zuletzt Mark van Bommel haben diese Rolle geprägt.

Nun heißt der Chef auf dem Platz Bastian Schweinsteiger. Ein eher braver Chef. Das extrovertierte Kampfschwein, das Bayern eben doch manchmal braucht, ist er genausowenig wie Philipp Lahm, der Kapitän.

Im finalen Elfmeterschießen kam dann noch ein weiteres Problem hinzu. Dort fehlten nicht nur die abgezockten Kampfschweine, sondern auch diejenigen Führungsspieler, die jederzeit Verantwortung übernehmen. Den dritten Elfer schoss: Torwart Manuel Neuer. Das war nicht als Demütigung für Chelsea gedacht, sondern aus der Not geboren. Die Bayern-Stars verkrochen sich, als es vor dem Shootout um die Festlegung der Schützen ging.

3. Monotone Trainer-Taktik

Jupp Heynckes hat als Trainer viele Erfolge gefeiert. Vielleicht ist auch das ein Grund für seine ausgeprägte Ruhe und Gelassenheit, die er in seinem fortgeschrittenen Trainerdasein beim FC Bayern an den Tag legt. Mit Aussagen wie "Ich sehe alles lockerer und gelassener" und "Ich habe alles erreicht, was man als Spieler und Trainer erreichen kann", deuten sich Abnutzungserscheinungen an.

Heynckes' Ideenreichtum ist begrenzt. Das stellte er auch im großen Finale unter Beweis. Der Coach schickte seine Elf ohne einen Plan B auf den Rasen und musste über die gesamte Spieldauer mit ansehen, wie zehn Feldspieler von Chelsea London hinter dem Ball standen.

Mit der Einwechslung von Daniel van Buyten für Thomas Müller wurden drei Spieler aus ihren Positionen herausgerissen, das Spielsystem wurde so zerstört - und die Mannschaft nachhaltig verunsichert. Auch das war ein Fehler von Heynckes.

4. Hoeneß muss Robben endlich einnorden

Einen Spieler, der seinen Verein mit zwei verschossenen Elfmetern in zwei Wettbewerben um zwei große Titel bringt, hat es wohl noch nie gegeben. Arjen Robben hat es geschafft. Nach seinem Fehlschuss im Meisterschafts-Endspiel gegen Dortmund trat der Holländer auch im Champions-League-Finale zum Elfmeter an. Robben fordert seine Nerven permanent heraus - und scheitert wieder und wieder.

Der Egozentriker hat bewiesen: Er will Verantwortung übernehmen, kann es aber nicht. So macht er sich immer unbeliebter in der Mannschaft. Gegen Chelsea wollte er das Spiel allein entscheiden, suchte deshalb öfter den Abschluss als das Abspiel und riss den Ball bei jedem Freistoß immer als Erster an sich. Robben ist alles - nur kein Teamplayer. Uli Hoeneß ist der Einzige bei den Bayern, dem man zutrauen kann, den Niederländer mit einem Machtwort in die Spur zu bringen. Robben muss sich ändern. Sonst gefährdert er mit seiner Art auch weiterhin den Erfolg der Münchner.

5. Einkaufstour reloaded

Es ist wirklich absurd: Der FC Bayern, der in der Regel alle zwei Jahre auf große Shoppingtour geht, muss schon wieder tief in die Tasche greifen. Dem Klub fehlt es an Klasse - vor allem auf der Bank. Zugegeben, für das Endspiel waren mit Badstuber, Alaba und Gustavo drei Stammkräfte gesperrt, aber es ist schon grotesk, wenn "Sechser" Timoschtschuk in der Viererkette aushelfen muss, weil keine bessere Option zur Verfügung steht.

Die fehlende Qualität in der Breite macht sich in der Bundesliga nicht bemerkbar, doch um Europas Fußball-Krone zu holen, reichen Petersen, Usami oder Pranjic in der Hinterhand nicht aus.

Immerhin, ein Anfang ist gemacht: Mit Xherdan Shaqiri (Basel) und Dante (Gladbach) verstärken künftig zwei Topspieler den Kader. So muss es jetzt weiter gehen. Nur eine grundlegende Blutauffrischung kann dem Team jetzt helfen, sich vom Final-Trauma zu befreien und unbekümmert in die neue Saison zu starten.

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