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Bayern steht im Champions League-Halbfinale Nervenkitzel für den Rhythmus


Der FC Bayern München kämpft sich ins Halbfinale der Champions League. Doch beim 3:1 gegen Manchester United müssen die Bayern feststellen: In K.o.-Spielen reicht der Schluffi-Modus nicht.
Von Felix Haas

Als Thomas Müller in der 84. Minute den Rasen der Allianz Arena verließ, brachen bei Pep Guardiola alle Gefühlsdämme (für seine zurückhaltenden Verhältnisse zumindest). Der Münchner Starcoach lief seinem Spieler mit einem breiten Grinsen entgegen, klatschte ihn mit hochgerissenen Armen ab und nahm ihn dann noch in den Arm. 3:1 stand es da schon, der Halbfinal-Einzug war so gut wie perfekt. Guardiola wirkte gelöst. "Wenn wir nicht ins Halbfinale kommen wäre das ein großer Mistake für den Trainer", hatte er vor dem Spiel gesagt. In dieser 84. Minute wusste er: Den Mistake, den Misserfolg oder den Fehler, es wird ihn nicht geben. Aber Guardiola wusste auch: So leicht, wie es das Ergebnis am Ende ausdrückte, war das Weiterkommen dann auch nicht.

Traumtor von Manchesters Evra

Es gab sie in der ersten Halbzeit ja zuhauf, diese Momente, in denen das Bayern-Spiel dasselbe eintönige Bild wie beim Hinspiel in der Vorwoche bot: Kroos und Lahm spulten ihre gefühlten fünfhundert Pässe im Mittelfeld ab, verlagerten das Spiel mal nach rechts, mal nach links. Robben setzte hier einen Spurt an, Ribery schlug dort mal eine Flanke. Am Ende stand dann zwar irgendwann ein Torschuss, aber eben einer, der entweder zehn Meter über das Tor sauste oder aber in die Hände von Manchester Keeper de Gea kullerte. Die Bayern waren wieder im Schluffi-Modus angekommen. Es fehlte – wie im Hinspiel - der letzte Zug zum Tor.

Und so passte es ins Bild, dass Manchesters Antonio Valencia in der 57. Minute die linke Bayern-Abwehrseite überrannte, einen weiten Ball an den Sechzehner zurückschlug, und Uniteds Linksverteidiger Patrice Evra von dort einen herrlichen Spannschuss in den Winkel des Bayern-Tores hämmerte. Da war der Mistake plötzlich ganz nah. Manchester führte. Dem Titelverteidiger drohte das aus.

Die Angst vor dem Fall währt nicht lange

Sie hatten ja ohnehin gezweifelt wie lange nicht in München: Bringen die vielen Rotationen nach der vorzeitigen Meisterschaft das Team aus dem Rhythmus? Fehlt der verletzte Thiago mit seinem Raumgefühl und seinen genialen Pässen vielleicht doch mehr als angenommen? Und ist der Luxuskader nach den Sperren für Schweinsteiger und Javier Martinez am Ende doch gar nicht so breit wie benötigt? Evras Tor schien die Befürchtungen zu bestätigen.

Nun gehört zu der Geschichte des Spiels natürlich, dass die Angst vor dem Fall dieser bayrischen Über-Mannschaft nicht einmal für eine Minute Bestand hatte. Denn noch bevor die Zweifel wirklich reifen konnte, hatte Mario Mandzukic schon per Kopf den 1:1-Ausgleich erzielt. Und von da an ging alles ganz schnell. Manchester verlor Ordnung und Übersicht, die Bayern entdeckten ihre Spielfreude wieder. Thomas Müller erzielte nach Vorlage von Arjen Robben keine zehn Minuten später die Münchner Führung, Robben wiederum schoss weitere zehn Minuten später zum 3:1-Endstand ein.

"Immer wieder anrennen"

Die Bayern erwachten also gerade rechtzeitig aus ihrer Lethargie. Sie brauchten scheinbar den Nervenkitzel der drohenden Niederlage, um nach Wochen der entscheidungslosen Bundesliga-Spiele endlich einmal wieder an ihre Grenzen zu gehen. Sie brauchten die Herausforderung. Das bestätigte auch Sportvorstand Matthias Sammer nach Spielschluss im ZDF: "Wir werden im Alltag nicht mehr gefordert. Die Meisterschaft ist vergeben. Diese Situation: Heute geht es um alles - das hatten wir länger nicht. Für die Spieler ist das in der Anspannung ein Unterschied wie Tag und Nacht."

Pep Guardiola kann von Glück reden, dass die Anspannung fürs Erste automatisch erhalten bleiben dürfte: Am Samstag steht in der Bundesliga das Duell mit Borussia Dortmund an, danach folgt das DFB-Pokal-Halbfinale gegen den 1.FC Kaiserslautern. So wirkte Guardiolas Fazit zum Manchester-Spiel ein wenig wie ein Ausblick auf die kommenden Wochen: "Wir müssen immer wieder spielen. Immer wieder anrennen. Wir waren geduldig. Und auch etwas glücklich, aber", und das fügte er noch erleichtert hinzu: "wir sind im Halbfinale." Der Trainer hat letztlich also doch keinen Mistake gemacht.

Von Felix Haas

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